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Unrichtige Prospektangaben: Beitritt zu Anlagegesellschaft als Kommanditist

BGH 6.2.2018, II ZR 17/17

Ein An­le­ger, der durch un­rich­tige Pro­spek­tan­ga­ben be­wo­gen wurde, ei­ner An­la­ge­ge­sell­schaft als Kom­man­di­tist bei­zu­tre­ten, kann im Rah­men des Ver­trau­ens­scha­dens ent­we­der die Rück­ab­wick­lung sei­ner Be­tei­li­gung ver­lan­gen oder an sei­ner An­la­ge­ent­schei­dung fest­hal­ten und Er­satz des Be­tra­ges ver­lan­gen, um den er seine Be­tei­li­gung we­gen der un­rich­ti­gen Pro­spek­tan­ga­ben zu teuer er­wor­ben hat.

Der Sach­ver­halt:
Die Kläger neh­men die Be­klag­ten auf Scha­dens­er­satz aus Pro­spekt­haf­tung im wei­te­ren Sinne im Zu­sam­men­hang mit ih­ren Be­tei­li­gun­gen als Kom­man­di­tis­ten an der W-GmbH & Co. KG (W-KG) in An­spruch. Der Be­klagte zu 2) ist Gründungs­kom­man­di­tist, die Be­klagte zu 3) Gründungs­kom­ple­mentärin der W-KG.

Die Kläger zeich­ne­ten Ende 2001 Kom­man­dit­be­tei­li­gun­gen an der W-KG in un­ter­schied­li­cher Höhe von 10.000 DM bis zu 100.000 DM, je­weils zzgl. 5 % Agio. Die Be­tei­li­gung wurde mit den Mo­del­len "Kurzläufer" und "Langläufer" an­ge­bo­ten. Die Be­tei­li­gung als "Kurzläufer" hatte eine Lauf­zeit bis zum 31.12.2012. Be­reits mit dem Bei­tritt wurde mit den An­le­gern der Ver­kauf und die Ab­tre­tung ih­rer Be­tei­li­gung zu einem Preis von 106 % des Kom­man­dit­ka­pi­tals mit Wir­kung zum 1.1.2013 an die frühere Be­klagte zu 1) ver­ein­bart, wo­bei ein zu die­sem Zeit­punkt ggf. ne­ga­ti­ves Ka­pi­tal­konto nicht aus­ge­gli­chen wer­den mus­ste. Die Be­tei­li­gung als "Langläufer" war auf Dauer an­ge­legt und frühes­tens zum 31.12.2007 mit der Folge ei­ner Ab­fin­dung nach ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen künd­bar. Die in vol­ler Höhe ein­zu­zah­lende Min­dest­kom­man­dit­ein­lage be­trug bei bei­den Mo­del­len 10.000 DM.

Die Kläger neh­men die Be­klag­ten zu 2) und zu 3) we­gen ih­rer Auf­fas­sung nach un­rich­ti­ger Dar­stel­lung der Win­der­trags­pro­gno­sen im An­la­ge­pro­spekt auf Er­satz ei­nes von ih­nen be­haup­te­ten Min­der­werts ih­res Kom­man­dit­an­teils in An­spruch, den sie mit der Hälfte ih­res je­wei­li­gen An­la­ge­be­tra­ges be­zif­fern. Sie be­haup­ten, bei An­satz der rich­ti­gen Win­der­trags­pro­gno­sen sei von einem dau­er­haft um 10 % nied­ri­ge­ren Ge­samt­er­trag als im Pro­spekt aus­ge­wie­sen aus­zu­ge­hen, wes­we­gen der wahre Wert ih­rer Be­tei­li­gung im Zeit­punkt der Zeich­nung we­ni­ger als 50 % des An­la­ge­be­tra­ges be­tra­gen habe. Außer­dem be­geh­ren sie den Er­satz ent­gan­ge­ner Zins­erträge, die sie ih­rer Be­haup­tung nach bei an­der­wei­ti­ger An­lage des über­zahl­ten An­la­ge­be­tra­ges er­zielt hätten, so­wie die Fest­stel­lung der Ver­pflich­tung der Be­klag­ten zur Er­stat­tung je­den wei­te­ren Scha­dens aus der Be­tei­li­gung.

LG und OLG wie­sen die Klage ab. Auf die Re­vi­sio­nen der Kläger hob der BGH das Ur­teil des OLG auf und ver­wies die Sa­che zur neuen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das OLG zurück.

Die Gründe:
Die Auf­fas­sung des OLG, die Kläger könn­ten im Rah­men der Pro­spekt­haf­tung im wei­te­ren Sinne grundsätz­lich keine Er­stat­tung des von ih­nen be­haup­te­ten Min­der­werts ih­rer Kom­man­dit­be­tei­li­gung ver­lan­gen, trifft nicht zu. Nach den bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen ist ein sol­cher Er­stat­tungs­an­spruch auch nicht aus an­de­ren Gründen aus­zu­schließen.

Sind die Kläger - wo­von re­vi­si­ons­recht­lich man­gels ge­gen­tei­li­ger Fest­stel­lun­gen des OLG zu ih­ren Guns­ten aus­zu­ge­hen ist - durch ent­schei­dungs­er­heb­li­che Pro­spekt­feh­ler zum Bei­tritt zu der W-KG mit dem von ih­nen je­weils ge­zeich­ne­ten An­la­ge­be­trag be­wo­gen wor­den, können sie im Rah­men der Pro­spekt­haf­tung im wei­te­ren Sinne grundsätz­lich auch einen et­wai­gen Min­der­wert ih­rer Kom­man­dit­be­tei­li­gung als er­stat­tungsfähi­gen Scha­den gel­tend ma­chen. Ent­ge­gen der An­sicht des OLG können die Kläger im Rah­men des Ver­trau­ens­scha­dens nicht nur die Rück­ab­wick­lung ih­rer Be­tei­li­gung ver­lan­gen, son­dern statt­des­sen an der An­lage fest­hal­ten und die Er­stat­tung ei­nes et­wai­gen Min­der­werts der Be­tei­li­gung im Zeich­nungs­zeit­punkt wählen.

Der durch Ver­let­zung von Mit­tei­lungs- oder Aufklärungs­pflich­ten zum Ver­trags­schluss ver­an­lasste Ge­schädigte kann nach ständi­ger BGH-Recht­spre­chung im Rah­men des Ver­trau­ens­scha­dens­er­sat­zes zwi­schen zwei Möglich­kei­ten des Scha­dens­aus­gleichs wählen. Er kann ent­we­der die Rück­ab­wick­lung des Ver­tra­ges ver­lan­gen oder statt­des­sen an dem Ver­trag fest­hal­ten und den Er­satz der durch das Ver­schul­den des an­de­ren Teils ver­an­lass­ten Mehr­auf­wen­dun­gen ver­lan­gen. In die­sem Fall wird der Ver­trag nicht an­ge­passt, son­dern der zu er­set­zende Ver­trau­ens­scha­den auf die be­rech­tig­ten Er­war­tun­gen des Ge­schädig­ten re­du­ziert, die durch den zu­stande ge­kom­me­nen Ver­trag nicht be­frie­digt wer­den.

Bei einem Kauf­ver­trag ge­schieht dies durch die Her­ab­set­zung der Leis­tung des Ge­schädig­ten auf das tatsäch­lich an­ge­mes­sene Maß. Der Ge­schädigte wird da­mit so be­han­delt, als wäre es ihm bei Kennt­nis der wah­ren Sach­lage ge­lun­gen, den Ver­trag zu einem nied­ri­ge­ren Preis ab­zu­schließen. Sein Scha­den ist da­nach der Be­trag, um den er den Kauf­ge­gen­stand zu teuer er­wor­ben hat. Da es sich hier­bei nur um die Be­mes­sung des ver­blie­be­nen Ver­trau­ens­scha­dens han­delt, braucht der Ge­schädigte in die­sem Fall auch nicht nach­zu­wei­sen, dass sich der Ver­trags­part­ner auf einen Ver­trags­schluss zu einem nied­ri­ge­ren Preis ein­ge­las­sen hätte. Ent­schei­dend ist viel­mehr al­lein, wie der Ge­schädigte sich bei ord­nungs­gemäßer Aufklärung ver­hal­ten hätte. Ver­blei­bende Un­klar­hei­ten ge­hen zu Las­ten des aufklärungs­pflich­ti­gen Verkäufers.

Diese Grundsätze gel­ten auch für die Be­tei­li­gung als Kom­man­di­tist an ei­ner Kom­man­dit­ge­sell­schaft. Ein An­le­ger, der auf dem Ka­pi­tal­markt durch un­rich­tige Pro­spek­tan­ga­ben oder die Ver­let­zung von Aufklärungs­pflich­ten be­wo­gen wurde, ei­ner An­la­ge­ge­sell­schaft als Ge­sell­schaf­ter oder über einen Treu­hand­kom­man­di­tis­ten bei­zu­tre­ten, hat im Rah­men des Ver­trau­ens­scha­dens die Möglich­keit, als Scha­dens­aus­gleich ent­we­der die Rück­ab­wick­lung der Be­tei­li­gung zu wählen oder aber an sei­ner Be­tei­li­gung fest­zu­hal­ten und den Er­satz der durch das Ver­schul­den des an­de­ren Teils ver­an­lass­ten Mehr­auf­wen­dun­gen zu ver­lan­gen. Da­nach steht einem An­le­ger, der für seine Kom­man­dit­be­tei­li­gung we­gen un­zu­tref­fen­der Pro­spek­tan­ga­ben einen überhöhten Ein­la­ge­be­trag ge­leis­tet hat, bei Fest­hal­ten an sei­ner Be­tei­li­gung ein An­spruch auf Er­satz des Be­tra­ges zu, um den der von ihm für die Be­tei­li­gung ge­leis­tete Be­trag den tatsäch­li­chen Wert sei­ner Be­tei­li­gung über­steigt.

Link­hin­weis:

  • Der Voll­text der Ent­schei­dung ist auf den Web­sei­ten des BGH veröff­ent­licht.
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