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EuGH zur Umsatzsteuerbefreiung für medizinische Telefonberatung

Die medizinische Telefonberatung ist nicht nur angesichts der Corona-Pandemie im Vormarsch. Doch wie steht es um die umsatzsteuerliche Einordnung dieser Leistungen?

Beim Betrieb von Gesund­heits­te­le­fo­nen und Pati­en­ten­be­g­leit­pro­gram­men stellt sich die Frage, ob diese in umsatz­steu­er­li­cher Hin­sicht noch als umsatz­steu­er­f­reie Heil­be­hand­lung oder mit die­ser eng ver­bun­de­nen Leis­tung nach § 4 Nr. 14 UStG betrach­tet wer­den kön­nen.

In dem vor­lie­gen­den Fall wur­den Ver­si­cherte von einer GmbH im Auf­trag von Kran­ken­kas­sen tele­fo­nisch zu ver­schie­de­nen Gesund­heits- und Krank­heits­the­men bera­ten und Pati­en­ten­be­g­leit­pro­gramme durch­ge­führt. Die tele­fo­ni­schen Bera­tungs­leis­tun­gen wur­den durch Kran­ken­schwes­tern und medi­zi­ni­sche Fach­an­ge­s­tellte erbracht, die größ­t­en­teils als Gesund­heits­coa­ches aus­ge­bil­det waren. Im Rah­men des Gesund­heits­te­le­fons wur­den Diag­no­sen und mög­li­che The­ra­pien erklärt und Rat­schläge erteilt. Die Teil­neh­mer der Pati­en­ten­be­g­leit­pro­gramme, die von der Klä­ge­rin ange­ru­fen wur­den, konn­ten bei Fra­gen die Hot­line errei­chen. In ca. einem Drit­tel der Fälle wurde ein Arzt hin­zu­ge­zo­gen.

Die GmbH stufte die Umsätze aus der Tele­fon­be­ra­tung als Heil­be­hand­lun­gen im Bereich der Human­me­di­zin ein und mel­dete inso­weit steu­er­f­reie Umsätze an. Das Finanz­amt hin­ge­gen beur­teilte die betref­fen­den Umsätze als steu­erpf­lich­tig.

Der BFH legte das Ver­fah­ren nun­mehr dem Euro­päi­schen Gerichts­hof (EuGH) mit den Rechts­fra­gen zur Vor­a­b­ent­schei­dung vor, ob die tele­fo­ni­sche Bera­tung zu Gesund­heits­the­men unter den Anwen­dungs­be­reich von Art. 132 Abs .1 Ziff. c Mehr­wert­steu­er­sys­tem­richt­li­nie (MwSt­Sy­s­tRL) fällt und ob es für den erfor­der­li­chen beruf­li­chen Befähi­gungs­nach­weis aus­reicht, dass die tele­fo­ni­schen Bera­tun­gen von „Gesund­heits­coa­ches“ durch­ge­führt wer­den und ledig­lich in ca. einem Drit­tel der Fälle ein Arzt hin­zu­ge­zo­gen wird. 

Für den BFH war klär­ungs­be­dürf­tig,

  • ob es sich bei den frag­li­chen Leis­tun­gen der GmbH um Heil­be­hand­lun­gen han­delt, für die der Anwen­dungs­be­reich des § 4 Nr. 14a Satz 1 UStG, Art. 132 Abs. 1 Buchst. c MwSt­Sy­s­tRL eröff­net sei und
  • ob eine Heil­be­hand­lung auch vor­lie­gen könne, wenn noch offen sei, ob die Bera­tung in eine Heil­be­hand­lung mün­det und ob die Coa­ches Ärzte sein bzw. einen arztähn­li­chen Beruf aus­ü­ben müs­sen.

Der EuGH hat nun mit Urteil vom 5.3.2020 (Rs. C-48/19) ent­schie­den, Art. 132 Abs. 1 Buchst. c MwSt­Sy­s­tRL sei dahin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass tele­fo­nisch erbrachte Bera­tungs­leis­tun­gen in Bezug auf Gesund­heit und Krank­hei­ten unter die in die­ser Vor­schrift vor­ge­se­hene Mehr­wert­steu­er­be­f­rei­ung fal­len kön­nen, sofern sie eine the­ra­peu­ti­sche Ziel­set­zung ver­fol­gen; dies zu prü­fen sei aber Sache des vor­le­gen­den Gerichts. Steu­er­be­f­reite Heil­be­hand­lungs­leis­tun­gen kön­nen anders als Kran­ken­haus­leis­tun­gen ort­s­un­ab­hän­gig und damit grund­sätz­lich auch tele­fo­nisch erbracht wer­den. Die Steu­er­be­f­rei­ung der tele­fo­ni­schen Bera­tung setzt aber einen the­ra­peu­ti­schen Zweck vor­aus.  Wenn die Bera­tun­gen u. a. darin beste­hen, dass die in Betracht kom­men­den Diag­no­sen und The­ra­pien erläu­tert und ggf. Ände­run­gen der durch­ge­führ­ten Behand­lun­gen vor­ge­schla­gen wer­den und die Pati­en­ten ihre medi­zi­ni­sche Situa­tion dadurch bes­ser ver­ste­hen, kann darin ein the­ra­peu­ti­scher Zweck gese­hen wer­den. Die Ertei­lung all­ge­mei­ner Aus­künfte, insb. auch rein admi­ni­s­t­ra­ti­ver Art, hin­ge­gen erfülle die­sen Zweck laut Auf­fas­sung des EuGH nicht.

Nach Auf­fas­sung des EuGH sei aus Art. 132 Abs. 1 Buchst. c MwSt­Sy­s­tRL nicht zu schluss­fol­gern, dass Kran­kenpf­le­ger und medi­zi­ni­sche Fach­an­ge­s­tellte, die Heil­be­hand­lun­gen im Bereich der Human­me­di­zin erbrin­gen, im Fall der tele­fo­ni­schen Leis­tung­s­er­brin­gung zusätz­li­chen Anfor­de­run­gen an die beruf­li­che Qua­li­fi­ka­tion genü­gen müss­ten. Die Steu­er­be­f­rei­ung könne auch dann zur Anwen­dung kom­men, wenn davon aus­ge­gan­gen wer­den könne, dass sie ein ver­g­leich­ba­res Qua­li­täts­ni­veau auf­wei­sen wie die von ande­ren Anbie­tern auf diese Weise erbrach­ten Leis­tun­gen. Dies zu prü­fen sei aber ebenso Sache des vor­le­gen­den Gerichts.

Hin­weis

Es bleibt abzu­war­ten, wel­che Auf­fas­sung der BFH hin­sicht­lich der Not­wen­dig­keit einer (Zusatz-)Qua­li­fi­ka­tio­nen der „Gesund­heits­coa­ches“ in dem nun abzu­sch­lie­ßen­den natio­na­len Ver­fah­ren ver­tritt.

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