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Schutzumfang einer Kollektivmarke bei geographischer Herkunftsangabe

OLG Stuttgart v. 25.7.2019 - 2 U 73/18

Zwar dürfen Her­kunfts­an­ga­ben und be­schrei­bende Be­zeich­nun­gen, die In­halt ei­ner Kol­lek­tiv­marke sind, auch von Per­so­nen ver­wen­det wer­den, die nicht In­ha­ber der Kol­lek­tiv­marke oder des­sen Mit­glie­der sind. Dies gilt je­doch nur dann, wenn die Be­nut­zung nicht ge­gen die gu­ten Sit­ten bzw. die anständi­gen Ge­pflo­gen­hei­ten in Han­del und Ge­werbe verstößt.

Der Sach­ver­halt:
Der Kläger ist ein wirt­schaft­li­cher Ver­ein aus dem Land­kreis Schwäbi­sch Hall, dem als bäuer­li­cher Er­zeu­ger­ge­mein­schaft rund 1.450 Fleisch und Fleisch­wa­ren pro­du­zie­rende Mit­glie­der­be­triebe an­gehören. Sie be­lie­fern Metz­ge­reien und Fein­kostläden. Wei­ter be­treibt der Kläger ne­ben dem On­line­han­del auch ei­nige Ver­kaufsstände im Raum Ho­hen­lohe, in Stutt­gart so­wie in Ber­lin. Für ihn sind seit 2012 die deut­schen Wort­mar­ken "Ho­hen­lo­her Land­schwein" und "Ho­hen­lo­her Wei­der­ind" als geo­gra­fi­sche Kol­lek­tiv­mar­ken ein­ge­tra­gen.

Der Mar­ken­schutz diene dem­nach "in ers­ter Li­nie zur Si­cher­stel­lung der ho­hen Qua­lität und da­mit dem Schutz der Ver­brau­cher­schaft vor min­der­wer­ti­ger Nach­ah­mung". Den Mit­glie­dern wird das Recht, die Kenn­zei­chen zu nut­zen, ein­geräumt, wenn sie sich an die sog. Er­zeu­ger­richt­li­nien hal­ten. Die Be­zeich­nun­gen "Ho­hen­lo­her Land­schwein" und "Ho­hen­lo­her Wei­der­ind" sind nicht auf Grund­lage der EU-Ver­ord­nung Nr. 1151/2012 als ge­schützte geo­gra­fi­sche An­ga­ben oder Ur­sprungs­be­zeich­nun­gen ein­ge­tra­gen.

Die Be­klagte ist ein Fleisch ver­ar­bei­ten­des In­dus­trie­un­ter­neh­men, eben­falls mit Sitz im Land­kreis Schwäbi­sch Hall. Sie bie­tet ihre Wa­ren vor al­lem im Vor­kas­sen­be­reich von Su­permärk­ten mit über 16 Fi­lia­len und zwei Ver­kaufsständen im Raum Ho­hen­lohe an. Sie ist kein Mit­glied des Klägers und möchte bis heute auch nicht bei­tre­ten, da sie die Er­zeu­ger­richt­li­nie des Klägers für nicht er­for­der­lich hält, um die gewünschte Fleisch­qua­lität zu er­zeu­gen.

Der Kläger hatte von der Be­klag­ten u.a. ver­langt, es zu un­ter­las­sen, die Be­zeich­nun­gen "Ho­hen­lo­her Land­schwein" und "Ho­hen­lo­her Wei­der­ind" in der Wer­bung für Fleisch­wa­ren zu ver­wen­den. Das LG hat die auf Un­ter­las­sung, Aus­kunft, Fest­stel­lung der Scha­dens­er­satz­pflicht so­wie Frei­stel­lung von vor­ge­richt­li­chen An­walts­kos­ten ge­rich­tete Klage ab­ge­wie­sen. Auf die Be­ru­fung des Klägers hat das OLG die Ent­schei­dung auf­ge­ho­ben und der Klage wei­test­ge­hend statt­ge­ge­ben.

Die Gründe:
Dem Kläger ste­hen die ver­folg­ten Un­ter­las­sungs­an­sprüche zu. Sie er­ge­ben sich aus § 97 Abs. 2 Mar­kenG i.V.m. § 14 Abs. 5 Satz 1, § 14 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 und § 14 Abs. 3 Nr. 1, 2 und 6 Mar­kenG, be­zie­hen sich je­doch nicht ge­son­dert auf die Be­nut­zungs­form des Her­stel­lens.

Da die Be­klagte nicht die in den Mar­ken­sat­zun­gen ent­hal­te­nen Be­din­gun­gen erfüllt hat, ins­be­son­dere kein Mit­glied des Klägers war (§ 102 Ab­satz 3 i.V.m. § 102 Ab­satz 2 Nr. 5 Mar­kenG), war sie nicht zur Be­nut­zung der bei­den Kol­lek­tiv­mar­ken le­gi­ti­miert. Wei­ter hatte die Be­klagte ein­geräumt, dass sie die Er­zeu­ger­richt­li­nien, de­ren Be­fol­gung nach der Mar­ken­sat­zung Vor­aus­set­zung für die Be­nut­zung der Kol­lek­tiv­mar­ken ist, nicht vollständig ein­ge­hal­ten habe, da sie die Vor­ga­ben teil­weise nicht für er­for­der­lich hielte, um die gewünschte Fleisch­qua­lität zu er­zeu­gen. Zwar dürfen Her­kunfts­an­ga­ben und be­schrei­bende Be­zeich­nun­gen, die In­halt ei­ner Kol­lek­tiv­marke sind, auch von Per­so­nen ver­wen­det wer­den, die nicht In­ha­ber der Kol­lek­tiv­marke oder des­sen Mit­glie­der sind. Dies gilt je­doch nur dann, wenn die Be­nut­zung nicht ge­gen die gu­ten Sit­ten bzw. die anständi­gen Ge­pflo­gen­hei­ten in Han­del und Ge­werbe verstößt.

Die An­wen­dung von § 100 Ab­satz 1 i.V.m. § 127 Mar­kenG bei der Be­stim­mung der Gren­zen zur Be­nut­zung ei­ner Kol­lek­tiv­marke ist nicht durch die EU-Ver­ord­nung Nr. 1151/2012 ge­sperrt. Der Schutz von Mar­ken, die eine geo­gra­fi­sche Her­kunfts­an­gabe ent­hal­ten, wird durch die Ver­ord­nung nicht berührt, wenn ein An­trag auf eu­ro­pa­wei­ten Schutz der ent­spre­chen­den Her­kunfts- oder Ur­sprungs­be­zeich­nung erst nach An­mel­dung der Marke ge­stellt wurde. Die Möglich­keit, geo­gra­fi­sche Her­kunfts­an­ga­ben als Kol­lek­tiv- oder In­di­vi­dual­marke zu schützen, steht mit die­ser Maßgabe grundsätz­lich selbständig ne­ben dem Schutz nach der EU-Ver­ord­nung Nr. 1151/2012.

Ob die Be­nut­zung ei­nes Zei­chens, das mit ei­ner Kol­lek­tiv­marke übe­rein­stimmt, die ih­rer­seits eine geo­gra­fi­sche Her­kunfts­an­gabe und wei­tere be­schrei­bende An­ga­ben enthält, ge­gen die gu­ten Sit­ten i.S.v. § 100 Abs. 1 Mar­kenG bzw. die anständi­gen Ge­pflo­gen­hei­ten in Ge­werbe oder Han­del i.S.v. Art. 29 Abs. 3 S. 2 RL (EU) 2015/2436 und § 23 Abs. 2 Mar­kenG verstößt, ist auf­grund ei­ner Ge­samt­abwägung fest­zu­stel­len. Da­bei ist zu berück­sich­ti­gen, ob die Ver­brau­cher we­gen der Un­ter­schei­dungs­kraft der Kol­lek­tiv­marke zu der ir­ri­gen Auf­fas­sung ge­lan­gen können, dass der Dritte dem Kol­lek­tiv an­gehört oder die Wa­ren je­den­falls ge­wis­sen Qua­litätsan­for­de­run­gen bzw. Pro­duk­ti­ons­me­tho­den ent­spre­chen, die für Pro­dukte, die mit die­sen Kenn­zei­chen ver­se­hen sind, üblich sind und da­her er­war­tet wer­den. Wei­ter ist zu berück­sich­ti­gen, wel­che An­stren­gun­gen der Dritte un­ter­nimmt, um si­cher­zu­stel­len, dass die Ver­brau­cher seine Wa­ren von den­je­ni­gen des Mar­ken­in­ha­bers un­ter­schei­den. Schließlich darf eine Be­nut­zung den Wert der Marke nicht da­durch be­einträch­ti­gen, dass sie de­ren Un­ter­schei­dungs­kraft oder Wert­schätzung in un­lau­te­rer Weise aus­nutzt.

Nach die­sen Maßstäben liegt eine un­lau­tere Aus­nut­zung der Un­ter­schei­dungs­kraft und der Wert­schätzung vor. Die Be­klagte trach­tet da­nach, sich den vom Kläger auf­ge­bau­ten Ruf der Kol­lek­tiv­mar­ken wer­be­wirk­sam zu­nutze zu ma­chen. Es be­steht die Ge­fahr, dass die an­ge­spro­che­nen Ver­brau­cher die Pro­dukte des Be­klag­ten mit der Er­zeu­ger­ge­mein­schaft ge­dank­lich in Ver­bin­dung brin­gen. So­mit war dem Haupt­an­trag - ein­zig mit Aus­nahme der Be­nut­zungs­form des Her­stel­lens - statt­zu­ge­ben. Der Aus­kunfts­an­spruch des Klägers er­gibt sich zu­dem aus § 242 BGB. Denn aus den all­ge­mei­nen Grundsätzen von Treu und Glau­ben be­steht eine Aus­kunfts­pflicht, wenn der Be­rech­tigte in ent­schuld­ba­rer Weise über Be­ste­hen und Um­fang sei­nes Rechts im Un­ge­wis­sen ist und der Ver­pflich­tete die zur Be­sei­ti­gung der Un­ge­wiss­heit er­for­der­li­che Aus­kunft un­schwer ge­ben kann.

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