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Vorlage an das BVerfG: BFH hält Zinsschranke für verfassungswidrig

BFH 14.10.2015, I R 20/15

Der BFH hat dem BVerfG die Frage vor­ge­legt, ob die sog. Zins­schranke auf­grund ei­nes Ver­stoßes ge­gen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz ver­fas­sungs­wid­rig ist. Ein Ver­stoß könnte nach An­sicht der Rich­ter da­mit begründet wer­den, dass die Zins­schranke das Ge­bot der fol­ge­rich­ti­gen Aus­ge­stal­tung des Er­trag­steu­er­rechts nach Maßgabe der fi­nan­zi­el­len Leis­tungsfähig­keit des Steu­er­pflich­ti­gen ver­letzt.

Der Sach­ver­halt:
Die Kläge­rin ist eine GmbH. Ihr Un­ter­neh­mens­ge­gen­stand war in den Streit­jah­ren 2008 und 2009 die Er­rich­tung, der Er­werb, die Veräußerung, Be­treu­ung, Be­wirt­schaf­tung und Ver­wal­tung von Im­mo­bi­lien. Die A-AG war im Streit­jahr 2008 über die A-Be­tei­li­gungs-GmbH mit 74 % mit­tel­bar an der Kläge­rin be­tei­ligt; An­fang 2009 ist jene GmbH mit der A-AG ver­schmol­zen. Die Kläge­rin nimmt am Kon­zern-Cash-Clea­ring der A-Gruppe teil und wird in den Kon­zern­ab­schluss der A-AG ein­be­zo­gen, sie ist über die A-Be­tei­li­gungs-GmbH ein ver­bun­de­nes Un­ter­neh­men der B. Der bei der Kläge­rin an­ge­fal­lene Zins­auf­wand be­lief sich in den Streit­jah­ren auf je­weils rund 5 Mio. €.

Das Fi­nanz­amt setzte die Körper­schaft­steuer der Streit­jahre auf der Grund­lage ei­nes zu ver­steu­ern­den Ein­kom­mens fest, das je­weils un­ter ein­kom­mens­erhöhen­dem An­satz von nach der Zins­schranke nicht ab­zieh­ba­rem Zins­auf­wand er­mit­telt wor­den war; auf die­ser Grund­lage stellte es auch je­weils einen ver­blei­ben­den Zins­vor­trag nach § 8a Abs. 1 KStG 2002 n.F. i.V.m. § 4h EStG 2002 n.F. und § 10d Abs. 4 EStG 2002 n.F. fest. Der Saldo zwi­schen Zins­auf­wand und Zins­er­trag über­stieg in bei­den Streit­jah­ren je­weils die Grenze des § 8a Abs. 1 KStG 2002 n.F. i.V.m. § 4h Abs. 2 S. 1a EStG 2002 n.F.; als Teil des A-Kon­zerns und des Kon­zerns der B. konnte sich die Kläge­rin auch nicht auf § 4h Abs. 2 S. 1b EStG 2002 n.F. be­ru­fen, ebenso we­nig auf den sog. Ei­gen­ka­pi­tal-Es­cape des § 4h Abs. 2 S. 1c EStG 2002 n.F., da sie nicht die Vor­aus­set­zun­gen für eine feh­lende schädli­che Ge­sell­schaf­ter­fi­nan­zie­rung i.S.d. § 8a Abs. 3 S. 1 KStG 2002 n.F. nach­wei­sen konnte. Auf­grund der Ver­schmel­zung der A Be­tei­li­gungs-GmbH auf die A AG war der aus dem Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2008 re­sul­tie­rende Zins­vor­trag un­ter­ge­gan­gen.

Das FG wies die ge­gen die Steu­er­fest­set­zun­gen ge­rich­tete Klage ab. Auf die Re­vi­sion der Kläge­rin hat der BFH das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem BVerfG die Frage vor­ge­legt, ob die sog. Zins­schranke auf­grund ei­nes Ver­stoßes ge­gen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz ver­fas­sungs­wid­rig ist.

Die Gründe:
Zur Über­zeu­gung des BFH sind die Re­ge­lun­gen der Zins­schranke we­gen Ver­stoßes ge­gen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz gem. Art. 3 Abs. 1 GG ver­fas­sungs­wid­rig.

Be­trieb­lich ver­an­lasste Zins­auf­wen­dun­gen sind ent­spre­chend dem sog. Net­to­prin­zip grundsätz­lich als Be­triebs­aus­ga­ben ab­zieh­bar. Hier­von ab­wei­chend ord­net § 4h EStG (bei Körper­schaf­ten i.V.m. § 8a KStG) eine Ab­zugs­be­schränkung für Zins­auf­wen­dun­gen an, die den Zins­er­trag über­stei­gen. Die­ser sog. ne­ga­tive Zins­saldo ist nicht ab­zieh­bar, so­weit er 30 % des "ope­ra­ti­ven" Ge­winns (heute: ver­re­chen­ba­res EBITDA) über­steigt (sog. Zins­schranke). Der nicht­ab­zieh­bare Auf­wand ist in die fol­gen­den Wirt­schafts­jahre re­gelmäßig vor­zu­tra­gen.

Die Zins­schranke steht dem Be­triebs­aus­ga­ben­ab­zug al­ler­dings nicht ent­ge­gen, wenn der ne­ga­tive Zins­saldo des Un­ter­neh­mens we­ni­ger als 3 Mio. € beträgt oder die Ei­gen­ka­pi­tal­quote des kon­zern­an­gehöri­gen Un­ter­neh­mens die­je­nige des Kon­zerns um nicht mehr als 2 % un­ter­schrei­tet (sog. Ei­gen­ka­pi­tal-Es­cape) oder bei Ka­pi­tal­ge­sell­schaf­ten keine sog. schädli­che Ge­sell­schaf­ter­fremd­fi­nan­zie­rung vor­liegt.

Der Ver­stoß ge­gen den Gleich­heits­satz kann da­mit begründet wer­den, dass die Zins­schranke das Ge­bot der fol­ge­rich­ti­gen Aus­ge­stal­tung des Er­trag­steu­er­rechts nach Maßgabe der fi­nan­zi­el­len Leis­tungsfähig­keit des Steu­er­pflich­ti­gen ver­letzt. Sie miss­achte das ob­jek­tive Net­to­prin­zip, da nicht mehr das Net­to­ein­kom­men der Be­steue­rung zu­grunde ge­legt wird. Das Ab­zugs­ver­bot recht­fer­tigt sich man­gels fol­ge­rich­ti­ger Um­set­zung auch we­der durch den vom his­to­ri­schen Ge­setz­ge­ber an­geführ­ten Zweck der Ei­gen­ka­pi­talstärkung noch durch das Ziel der Si­che­rung des deut­schen Steu­er­sub­strats. Glei­ches gilt für das An­lie­gen, un­kal­ku­lier­bare Steu­er­ausfälle zu ver­mei­den.

Im vor­lie­gen­den Fall wurde die Zins­schranke bei der zu einem inländi­schen Kon­zern gehören­den Ka­pi­tal­ge­sell­schaft, die in der Im­mo­bi­li­en­bran­che tätig ist, an­ge­wandt und der Be­triebs­aus­ga­ben­ab­zug nach Maßgabe der Zins­schranke be­grenzt; der zum Ende des ers­ten Streit­jah­res 2008 fest­ge­stellte Zins­vor­trag ent­fiel darüber hin­aus im Fol­ge­jahr auf­grund ei­ner be­triebs­be­zo­ge­nen Um­struk­tu­rie­rung. Die Steu­er­be­las­tung in die­sem "rei­nen In­lands­fall" (keine Fi­nan­zie­rung aus dem Aus­land) konnte aus den vor­ge­nann­ten Gründen als gleich­heits­wid­ri­gen Ein­griff in den Kern­be­reich des er­trag­steu­er­recht­li­chen Net­to­prin­zips ge­wer­tet wer­den, der wie­derum nicht durch den As­pekt der Miss­brauchs­ver­hin­de­rung ge­recht­fer­tigt wer­den konnte.

Hin­ter­grund:
Der BFH hatte be­reits in sei­nem Be­schluss vom 18.12.2013 (Az.: I B 85/13) in einem sum­ma­ri­schen Ver­fah­ren Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­kon­for­mität der Zins­schranke geäußert. Dar­auf­hin hat das Bun­des­mi­nis­te­rium der Fi­nan­zen (BMF) am 13.11.2014 einen sog. Nicht­an­wen­dungs­er­lass an­ge­ord­net. Das BMF begründete dies ins­be­son­dere mit den "Ge­fah­ren für die öff­ent­li­chen Haus­halte".

Link­hin­weis:

  • Der Voll­text der Ent­schei­dung ist auf der Home­page des BFH veröff­ent­licht.
  • Um di­rekt zum Voll­text Az.: I R 20/15 zu ge­lan­gen, kli­cken Sie bitte hier.
  • Um di­rekt zum Voll­text Az.: I B 85/13 zu ge­lan­gen, kli­cken Sie bitte hier.
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