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Zur steuerrechtlichen Gleichbehandlung im Gesundheitswesen

BFH 22.6.2016, V R 42/15

Der BFH hat dem EuGH eine Frage zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt um zu klären, wel­che Be­deu­tung dem Gleich­hand­lungs­grund­satz bei der Lie­fe­rung von Arz­nei­mit­teln im Um­satz­steu­er­recht zu­kommt. Ent­schei­dungs­er­heb­lich ist da­bei ins­be­son­dere die EU-Grund­rech­techarta (EU­GrdRCh).

Der Sach­ver­halt:
Die Kläge­rin ist ein phar­ma­zeu­ti­sches Un­ter­neh­men, das Arz­nei­mit­tel her­stellt und sie (auch im Streit­jahr 2011) steu­er­pflich­tig über Großhänd­ler an Apo­the­ken lie­fert. Diese ge­ben die Arz­nei­mit­tel an ge­setz­lich Kran­ken­ver­si­cherte auf­grund ei­nes Rah­men­ver­tra­ges mit dem Spit­zen­ver­band der Kran­ken­kas­sen ab. Die Arz­nei­mit­tel wer­den an die Kran­ken­kas­sen ge­lie­fert und von die­sen ih­ren Ver­si­cher­ten zur Verfügung ge­stellt. Die Apo­the­ken gewähren den Kran­ken­kas­sen einen Ab­schlag auf den Arz­nei­mit­tel­preis.

Die Kläge­rin als phar­ma­zeu­ti­sches Un­ter­neh­men muss den Apo­the­ken oder - bei Ein­schal­tung von Großhänd­lern - den Großhänd­lern die­sen Ab­schlag er­stat­ten. Die Fi­nanz­ver­wal­tung be­han­delt den Ab­schlag um­satz­steu­er­recht­lich als Ent­gelt­min­de­rung. Arz­nei­mit­tel für pri­vat Kran­ken­ver­si­cherte ge­ben die Apo­the­ken auf­grund von Ein­zel­verträgen mit die­sen Per­so­nen ab. Das Un­ter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung ist nicht selbst Ab­neh­mer der Arz­nei­mit­tel, son­dern er­stat­tet le­dig­lich die ih­ren Ver­si­cher­ten ent­stan­de­nen Kos­ten. In die­sem Fall muss die Kläge­rin dem Un­ter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung einen Ab­schlag auf den Arz­nei­mit­tel­preis gewähren. Die Fi­nanz­ver­wal­tung er­kennt die­sen Ab­schlag um­satz­steu­er­recht­lich nicht als Ent­gelt­min­de­rung an.

Vor­lie­gend ist aus­schließlich die Be­hand­lung von Ab­schlägen an Un­ter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung strei­tig. Die Kläge­rin gewährte im Streit­jahr sol­che Ab­schläge und berück­sich­tigte sie in ih­rer Um­satz­steu­er­erklärung als Ände­rung der Be­mes­sungs­grund­lage für die von ihr an Arz­nei­mit­telhänd­ler aus­geführ­ten Arz­nei­mit­tel­lie­fe­run­gen. Das Fi­nanz­amt er­ließ auf­grund ei­ner Um­satz­steuer-Son­derprüfung einen geänder­ten Um­satz­steu­er­be­scheid, in dem die Ab­schläge nicht mehr ent­gelt­min­dernd berück­sich­tigt wa­ren.

Das FG gab der hier­ge­gen ge­rich­te­ten Klage statt. Da­ge­gen wen­det sich das Fi­nanz­amt mit sei­ner Re­vi­sion. Der BFH setzte das Ver­fah­ren aus und legte dem EuGH fol­gende Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor:

Ist ein phar­ma­zeu­ti­scher Un­ter­neh­mer, der Arz­nei­mit­tel lie­fert, auf Grund­lage der Recht­spre­chung des EuGH (C-317/94) und un­ter Berück­sich­ti­gung des uni­ons­recht­li­chen Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung zu ei­ner Min­de­rung der Be­mes­sungs­grund­lage nach Art. 90 MwSys­tRL be­rech­tigt, wenn
  • er diese Arz­nei­mit­tel über Großhänd­ler an Apo­the­ken lie­fert,
  • die Apo­the­ken steu­er­pflich­tig an pri­vat Kran­ken­ver­si­cherte lie­fern,
  • der Ver­si­che­rer der Krank­heits­kos­ten­ver­si­che­rung (das Un­ter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung) sei­nen Ver­si­cher­ten die Kos­ten für den Be­zug der Arz­nei­mit­tel er­stat­tet und
  • der phar­ma­zeu­ti­sche Un­ter­neh­mer auf­grund ei­ner ge­setz­li­chen Re­ge­lung zur Zah­lung ei­nes "Ab­schlags" an das Un­ter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung ver­pflich­tet ist?

Die Gründe:
Ge­setz­li­che Kran­ken­kas­sen wie auch Un­ter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung ha­ben zur Dämp­fung ih­rer Kos­ten An­spruch auf Preis­ab­schläge auf Arz­nei­mit­tel, die die phar­ma­zeu­ti­schen Un­ter­neh­men tra­gen müssen. Dies er­gibt sich für die Kran­ken­kas­sen aus dem SGB V, für Un­ter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung aus einem be­son­de­ren Arz­nei­mit­tel­ra­batt­ge­setz. Die Ab­schläge sind gleich hoch, wer­den al­ler­dings in un­ter­schied­li­cher Weise gewährt.

Bei der Ab­gabe von Arz­nei­mit­tel an Ver­si­cherte ei­ner ge­setz­li­chen Kran­ken­kasse stellt die Apo­theke der Kran­ken­kasse einen ent­spre­chend ver­min­der­ten Preis in Rech­nung. Die­sen Ab­schlag er­stat­tet ihr - ggf. über den Großhänd­ler - das phar­ma­zeu­ti­sche Un­ter­neh­men. Pri­vat Kran­ken­ver­si­cherte zah­len für Arz­nei­mit­tel den vollen Preis und er­hal­ten von ih­rem Ver­si­che­rer vollen Kos­ten­er­satz. Das Un­ter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung hat dann ge­gen den phar­ma­zeu­ti­schen Un­ter­neh­mer einen An­spruch auf Zah­lung des Ab­schlags.

Zwar min­dern die Ab­schläge zu­guns­ten der ge­setz­li­chen Kran­ken­kas­sen die Be­mes­sungs­grund­lage für die um­satz­steu­er­recht­li­chen Arz­nei­mit­tel­lie­fe­run­gen. Denn hier liegt auf­grund des so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Sach­leis­tungs­prin­zips eine Um­satz­kette vom phar­ma­zeu­ti­schen Un­ter­neh­men bis zur ge­setz­li­chen Kran­ken­kasse vor. An­ders ist es aber nach bis­he­ri­ger Be­ur­tei­lung bei den Ab­schlägen zu­guns­ten von Un­ter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung, da die Um­satz­kette bei dem pri­vat Ver­si­cher­ten en­det, der von sei­ner Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft le­dig­lich eine Kos­ten­er­stat­tung erhält.

Nach Art. 20 EU­GrdRCh sind alle Per­so­nen vor dem Ge­setz gleich. Ver­gleich­bare Sach­ver­halte dürfen nicht un­ter­schied­lich und un­ter­schied­li­che Sach­ver­halte nicht gleich be­han­delt wer­den, es sei denn, dass eine sol­che Be­hand­lung ob­jek­tiv ge­recht­fer­tigt ist. Der BFH sieht in­des für eine ab­wei­chende um­satz­steu­er­recht­li­che Be­hand­lung der Ab­schläge im Be­reich der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung und im Be­reich der ge­setz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung keine ob­jek­tive Recht­fer­ti­gung. Die Be­ur­tei­lung die­ser das eu­ropäische Mehr­wert­steu­er­recht be­tref­fen­den Rechts­frage ob­liegt nun dem EuGH.

Link­hin­weis:

  • Der Voll­text der Ent­schei­dung ist auf der Home­page des BFH veröff­ent­licht.
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