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Zustellung finanzgerichtlicher Urteile

BFH v. 6.11.2019 - II R 6/17

Eine Ur­teils­aus­fer­ti­gung muss die Ur­schrift wort­ge­treu und rich­tig wie­der­ge­ben. Hierzu gehört, dass sie er­ken­nen lässt, ob das Ur­teil über­haupt von Rich­tern un­ter­zeich­net wor­den ist, und wenn ja, wel­che Rich­ter es un­ter­schrie­ben ha­ben. Kann der be­glau­big­ten Ab­schrift ei­nes Ur­teils nicht ent­nom­men wer­den, ob die er­ken­nen­den Rich­ter die Ur­schrift des Ur­teils un­ter­schrie­ben ha­ben, ist die Ur­teils­zu­stel­lung un­wirk­sam.

Der Sach­ver­halt:
Der Kläger und sein Bru­der sind die Söhne der Erb­las­se­rin. Nach ih­rem Tod im April 2012 strit­ten die bei­den Brüder ge­richt­lich um das Erbe. Auf­grund des Rechts­streits sind dem Kläger Ge­richts- und Rechts­an­walts­kos­ten i.H.v. 15.014 € ent­stan­den. Das Fi­nanz­amt setzte zu­letzt mit Ände­rungs­be­scheid vom 2.5.2014 Erb­schaft­steuer i.H.v. 113.350 € für den Er­werb des Klägers von To­des we­gen fest. Im Ein­spruchs­ver­fah­ren be­an­tragte der Kläger die Berück­sich­ti­gung der Kos­ten des Rechts­streits mit sei­nem Bru­der als Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten gem. § 10 Abs. 5 Nr. 3 Satz 1 ErbStG, was das Fi­nanz­amt je­doch ab­lehnte.

Das FG gab der hier­ge­gen ge­rich­te­ten Klage statt. Mit der Re­vi­sion machte das Fi­nanz­amt gel­tend, § 10 Abs. 6 Satz 1 ErbStG stehe ei­ner Berück­sich­ti­gung ver­geb­li­cher Rechts­ver­fol­gungs­kos­ten als Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten ent­ge­gen. In der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem BFH hat der Behörden­ver­tre­ter eine Ko­pie der ihm zu­ge­stell­ten be­glau­big­ten Ab­schrift des fi­nanz­ge­richt­li­chen Ur­teils über­reicht und gerügt, die letzte Seite der Ab­schrift ent­halte die Na­men le­dig­lich zweier Rich­ter. Die Zu­stel­lung sei da­her un­wirk­sam.

Der BFH hat das erst­in­stanz­li­che Ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sa­che an das FG zurück­ver­wie­sen.

Gründe:
Die Vor­ent­schei­dung war dem Fi­nanz­amt nicht wirk­sam zu­ge­stellt wor­den.

Gem. § 104 Abs. 2 FGO kann die Be­kannt­gabe ei­nes Ur­teils an die Be­tei­lig­ten - statt durch Verkündung - durch Zu­stel­lung er­fol­gen. Für die Zu­stel­lung von Ur­tei­len im fi­nanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren gilt § 155 Satz 1 FGO i.V.m. § 317 der ZPO. Da­nach (in der seit dem 1.7.2014 gel­ten­den Fas­sung des Ge­set­zes zur Förde­rung des elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehrs mit den Ge­rich­ten vom 10.10.2013) wer­den Ur­teile den Be­tei­lig­ten von Amts we­gen grundsätz­lich in Ab­schrift zu­ge­stellt. Die Ab­schrift ist von der Ge­schäfts­stelle gemäß § 53 Abs. 2 FGO i.V.m. § 169 Abs. 2 Satz 1 ZPO zu be­glau­bi­gen. Aus­fer­ti­gun­gen ei­nes Ur­teils wer­den gem. § 317 Abs. 2 Sätze 1 und 3 Halb­satz 1 ZPO nur noch auf An­trag und re­gelmäßig ohne Tat­be­stand und Ent­schei­dungsgründe er­teilt. Der Be­ginn von Rechts­mit­tel­fris­ten setzt nicht mehr die Zu­stel­lung ei­ner Aus­fer­ti­gung, son­dern die Über­mitt­lung ei­ner be­glau­big­ten Ab­schrift als Re­gel­form der Ur­teils­zu­stel­lung vor­aus.

Eine Ur­teils­aus­fer­ti­gung muss die Ur­schrift wort­ge­treu und rich­tig wie­der­ge­ben. Hierzu gehört, dass sie er­ken­nen lässt, ob das Ur­teil über­haupt von Rich­tern un­ter­zeich­net wor­den ist, und wenn ja, wel­che Rich­ter es un­ter­schrie­ben ha­ben. Die Un­ter­zeich­nung des Ur­teils wird durch die ma­schi­nen­schrift­li­che Wie­der­gabe der Na­men der Rich­ter un­ter dem Ur­teil kennt­lich ge­macht. Kann ei­ner Aus­fer­ti­gung nicht ent­nom­men wer­den, ob die er­ken­nen­den Rich­ter das Ur­teil un­ter­schrie­ben ha­ben, ist nicht gewähr­leis­tet, dass die Aus­fer­ti­gung das Ur­teil so wie­der­gibt, wie es tatsäch­lich gefällt wor­den ist. Diese Un­klar­heit führt zur Un­wirk­sam­keit der Zu­stel­lung. Sie wird auch nicht da­durch ge­heilt, dass der Empfänger die Ge­le­gen­heit erhält, sich von der Vollständig­keit der Ur­schrift und dem Gleich­laut von Ur­teil und Aus­fer­ti­gung zu über­zeu­gen. Zwar ist diese Recht­spre­chung zu der vor dem 1.7.2014 gel­ten­den Rechts­lage er­gan­gen, sie fin­det aber wei­ter An­wen­dung. Für die Zu­stel­lung von Ur­teils­aus­fer­ti­gun­gen kann nichts an­de­res als für die Zu­stel­lung be­glau­big­ter Ab­schrif­ten des Ur­teils nach neuem Recht gel­ten.

Das FG hatte im vor­lie­gen­den Fall in der münd­li­chen Ver­hand­lung be­schlos­sen, seine Ent­schei­dung nicht zu verkünden, son­dern den Be­tei­lig­ten durch Zu­stel­lung be­kannt zu ge­ben. Ent­spre­chend fer­tigte die Ur­kunds­be­am­tin der Ge­schäfts­stelle eine be­glau­bigte Ab­schrift des Ur­teils an und stellte sie dem Fi­nanz­amt per Com­pu­ter­fax zu. Ob­wohl die Ur­schrift des Ur­teils da­nach von sämt­li­chen Be­rufs­rich­tern un­ter­zeich­net wor­den war, enthält die dem BFH vom Fi­nanz­amt vor­ge­legte Ur­teils­ab­schrift le­dig­lich die Un­ter­schrif­ten zweier Rich­ter. De­ren Na­men sind un­ter dem Ur­teils­text in Schreib­ma­schi­nen­schrift wie­der­ge­ge­ben. Der Name des drit­ten Be­rufs­rich­ters in der Mitte der Seite fehlt. Der Ab­schrift lässt sich nicht ent­neh­men, ob auch der dritte Be­rufs­rich­ter die Ur­schrift un­ter­schrie­ben hat. Dies führt zur Un­wirk­sam­keit der Zu­stel­lung und hin­dert das Wirk­sam­wer­den der Ent­schei­dung. Zur Be­sei­ti­gung des Rechts­scheins der Wirk­sam­keit war das Ur­teil da­her auf­zu­he­ben.

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