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Steuerberatung

Zur Erkennbarkeit von Ermittlungen der Steuerfahndung

FG Münster v. 19.2.2019 - 12 K 19/14 E,AO

Das FG Müns­ter hat sich mit der Frage be­fasst, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen es für den Steu­er­pflich­ti­gen klar und ein­deu­tig er­kenn­bar ist, dass die Steu­er­fahn­dung ge­gen ihn i.S.v. § 171 Abs. 5 Satz 1 AO er­mit­telt.

Der Sach­ver­halt:
Die Kläge­rin be­trieb im Streit­jahr in S ein ge­werb­li­ches Ein­zel­un­ter­neh­men. Es be­fasste sich mit all­ge­mei­ner Wirt­schafts­be­ra­tung und Ver­kehrs­pla­nung und war als Bauträger tätig. Das zunächst zuständige Fi­nanz­amt S hatte den Ein­kom­men­steuer-Be­scheid 2001 un­ter den Vor­be­halt der Nachprüfung ge­stellt. Im An­schluss an das Er­geb­nis ei­ner Prüfung durch die Steu­er­fahn­dungs­stelle des Fi­nanz­am­tes U (Prüfbe­richt vom 16.11.2009) er­ließ das Fi­nanz­amt S mit Da­tum vom 28.1.2010 un­ter Be­ru­fung auf § 164 Abs. 2 AO einen Ände­rungs­be­scheid für das Streit­jahr, in dem ein Ge­winn aus Ge­wer­be­be­trieb er­fasst wurde. In die­sem Zu­sam­men­hang blie­ben als Be­triebs­aus­ga­ben erklärte Pro­vi­si­ons­zah­lun­gen im Rah­men der Ge­winn­er­mitt­lung des Ein­zel­un­ter­neh­mens un­berück­sich­tigt.

Ge­gen den Ein­kom­men­steuer-Ände­rungs­be­scheid 2001 er­hob die Kläge­rin durch Schrei­ben vom 5.2.2010 Ein­spruch, der gleich­lau­tend auch ge­gen den ent­spre­chen­den Ge­wer­be­steuer-Mess­be­trags­be­scheid 2001 ein­ge­legt wurde. Im Ver­fah­ren ge­gen den Ge­wer­be­steuer-Mess­be­trags­be­scheid, in­so­weit blieb das Fi­nanz­amt S zuständig, leg­ten die Be­tei­lig­ten den Rechts­streit vor dem Nie­dersäch­si­schen FGanz­ge­richt (Az. 14 K 360/11) in der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 5.2.2013 gütlich bei. Der Ver­tre­ter des Fi­nanz­am­tes erklärte sich be­reit, Pro­vi­si­ons­zah­lun­gen als be­trieb­lich ver­an­lasst an­zu­er­ken­nen und einen ent­spre­chend geänder­ten Ge­wer­be­steuer-Mess­be­trags­be­scheid 2001 zu er­las­sen.

In der Ein­spruchs­ent­schei­dung be­tref­fend Ein­kom­men­steuer 2001 vom 27.11.2013 änderte das Fi­nanz­amt den streit­be­fan­ge­nen Be­scheid und er­fasste den Ge­winn aus Ge­wer­be­be­trieb ent­spre­chend der Ei­ni­gung im Ver­fah­ren zum Ge­wer­be­steuer-Mess­be­trags­be­scheid. Mit Schrei­ben vom 2.1.2014 er­hob die Kläge­rin ge­gen die Ein­spruchs­ent­schei­dung Klage. Zur Begründung trägt sie vor, der im An­schluss an die Fahn­dungsprüfung er­gan­gene Ein­kom­men­steuer-Ände­rungs­be­scheid sei we­gen ein­ge­tre­te­ner Fest­set­zungs­verjährung zu­min­dest rechts­wid­rig. Die vierjährige Re­gel­verjährungs­frist ende bei Ab­gabe der Steu­er­erklärung im Jahr 2002 mit Ab­lauf des 31.12.2006. Der Ab­lauf der Frist sei we­der nach § 171 Abs. 5 Satz 1 AO noch nach § 171 Abs. 5 Satz 2 AO ge­hemmt ge­we­sen.

§ 171 Abs 5 Satz 1 AO führe zur Verjährungs­hem­mung, wenn die Steu­er­fahn­dung mit der Er­mitt­lung der Be­steue­rungs­grund­la­gen be­ginne, und zwar bei dem Steu­er­pflich­ti­gen. Das be­deute, die Er­mitt­lun­gen müss­ten sich er­sicht­lich ge­gen den Steu­er­pflich­ti­gen rich­ten und der Steu­er­pflich­tige müsse klar und ein­deu­tig er­ken­nen können, in wel­chen kon­kre­ten Steu­er­an­ge­le­gen­hei­ten er­mit­telt werde. Die Ab­lauf­hem­mung nach § 171 Abs. 5 Satz 2 AO trete ein, wenn dem Steu­er­pflich­ti­gen vor Ab­lauf der Fest­set­zungs­frist die Ein­lei­tung ei­nes Steuer- oder Bußgeld­ver­fah­rens förm­lich i.S. des § 122 Abs. 1 AO be­kannt ge­ge­ben wor­den sei.

Das FG wies die Klage ab. Die Re­vi­sion zum BFH wurde we­gen nicht zu­ge­las­sen.

Die Gründe:
Das Fi­nanz­amt ist zu­tref­fend da­von aus­ge­gan­gen, dass dem Er­lass des streit­be­fan­ge­nen Be­schei­des der Ab­lauf der Fest­set­zungs­frist nicht ent­ge­gen­stand.

Die Re­gel­verjährungs­frist nach § 169 Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 170 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 AO be­ginnt im Streit­fall am 1.1.2003 (Ein­gang der Ein­kom­men­steuer-Erklärung 2001 bei dem Fi­nanz­amt S in 2002) und en­det am 31.12.2006. Der streit­be­fan­gene, auf­grund der Steu­er­fahn­dungsprüfung er­gan­gene Ein­kom­men­steuer-Ände­rungs­be­scheid 2001 vom 28.01.2010 ist nach Ab­lauf der Re­gel­verjährungs­frist er­gan­gen. Der Ab­lauf der Re­gel­verjährungs­frist war nicht nach § 171 Abs. 5 Satz 2 AO ge­hemmt, weil der Kläge­rin die Ein­lei­tung des Straf­ver­fah­rens nicht gem. § 122 Abs. 2 AO be­kannt­ge­ge­ben wor­den war.

Der Frist­ab­lauf war je­doch nach § 171 Abs. 5 Satz 1 AO ge­hemmt. Be­gin­nen die mit der Steu­er­fahn­dung be­trau­ten Dienst­stel­len ei­ner Lan­des­fi­nanz­behörde vor Ab­lauf der Fest­set­zungs­frist beim Steu­er­pflich­ti­gen mit Er­mitt­lun­gen der Be­steue­rungs­grund­la­gen, läuft die Fest­set­zungs­frist gem. § 171 Abs. 5 Satz 1 AO in­so­weit nicht ab, be­vor die auf­grund der Er­mitt­lun­gen zu er­las­sen­den Steu­er­be­scheide un­an­fecht­bar ge­wor­den sind. Vor­aus­set­zung für die verjährungs­hem­mende Wir­kung der Er­mitt­lun­gen der Be­steue­rungs­grund­la­gen ist, dass für den Steu­er­pflich­ti­gen klar und ein­deu­tig er­kenn­bar ist, in wel­chem kon­kre­ten Be­steue­rungs- bzw. Straf­ver­fah­ren die Steu­er­fahn­dung er­mit­telt. Bei einem Steu­er­pflich­ti­gen ist mit den Er­mitt­lungsmaßnah­men be­gon­nen wor­den, wenn sich die Er­mitt­lungs­hand­lun­gen ge­gen den be­trof­fe­nen Steu­er­schuld­ner selbst oder ge­gen das Ver­tre­tungs­or­gan des Steu­er­schuld­ners rich­ten.

Un­ter Berück­sich­ti­gung die­ser Recht­spre­chung des BFH, der sich der er­ken­nende Se­nat an­schließt, war der Frist­ab­lauf im Streit­fall gem. § 171 Abs. 5 Satz 1 AO ge­hemmt. Im Ent­schei­dungs­fall sind un­strei­tig ge­gen die Kläge­rin vor Ab­lauf der Re­gel­verjährungs­frist, also vor dem 31.12.2006, aus­weis­lich der Nach­wei­sung im Steu­er­straf­ver­fah­ren ge­gen die Kläge­rin am 3.5.2006 Er­mitt­lun­gen durch­geführt wor­den. Sie hatte da­von auch un­strei­tig grundsätz­lich Kennt­nis er­langt. Strei­tig ist, ob für die Kläge­rin klar und ein­deu­tig er­kenn­bar war, in wel­chem kon­kre­ten Be­steue­rungs- bzw. Straf­ver­fah­ren der Steu­er­fahn­dung ge­gen sie er­mit­telt wurde. Ins­be­son­dere hat die Fahn­dung in­so­weit Ge­schäfts­un­ter­la­gen der B, dem sei­ner­zei­ti­gen Ein­zel­un­ter­neh­men der Kläge­rin, und Ein­kom­men­steu­er­un­ter­la­gen der Kläge­rin aus dem Jahre 2001 be­schlag­nahmt. Das lässt klar und ein­deu­tig er­ken­nen, dass es um die Ein­kom­men­steuer 2001 der Kläge­rin und hier um die Einkünfte aus dem Ge­wer­be­be­trieb B ging. Der Nach­weis über die be­schlag­nahm­ten Un­ter­la­gen ist zwar nicht der Kläge­rin aus­gehändigt wor­den, son­dern aus­weis­lich des Be­schlag­nah­me­pro­to­kolls der an­we­sen­den Frau H. Es ist je­doch da­von aus­zu­ge­hen, dass die Kläge­rin bzw. ihr Pro­zess­ver­tre­ter, Herr Rechts­an­walt T, von dem Durch­su­chungs-/Be­schlag­nah­me­pro­to­koll un­verzüglich und vollständig Kennt­nis er­langt hat.

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