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Gesamtbetrachtung aller Kinder bei der Gewährung von Differenzkindergeld

FG Köln 10.3.2015, 1 K 903/13

Bei der Er­mitt­lung des sog. Dif­fe­renz­kin­der­gel­des hat keine Ein­zel­be­trach­tung für je­des Kind zu er­fol­gen. Viel­mehr ist eine Ge­samt­be­trach­tung al­ler kin­der­geld­be­rech­tig­ten Kin­der vor­zu­neh­men, um un­ge­recht­fer­tigte Dop­pel­leis­tun­gen zu ver­mei­den.

Der Sach­ver­halt:
Die Kläge­rin hat sechs Kin­der: 1 (geb. 1993), 2 (geb. 1995), 3 (geb. 1998), 4 (geb. 2009), 5 (geb. 2003) und 6 (geb. 2006). Sämt­li­che Kin­der gin­gen im Streit­zeit­raum zur Schule. Der Ehe­mann der Kläge­rin ar­bei­tet seit 2009 aus­schließlich in Bel­gien. Die Kläge­rin lebt mit den Kin­dern in Deutsch­land und ist nicht er­werbstätig.

Im Ja­nuar 2010 setzte das Fi­nanz­amt für das älteste Kind I Dif­fe­renz­kin­der­geld i.H.v. 78,48 € gem. § 165 Abs. 1 AO vorläufig fest. Der Vorläufig­keits­ver­merk er­folgte bis zur Vor­lage ei­ner Be­schei­ni­gung über die in Bel­gien zu­ste­hen­den Fa­mi­li­en­leis­tun­gen. Bei sei­ner als An­lage zum Be­scheid bei­gefügten Be­rech­nung des vorläufi­gen Dif­fe­renz­kin­der­gel­des er­mit­telte das Fi­nanz­amt die Dif­fe­renz­beträge für je­des Kind ein­zeln. Hier­bei er­gab sich nur für I ein ge­genüber den bel­gi­schen Fa­mi­li­en­leis­tun­gen um 78,48 € höheres deut­sches Kin­der­geld. Für die übri­gen Kin­der wa­ren die je­wei­li­gen bel­gi­schen Fa­mi­li­en­leis­tun­gen höher.

Nach­dem beim Fi­nanz­amt eine Be­schei­ni­gung über die bel­gi­schen Fa­mi­li­en­leis­tun­gen ein­ging, hob die­ses die Fest­set­zung des Dif­fe­renz­kin­der­gel­des im April 2012 gem. § 70 Abs. 2 EStG ab Mai 2010 auf und for­derte mit zeit­glei­chem Be­scheid das ge­zahlte Dif­fe­renz­kin­der­geld für den Zeit­raum Mai 2010 bis April 2012 i.H.v. rd. 1.900 € nach § 37 Abs. 2 AO zurück. Dies begründete das Fi­nanz­amt mit dem In­kraft­tre­ten des Art. 68 Abs. 1 der EG-VO Nr. 883/2004. Bei der Er­mitt­lung des Dif­fe­renz­kin­der­gel­des stellte es den bel­gi­schen Ge­samt­fa­mi­li­en­leis­tun­gen für alle Kin­der i.H.v. mtl. 1.328 € die deut­schen Kin­der­geld­an­sprüche i.H.v. mtl. 1.203 € ge­genüber.

Das FG wies die Klage ab. Die Re­vi­sion zum BFH wurde we­gen grundsätz­li­cher Be­deu­tung der Rechts­sa­che zu­ge­las­sen.

Die Gründe:
Das Fi­nanz­amt hat zu Recht die Fest­set­zung des Dif­fe­renz­kin­der­gel­des ab Mai 2010 auf­ge­ho­ben und das über­zahlte Kin­der­geld bis April 2012 i.H.v. 1.900 € zurück­ge­for­dert.

Die Kläge­rin hat im Streit­zeit­raum kei­nen An­spruch auf deut­sches Dif­fe­renz­kin­der­geld. Ihr grundsätz­lich be­ste­hen­der Kin­der­geld­an­spruch ist nicht ge­rin­ger als die bel­gi­schen Fa­mi­li­en­leis­tun­gen. Die Kläge­rin hat zwar grundsätz­lich für ihre Kin­der An­spruch auf deut­sches Kin­der­geld, da sie und ihre un­ter 18-jähri­gen Kin­der bzw. ihr un­ter 25-jähri­ges in Schul­aus­bil­dung be­find­li­ches Kind I ih­ren Wohn­sitz in Deutsch­land ha­ben. Al­ler­dings ist der gleich­zei­tig be­ste­hende An­spruch des Ehe­manns der Kläge­rin auf bel­gi­sche Fa­mi­li­en­leis­tun­gen dem deut­schen Kin­der­geld vor­ran­gig.

Das Kon­kur­renz­verhält­nis von Fa­mi­li­en­leis­tun­gen in­ner­halb der EU wird in der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/2004 zur Ko­or­di­nie­rung der Sys­teme der so­zia­len Si­cher­heit vom 29.4.2004 ge­re­gelt. Für die Kläge­rin (und ih­ren Ehe­mann) ist als Staats­an­gehörige ei­nes Mit­glieds­staats der persönli­che (Art. 2 Abs. 1 EG-VO 883/2004) und hin­sicht­lich der Fa­mi­li­en­leis­tun­gen auch der sach­li­che Gel­tungs­be­reich (Art. 3 Abs. 1 j. EG-VO 883/2004) der Ver­ord­nung eröff­net. Art. 68 Abs. 2 EG-VO 883/2004 löst das Kon­kur­renz­verhält­nis in­so­weit, in­dem es die Fa­mi­li­en­leis­tun­gen des nach­ran­gig ver­pflich­te­ten Staa­tes bis zur Höhe der Leis­tun­gen des vor­ran­gig ver­pflich­te­ten Staa­tes aus­setzt; er­for­der­li­chen­falls ist einen Un­ter­schieds­be­trag (vor­lie­gend Dif­fe­renz­kin­der­geld) zu gewähren.

Der An­spruch des Ehe­manns der Kläge­rin auf Fa­mi­li­en­leis­tun­gen ist auf­grund sei­ner al­lei­ni­gen Er­werbstätig­keit vor­ran­gig nach Art. 68 Abs. 1 a) EG-VO 883/2004. In­so­weit wird der deut­sche Kin­der­geld­an­spruch der Kläge­rin nach Art. 68 Abs. 2 S. 1 und 2 EG-VO 883/2004 aus­ge­setzt. Der Kläge­rin war auch kein Dif­fe­renz­kin­der­geld zu gewähren. Denn das Fi­nanz­amt ist bei der Be­rech­nung des Dif­fe­renz­kin­der­gel­des zu Recht von ei­ner Ge­samt­be­trach­tung des für alle Kin­der nach deut­schem Recht zu zah­len­den Mo­nats­be­trags zum Mo­nats­be­trag der ge­sam­ten bel­gi­schen Fa­mi­li­en­leis­tun­gen aus­ge­gan­gen. Dies lei­tet der Se­nat aus den Erwägungsgründen zur EG-VO 883/2004 her. Nach dem Erwägungs­grund Nr. 35 will die Ver­ord­nung un­ge­recht­fer­tigte Dop­pel­leis­tun­gen ver­mei­den. Würde man je­doch eine Ein­zel­be­trach­tung für je­des Kind vor­neh­men, so könnte - wie hier - die Summe der Fa­mi­li­en­leis­tun­gen so­wohl den Kin­der­geld­an­spruch im vor­ran­gig zuständi­gen wie auch im nach­ran­gig zuständi­gen Staat über­stei­gen und da­mit zu ei­ner Leis­tungs­erhöhung führen.

Dies würde auch ge­gen den Erwägungs­grund 4 spre­chen, wo­nach die Ver­ord­nung zu ei­ner Ko­or­di­na­tion der Leis­tun­gen im Sys­tem der so­zia­len Si­cher­heit führen und da­mit keine erhöhten An­sprüche begründen soll. Dem­nach war der Kläge­rin für I kein deut­sches (Dif­fe­renz-)Kin­der­geld zu gewähren, da sich die bel­gi­schen Fa­mi­li­en­leis­tun­gen für alle Kin­der auf mtl. 1.328 € be­lie­fen, die deut­schen Kin­der­geld­beträge je­doch nur auf 1.203 €.

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