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Zinszahlungen im Zusammenhang mit Rentennachzahlungen unterliegen der Steuerpflicht nach § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG

BFH 9.6.2015, VIII R 18/12

Zin­sen, die gem. § 44 SGB I von der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung im Zu­sam­men­hang mit Ren­ten­nach­zah­lun­gen ge­zahlt wer­den, un­ter­lie­gen auch nach Ände­rung des § 22 Nr. 1 S. 3a, aa EStG durch das Alt­EinKG der Steu­er­pflicht nach § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG (ent­ge­gen BMF-Schrei­ben v. 13.9.2010). Auch die Ge­set­zes­ma­te­ria­lien las­sen nicht er­ken­nen, dass der Ge­setz­ge­ber ent­ge­gen der in § 22 Nr. 1 S. 1 EStG an­ge­ord­ne­ten Sub­si­dia­rität auch Zins­zah­lun­gen der ge­setz­li­chen Ren­tenträger oder die­sen gleich­ge­stell­ten Ein­rich­tun­gen als "an­dere Leis­tun­gen" be­han­delt wis­sen wollte.

Der Sach­ver­halt:
Die Kläge­rin be­zog im Streit­jahr 2006 von der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung Bund Einkünfte aus ei­ner Wit­wen­rente so­wie ei­ner Al­ters­rente für schwer­be­hin­derte Men­schen. Mit Be­scheid aus No­vem­ber 2005 wurde die letzt­ge­nannte Rente neu fest­ge­stellt. Der Kläge­rin wur­den im Streit­jahr für die Zeit vom 1.5.1999 bis 31.12.2005 eine Nach­zah­lung i.H.v. rund 10.850 € netto so­wie hier­auf ent­fal­lende Zin­sen nach § 44 Abs. 1 SGB I i.H.v. 1.399 € aus­ge­zahlt.

Das Fi­nanz­amt berück­sich­tigte die Nach­zah­lung und die Zin­sen im Ein­kom­men­steu­er­be­scheid 2006 erklärungs­gemäß als sons­tige Einkünfte i.S.d. § 22 Nr. 1 S. 3a, aa EStG mit einem Be­steue­rungs­an­teil von 50 % (§ 22 Nr. 1 S. 3a, aa S. 3 EStG). Im Ein­spruchs­ver­fah­ren be­gehrte die Kläge­rin die Zu­ord­nung der Zin­sen nach § 44 SGB I zu den Einkünf­ten aus Ka­pi­tal­vermögen nach § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG, weil nach Ab­zug des Wer­bung­kos­ten­pausch­be­tra­ges i.H.v. 51 € (§ 9a S. 1 Nr. 2 EStG) und des Spa­rer­frei­be­tra­ges i.H.v. 1.370 € (§ 20 Abs. 4 S. 1 EStG) keine steu­er­pflich­ti­gen Einkünfte ver­blei­ben würden.

Ein­spruch und Klage blie­ben al­ler­dings er­folg­los. Auf die Re­vi­sion der Kläge­rin hob der BFH das Ur­teil des FG auf und gab der Klage statt.

Die Gründe:
Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Vor­in­stanz wa­ren die der Kläge­rin im Streit­jahr zu­ge­flos­se­nen Zin­sen nach § 44 Abs. 1 SGB I Ein­nah­men aus Ka­pi­tal­vermögen i.S.v. § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG.

Nach ständi­ger BFH-Recht­spre­chung be­zieht Ein­nah­men aus Ka­pi­tal­vermögen, wer Ent­gelt zur Nut­zung überlässt; zu den Einkünf­ten aus Ka­pi­tal­vermögen gehören alle Vermögens­meh­run­gen, die bei wirt­schaft­li­cher Be­trach­tung Ent­gelt für eine Ka­pi­tal­nut­zung sind. Un­er­heb­lich ist es, ob der Über­las­sung von Ka­pi­tal ein Dar­le­hens­ver­trag oder ein an­de­rer Rechts­grund zu­grunde liegt. Auch die vom Schuld­ner er­zwun­gene Ka­pi­talüber­las­sung kann zu Ein­nah­men aus Ka­pi­tal­vermögen führen. Da­bei kommt es nicht dar­auf an, ob die Aus­zah­lung des Ka­pi­tals selbst steu­er­pflich­tig ist (BFH-Urt. v. 13.11.2007, Az.: VIII R 36/05).

Un­ter An­wen­dung die­ser Grundsätze führen Zin­sen nach § 44 Abs. 1 SGB I, die für eine verspätet ge­zahlte Rente we­gen Er­werbs­unfähig­keit ge­zahlt wer­den, zu steu­er­pflich­ti­gen Ein­nah­men i.S.v. § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG. Nach § 44 Abs. 1 SGB I sind so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­che An­sprüche auf Geld­leis­tun­gen nach Ab­lauf ei­nes Ka­len­der­mo­nats nach Ein­tritt ih­rer Fällig­keit bis zum Ab­lauf des Ka­len­der­mo­nats vor der Zah­lung mit 4 % zu ver­zin­sen. Nach der Vor­stel­lung des Ge­setz­ge­bers sol­len mit der Zins­zah­lung Nach­teile aus­ge­gli­chen wer­den, die der Be­rech­tigte, für den die so­zia­len Geld­leis­tun­gen re­gelmäßig die Le­bens­grund­lage bil­den, durch die verspätete Zah­lung der So­zi­al­leis­tun­gen er­lei­det. Wirt­schaft­lich be­trach­tet sind die Zin­sen da­mit auch Ent­gelt für die verspätete Zah­lung, d.h. die Vor­ent­hal­tung von Ka­pi­tal, und un­ter­lie­gen des­halb der Be­steue­rung nach § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG.

An die­ser Recht­spre­chung hält der Se­nat auch nach Ände­rung des § 22 Nr. 1 S. 3a, aa EStG durch das Alt­EinkG fest. Zin­sen nach § 44 SGB I stel­len keine "an­de­ren Leis­tun­gen" i.S. die­ser Norm dar (ent­ge­gen BMF-Schrei­ben v. 13.9.2010 - IV C 3-S 2222/09/10041). Zwar wurde der Wort­laut des § 22 Nr. 1 S. 3a EStG - so­weit hier ent­schei­dend - da­hin­ge­hend geändert, dass ne­ben "Leib­ren­ten" auch "an­dere Leis­tun­gen", die aus ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­run­gen er­bracht wer­den, zu den in § 22 Nr. 1 S. 1 EStG be­zeich­ne­ten Einkünf­ten gehören. Bei der Aus­le­gung ei­ner Norm ist je­doch nicht al­lein de­ren Wort­laut ent­schei­dend. Maßge­bend ist viel­mehr der in ihm zum Aus­druck kom­mende ob­jek­ti­vierte Wille des Ge­setz­ge­bers. Auch die Ge­set­zes­ma­te­ria­lien las­sen nicht er­ken­nen, dass der Ge­setz­ge­ber ent­ge­gen der in § 22 Nr. 1 S. 1 EStG an­ge­ord­ne­ten Sub­si­dia­rität auch Zins­zah­lun­gen der ge­setz­li­chen Ren­tenträger oder die­sen gleich­ge­stell­ten Ein­rich­tun­gen als "an­dere Leis­tun­gen" be­han­delt wis­sen wollte. Durch die Einfügung der "an­de­ren Leis­tun­gen" sollte viel­mehr eine Ge­set­zeslücke im Hin­blick auf Ein­mal­zah­lun­gen in Folge von (Teil-)Ka­pi­ta­li­sie­run­gen be­rufsständi­scher Ver­sor­gungs­ein­rich­tun­gen ge­schlos­sen wer­den.

Link­hin­weis:

  • Der Voll­text der Ent­schei­dung ist auf der Home­page des BFH veröff­ent­licht.
  • Um di­rekt zum Voll­text zu ge­lan­gen, kli­cken Sie bitte hier.
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