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Steuerberatung

Umsatzsteuerpflichtige Leistungen von Privatkliniken

Kran­ken­haus­be­hand­lun­gen und ärzt­li­che Heil­be­hand­lun­gen ein­schließlich der Dia­gnos­tik, Be­fun­der­he­bung, Vor­sorge, Re­ha­bi­li­ta­tion, Ge­burts­hilfe und Hos­piz­leis­tun­gen ‒ so­wie da­mit eng ver­bun­dene Umsätze ‒ sind nach § 4 Nr. 14 Buchst. b UStG grundsätz­lich steu­er­frei. Dies gilt al­ler­dings nur, wenn sie von be­stimm­ten Ein­rich­tun­gen er­bracht wer­den. Die Steu­er­be­frei­ung für Leis­tun­gen von Pri­vat­kli­ni­ken nach § 30 GewO, d. h. Kli­ni­ken ohne Zu­las­sung nach § 108 SGB V, galt bis zum 01.01.2020 nur ein­ge­schränkt und ist von wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen abhängig, auch wenn sie in ver­gleich­ba­rer Si­tua­tion und mit Ver­fah­rens- und Be­hand­lungs­me­tho­den wie Kran­kenhäuser, die nach § 108 SGB V zu­ge­las­sen sind, die glei­chen me­di­zi­ni­sch not­wen­di­gen Leis­tun­gen er­brin­gen.

Rechtslage bis 31.12.2019

Nach dem von 2009 bis ein­schließlich 2019 gel­ten­den na­tio­na­len Recht wa­ren Pri­vat­kli­ni­ken mit ih­ren Kran­ken­haus­leis­tun­gen um­satz­steu­er­pflich­tig. Sie konn­ten sich je­doch nach Auf­fas­sung der Fi­nanz­ver­wal­tung auf die Um­satz­steu­er­frei­heit nach der Mehr­wert­steu­er­sys­tem-Richt­li­nie (Art. 132 Abs. 1 Buchst. b MwSt­Sys­tRL) be­ru­fen, wenn sie ein ver­gleich­ba­res Leis­tungs­spek­trum wie öff­ent­li­che Kran­kenhäuser oder Plank­ran­kenhäuser er­bracht und ent­we­der min­des­tens in 40 % der Fälle keine höheren Ent­gelte als nach der Bun­des­pfle­ge­satz­ver­ord­nung oder dem Kran­ken­haus­ent­gelt­ge­setz ver­langt ha­ben oder min­des­tens 40 % der Leis­tun­gen ge­setz­lich Ver­si­cher­ten, So­zi­al­hil­fe­empfängern und ver­gleich­ba­ren Pa­ti­en­ten zu­gut­ege­kom­men sind. Ein BMF-Schrei­ben vom 06.10.2016 (Az. III C 3 - S 7170/10/10004) stellte klar, dass Ent­gelte für Wahl­leis­tun­gen in die Be­rech­nung der 40 %-Grenze nicht ein­zu­be­zie­hen wa­ren, wenn das Ent­gelt für die Wahl­leis­tun­gen in einem an­ge­mes­se­nen Verhält­nis zu den all­ge­mei­nen Kran­ken­haus­leis­tun­gen ge­stan­den hat. Die Pri­vat­kli­nik hatte fak­ti­sch ein Wahl­recht: Sie konnte sich auf die Um­satz­steu­er­pflicht nach na­tio­na­lem Recht oder auf die Steu­er­be­frei­ung nach EU-Recht be­ru­fen.

Rechtslage ab 2020

Ab 2020 wur­den die ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen für die Um­satz­steu­er­be­frei­ung na­hezu iden­ti­sch in das na­tio­nale Ge­setz (§ 4 Nr. 14 Buchst. b Satz 2 Dop­pel­buchst. aa UStG) über­nom­men. Lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen für die Steu­er­be­frei­ung da­nach vor, kann auf sie nicht ver­zich­tet wer­den. Die Pri­vat­kli­nik hat also kein Wahl­recht mehr.

Anforderungen an die Umsatzsteuerbefreiung

Über die An­for­de­run­gen an die Um­satz­steu­er­be­frei­ung be­steht al­ler­dings wei­ter­hin Streit. Diese sind auch nach Auf­nahme in das Ge­setz nicht ein­deu­tig und zwei­fels­frei de­fi­niert und da­her aus­le­gungs­bedürf­tig. Im Mit­tel­punkt der Dis­kus­sion steht u. a. die Frage, ob die Be­din­gun­gen, un­ter de­nen die Pri­vat­kli­nik tätig ist, mit de­nen von Plank­ran­kenhäusern ver­gleich­bar sind. Die Ver­gleich­bar­keit in so­zia­ler Hin­sicht liegt dann vor, wenn min­des­tens 40 % der jähr­li­chen Be­le­gungs- und Be­rech­nungs­tage auf Pa­ti­en­ten ent­fal­len sind, bei de­nen für die Kran­ken­haus­leis­tun­gen kein höheres Ent­gelt als für all­ge­meine Kran­ken­haus­leis­tun­gen nach dem Kran­ken­haus­ent­gelt­ge­setz oder der Bun­des­pfle­ge­satz­ver­ord­nung be­rech­net wurde oder min­des­tens 40 % der Leis­tun­gen den in § 4 Nr. 15b UStG ge­nann­ten Per­so­nen zu­gut­ege­kom­men sind.

Berücksichtigung von Entgelten für Wahlleistungen

Ent­gelte, die für Wahl­leis­tun­gen be­rech­net wur­den, wa­ren nach dem Schrei­ben des BMF ausdrück­lich nicht in die Be­rech­nung der 40 %-Grenze der jähr­li­chen Be­le­gungs- oder Be­rech­nungs­tage ein­zu­be­zie­hen, so­fern das Ent­gelt für die Wahl­leis­tun­gen ent­spre­chend § 17 Abs. 1 KHEntgG in einem an­ge­mes­se­nen Verhält­nis zu den all­ge­mei­nen Kran­ken­haus­leis­tun­gen stand.

Die­ser Pas­sus ist nicht in den Ge­set­zes­text über­nom­men wor­den. Da das BMF-Schrei­ben nicht geändert oder auf­ge­ho­ben wor­den ist, spricht je­doch Ei­ni­ges dafür, dass die Fi­nanz­behörden auch wei­ter­hin von der Ein­be­zie­hung von Wahl­leis­tun­gen ab­se­hen. Al­ler­dings wird die­ser Punkt der­zeit von den Fi­nanzämtern un­ter­schied­lich be­han­delt. Bis zu ei­ner Klar­stel­lung im Um­satz­steuer-An­wen­dungs­er­lass be­steht in­so­weit eine Un­si­cher­heit, die je­weils mit dem zuständi­gen Fi­nanz­amt ab­zu­stim­men ist. So­lange wird man das BMF-Schrei­ben vom 06.10.2016 in der Ar­gu­men­ta­tion ge­genüber dem Fi­nanz­amt nut­zen können.

Neue Grundsätze zur Umsatzsteuerbefreiung durch EuGH-Urteil

Bei der Ar­gu­men­ta­tion kann zusätz­lich das Ur­teil des EuGH vom 05.03.2020 (Rs. C-211/18) her­an­ge­zo­gen wer­den, mit dem die­ser neue Grundsätze zur Um­satz­steu­er­be­frei­ung von pri­va­ten Kran­kenhäusern auf­stellt.

Aus der Ent­schei­dung des EuGH kann aus un­se­rer Sicht ab­ge­lei­tet wer­den, dass eine starre Grenze wie sie in § 4 Nr. 14 Buchst. b Satz 2 Dop­pel­buchst. aa) UStG vor­ge­se­hen ist, nicht mit den Vor­ga­ben nach Art. 132 Abs. 1 Buchst. B MwSt­Sys­tRL ver­ein­bar ist. Der EuGH stellt fest, dass aus dem Wort­laut der Be­stim­mung her­vor­geht, dass die Be­frei­ung der von pri­va­ten Kran­ken­haus­ein­rich­tun­gen durch­geführ­ten Heil­be­hand­lun­gen da­von abhängig ist, dass diese Leis­tun­gen un­ter Be­din­gun­gen er­bracht wer­den, die mit den Be­din­gun­gen für Ein­rich­tun­gen des öff­ent­li­chen Rechts in so­zia­ler Hin­sicht ver­gleich­bar sind. Da sich diese Vor­aus­set­zung auf die er­brach­ten Leis­tun­gen und nicht auf den be­tref­fen­den Leis­tungs­er­brin­ger be­ziehe, sei der An­teil der Heil­be­hand­lun­gen, die im Sinne die­ser Vor­schrift un­ter Be­din­gun­gen durch­geführt wer­den und die in so­zia­ler Hin­sicht ver­gleich­bar seien, im Verhält­nis zur ge­sam­ten Tätig­keit des Leis­tungs­er­brin­gers für die An­wen­dung der in Art. 132 Abs. 1 Buchst. b MwSt­Sys­tRL vor­ge­se­he­nen Be­frei­ung nicht re­le­vant.

Das Merk­mal „in so­zia­ler Hin­sicht“ be­zieht sich da­her nach dem Ur­teil des EuGH nicht auf die ge­samte Leis­tungstätig­keit des Leis­tungs­er­brin­gers, son­dern auf die von ihm im Ein­zel­fall er­brach­ten Umsätze. Dies führt nach An­sicht des EuGH zur Uni­onrechts­wid­rig­keit ei­ner star­ren Grenze. Es gehe also nicht darum, den Un­ter­neh­mer als sol­chen zu begüns­ti­gen, son­dern die Umsätze zu be­freien, bei de­nen die Preis­ge­stal­tung so­zia­len Vor­ga­ben ent­spricht. Of­fen bleibt, wie sich das Ur­teil auf sol­che Umsätze aus­wirkt, die in so­zia­ler Hin­sicht nicht ver­gleich­bar sind.

Fazit

Das Ur­teil des EuGH ist zu begrüßen, denn an­ge­sichts des er­neut ent­stan­de­nen Streits über die Ein­ord­nung der Leis­tun­gen von Pri­vat­kli­ni­ken be­ste­hen nun wei­tere Möglich­kei­ten, ge­gen eine Um­satz­steu­er­pflicht zu ar­gu­men­tie­ren, un­abhängig da­von, ob die wahlärzt­li­chen Leis­tun­gen in die Be­rech­nung ein­zu­be­zie­hen sind oder nicht. Auf­grund der un­kla­ren Rechts­lage sollte aber ein An­trag auf Er­tei­lung ei­ner ver­bind­li­chen Aus­kunft bei dem zuständi­gen Fi­nanz­amt für künf­tige Zeiträume ein­ge­holt wer­den, um Rechts­si­cher­heit zu schaf­fen. Für Pri­vat­kli­ni­ken, die in der Ver­gan­gen­heit den Vor­steu­er­ab­zug in An­spruch ge­nom­men ha­ben oder zukünf­tig in An­spruch neh­men möch­ten, kann die Ar­gu­men­ta­tion von Nach­teil sein. Dies gilt es im Ein­zel­fall zu be­ach­ten.

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