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Bundesverfassungsgericht: Vorlagepflicht an den EuGH bei DSGVO-Schadensersatzklagen

In einem Be­schluss vom 14.1.2021 ent­schied das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG), dass deut­sche Ge­richte Kla­gen auf im­ma­te­ri­el­len Scha­dens­er­satz nach Art. 82 DS­GVO nicht ohne Wei­te­res mit der Begründung des Vor­lie­gens ei­nes bloßen Ba­ga­tell­scha­dens ab­wei­sen dürfen.

In dem Streit­fall ging es um eine Werbe-E-Mail, die die Be­klagte an die be­ruf­li­che Adresse des Klägers ge­schickt hatte. Der Kläger machte einen Ver­stoß ge­gen Art. 6 DS­GVO gel­tend, wo­nach die Nut­zung sei­ner E-Mail-Adresse man­gels Ein­wil­li­gung da­ten­schutz­wid­rig sei. Er klagte auf Un­ter­las­sung, Aus­kunft und Scha­dens­er­satz, wo­bei die Höhe des Schmer­zens­gel­des den Be­trag von 500 Euro nicht un­ter­schrei­ten sollte. In der ers­ten In­stanz wurde dem Kläger der gel­tend ge­machte Un­ter­las­sungs- so­wie der Aus­kunfts­an­spruch zu­ge­bil­ligt. Den Scha­dens­er­satz­an­spruch wies das Amts­ge­richt al­ler­dings mit der Begründung ab, dass dem Kläger kein er­sicht­li­cher Scha­den ent­stan­den sei, da es sich le­dig­lich um eine ein­zige Werbe-E-Mail han­delte, die auch deut­lich als sol­che zu er­ken­nen ge­we­sen sei.

Verletzung des Rechts auf gesetzlichen Richter

Der Kläger er­hob dar­auf­hin Ver­fas­sungs­be­schwerde und machte die Ver­let­zung sei­nes Rechts auf den ge­setz­li­chen Rich­ter gel­tend. Das BVerfG gab der Klage statt., weil das Amts­ge­richt die letzte In­stanz in die­sem Ver­fah­ren sei. Es habe das Recht des Klägers auf den ge­setz­li­chen Rich­ter ver­letzt, in­dem seine Ent­schei­dung nicht dem EuGH zur Vor­ab­ent­schei­dung gemäß Art. 267 Abs. 3 AEUV vor­ge­legt habe.

Hin­weis: Die Vor­la­ge­pflicht beim EuGH durch ein letzt­in­stanz­li­ches Ge­richt gelte, so­fern sich in einem Ver­fah­ren eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che Frage des Uni­ons­rechts stellt, die be­tref­fende Be­stim­mung noch kein Ge­gen­stand ei­ner Aus­le­gung durch den EuGH war und Zwei­fel hin­sicht­lich der rich­ti­gen An­wen­dung des Uni­ons­recht be­ste­hen.

Der vom Amts­ge­richt zu be­ur­tei­lende Sach­ver­halt werfe ent­schei­dungs­er­heb­li­che Fra­gen auf. Zu klären sei, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen Art. 82 Abs. 1 DS­GVO einen Geldent­schädi­gungs­an­spruch gewähre und wel­ches Verständ­nis die­ser Vor­schrift im Hin­blick auf Erwägungs­grund 146 S. 3 DS­GVO zu­grunde ge­legt wer­den solle. Der Geldent­schädi­gungs­an­spruch aus Art. 82 DS­GVO sei in der Recht­spre­chung des EuGH nicht er­schöpfend geklärt und des­sen Vor­aus­set­zun­gen können auch nicht un­mit­tel­bar aus der DS­GVO be­stimmt wer­den. So­mit be­ste­hen ein­deu­tig Zwei­fel über die rich­tige Aus­le­gung des Uni­ons­rechts. In­dem sich das Amts­ge­richt in Ab­leh­nung des An­spruchs auf die Er­for­der­lich­keit ei­ner Er­heb­lich­keits­schwelle gestützt hat, habe es feh­ler­haft eine ei­gene Aus­le­gung des Uni­ons­rechts vor­ge­nom­men. Eine sol­che Er­heb­lich­keits­schwelle werde we­der von der Li­te­ra­tur befürwor­tet noch vom BGH an­ge­wen­det und sei in die­ser Form nicht in der DS­GVO an­ge­legt.

Die Rechts­frage, ob ein Scha­den­er­satz­an­spruch von dem Über­schrei­ten ei­ner Er­heb­lich­keits­schwelle abhängig ist, wird jetzt dem EUGH zur Ent­schei­dung vor­ge­legt wer­den müssen.

Folgen für die Praxis

Das Ur­teil macht deut­lich, dass Un­ter­neh­men zu­neh­mend nicht nur Kon­se­quen­zen von Sei­ten der Behörden un­ter Wett­be­wer­bern zu fürch­ten ha­ben, wenn es sich einen Ver­stoß ge­gen die DS­GVO zu Schul­den kom­men lässt. Auch von Sei­ten der Ver­brau­cher ist künf­tig mit mehr Wi­der­stand zu rech­nen. Es bleibt den deut­schen Ge­rich­ten zwar wei­ter­hin die Möglich­keit, Kla­gen auf den ma­te­ri­el­len Scha­dens­er­satz nach Art. 82 DS­GVO we­gen sons­ti­ger Gründe ab­zu­leh­nen. Al­ler­dings wird eine Klage jetzt nicht mehr un­ter Ver­weis auf die Ge­ringfügig­keit ab­ge­lehnt wer­den können, ohne hier­bei die vom EuGH noch zu ent­wi­ckeln­den Maßstäbe zu berück­sich­ti­gen. Ein­mal mehr wird deut­lich, dass DS­GVO Com­pli­ance ein zen­tra­ler Be­stand­teil des Com­pli­ance Ma­nage­ment Sys­tem sein sollte.

Wel­che weit­rei­chen­den Sank­tio­nen bei DS­GVO-Verstößen durch die zuständi­gen Behörden verhängt wer­den können, le­sen Sie hier.

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