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Kumulierung von Ansprüchen auf Familienleistungen bei nicht gestelltem Antrag auf Leistungsgewährung im Wohnmitgliedstaat

BFH 5.2.2015, III R 40/09

Art. 76 Abs. 2 der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/71 ist nach dem EuGH-Ur­teil vom 6.11.2014 (C-4/13) da­hin aus­zu­le­gen, dass diese Vor­schrift dem Be­schäfti­gungs­mit­glied­staat er­laubt, in sei­nen Rechts­vor­schrif­ten ein Ru­hen des An­spruchs auf Fa­mi­li­en­leis­tun­gen vor­zu­se­hen, wenn im Wohn­mit­glied­staat kein An­trag auf Gewährung von Fa­mi­li­en­leis­tun­gen ge­stellt wor­den ist. § 65 EStG in uni­ons­rechts­kon­for­mer Aus­le­gung erfüllt die Vor­aus­set­zun­gen für die in Art. 76 Abs. 2 der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/71 vor­ge­se­hene Ermäch­ti­gung.

Der Sach­ver­halt:
Die Kläge­rin ist die Mut­ter ei­nes im Jahr 1995 ge­bo­re­nen Soh­nes (S). Sie ist deut­sche Staats­an­gehörige und übt in Deutsch­land eine so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tige Be­schäfti­gung aus. Das zuständige Fi­nanz­amt be­han­delte sie im Streit­zeit­raum gem. § 1 Abs. 3 EStG als un­be­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig. Der Ehe­mann der Kläge­rin und Kinds­va­ter ist Bel­gier. Er ar­bei­tete seit No­vem­ber 2006 bei ei­ner bel­gi­schen Zeit­ar­beits­firma, zu­vor war er ar­beits­los. Die Fa­mi­lie lebte zunächst in Deutsch­land, zog dann aber im Juni 2006 nach Bel­gien und hat seit­dem dort ih­ren Wohn­sitz. Für ih­ren Sohn be­zog die Kläge­rin fort­lau­fend in Deutsch­land Kin­der­geld. Ihr Ehe­mann hatte in Bel­gien kein Kin­der­geld be­an­tragt und des­we­gen auch kein Kin­der­geld er­hal­ten.

Als die Fa­mi­li­en­kasse vom Um­zug der Fa­mi­lie nach Bel­gien er­fuhr, hob sie die Kin­der­geld­fest­set­zung mit Wir­kung ab Juli 2006 auf und for­derte das für den Zeit­raum von Juli 2006 bis März 2007 ge­zahlte Kin­der­geld zurück. Der Ein­spruch der Kläge­rin war teil­weise er­folg­reich. Die Fa­mi­li­en­kasse war der Auf­fas­sung, dass der Kläge­rin für den Streit­zeit­raum von Juli 2006 bis März 2007 ein Kin­der­geld­an­spruch nach dem EStG zu­stehe. Zu­gleich be­stehe aber auch ein Kin­der­geld­an­spruch in Bel­gien. Die­ser be­trage von Juli bis Sep­tem­ber 2006 mtl. rd. 77 € und von Ok­to­ber 2006 bis März 2007 mtl. rd. 79 €.

Die Kon­kur­renz zwi­schen den Kin­der­geld­an­sprüchen ver­schie­de­ner Mit­glied­staa­ten werde durch die Art. 76 bis 79 der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/71 auf­gelöst. Nach die­sen Vor­schrif­ten werde der deut­sche Kin­der­geld­an­spruch in Höhe der ausländi­schen Fa­mi­li­en­leis­tung aus­ge­setzt und es könne nur der Dif­fe­renz­be­trag aus­ge­zahlt wer­den. Dass die in Bel­gien vor­ge­se­he­nen Fa­mi­li­en­leis­tun­gen nicht be­an­tragt wor­den seien, sei nach Art. 76 Abs. 2 der VO Nr. 1408/71 un­schädlich. Diese Re­ge­lung solle ge­rade ver­hin­dern, dass das Zuständig­keits­sys­tem der VO Nr. 1408/71 durch den Ver­zicht auf die An­trag­stel­lung um­gan­gen werde.

Das FG gab der ge­gen den Auf­he­bungs- und Rück­for­de­rungs­be­scheid ge­rich­te­ten Klage statt. Auf die Re­vi­sion der Fa­mi­li­en­kasse hob der BFH, der in die­ser Sa­che zwi­schen­zeit­lich dem EuGH meh­rere Rechts­fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt hatte, das Ur­teil des FG auf und wies die Klage ab.

Die Gründe:
Ein über das Dif­fe­renz­kin­der­geld hin­aus­ge­hen­der An­spruch auf Kin­der­geld ist durch § 65 Abs. 1 S. 1 Nr. 2 EStG i.V.m. Art. 76 Abs. 2 VO Nr. 1408/71 auf­grund des in Bel­gien be­ste­hen­den Kin­der­geld­an­spruchs aus­ge­schlos­sen.

Sind für ein und den­sel­ben Zeit­raum für ein und den­sel­ben Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen in den Rechts­vor­schrif­ten des Mit­glied­staats, in des­sen Ge­biet die Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen woh­nen, Fa­mi­li­en­leis­tun­gen auf­grund der Ausübung ei­ner Er­werbstätig­keit vor­ge­se­hen, so ruht nach Art. 76 Abs. 1 VO Nr. 1408/71 der An­spruch auf die nach den Rechts­vor­schrif­ten ei­nes an­de­ren Mit­glied­staats ggf. gem. Art. 73 bzw. 74 VO Nr. 1408/71 ge­schul­de­ten Fa­mi­li­en­leis­tun­gen bis zu dem in den Rechts­vor­schrif­ten des ers­ten Mit­glied­staats vor­ge­se­he­nen Be­trag. Wird in dem Mit­glied­staat, in des­sen Ge­biet die Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen woh­nen, kein An­trag auf Leis­tungs­gewährung ge­stellt, so kann der zuständige Träger des an­de­ren Mit­glied­staats Art. 76 Abs. 1 VO Nr. 1408/71 an­wen­den, als ob Leis­tun­gen in dem ers­ten Mit­glied­staat gewährt würden (Art. 76 Abs. 2 VO Nr. 1408/71). Die Vor­aus­set­zun­gen des Art. 76 Abs. 1 und Abs. 2 VO Nr. 1408/71 lie­gen vor.

Vor­lie­gend be­stand für den Sohn der Kläge­rin so­wohl ein Kin­der­geld­an­spruch nach deut­schem als auch nach bel­gi­schem Recht. Die in der ge­setz­li­chen So­zi­al­ver­si­che­rung pflicht­ver­si­cherte Kläge­rin war in Deutsch­land als Ar­beit­neh­me­rin abhängig be­schäftigt. Gem. Art. 13 Abs. 2 Buchst. a VO Nr. 1408/71 un­ter­lag sie da­mit, un­ge­ach­tet ih­res Wohn­sit­zes in Bel­gien, den deut­schen Rechts­vor­schrif­ten. Deutsch­land als Be­schäfti­gungs­mit­glied­staat war da­mit für die Gewährung des Kin­der­gel­des zuständig. Nach deut­schem Recht be­stand für die Kläge­rin im Streit­zeit­raum für ih­ren Sohn ein Kin­der­geld­an­spruch gem. § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b i.V.m. § 1 Abs. 3 EStG. In Bel­gien als dem Wohn­mit­glied­staat der Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen wa­ren Fa­mi­li­en­leis­tun­gen vor­ge­se­hen, die je­doch nicht be­an­tragt wur­den. Eine tatsäch­li­che Ku­mu­lie­rung der Leis­tun­gen lag da­her nicht vor, so dass Art. 76 Abs. 1 VO Nr. 1408/71 al­len­falls über Abs. 2 ein­grei­fen kann (s.o). Ein über das Dif­fe­renz­kin­der­geld hin­aus­ge­hen­der An­spruch der Kläge­rin ist gem. Art. 76 Abs. 2 i.V.m. Abs. 1 VO Nr. 1408/71 i.V.m. § 65 Abs. 1 S. 1 Nr. 2 EStG aus­ge­schlos­sen.

Nach dem Ur­teil des EuGH im Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren (C-4/13) ist Art. 76 Abs. 2 der VO Nr. 1408/71 da­hin aus­zu­le­gen, dass er es dem Be­schäfti­gungs­mit­glied­staat er­laubt, in sei­nen Rechts­vor­schrif­ten vor­zu­se­hen, dass der zuständige Träger den An­spruch auf Fa­mi­li­en­leis­tun­gen ru­hen lässt, wenn im Wohn­mit­glied­staat kein An­trag auf Gewährung von Fa­mi­li­en­leis­tun­gen ge­stellt wor­den ist. Un­ter die­sen Umständen sei da­her der zuständige Träger, falls der Be­schäfti­gungs­mit­glied­staat in sei­nen in­ner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten ein sol­ches Ru­hen­las­sen des An­spruchs auf Fa­mi­li­en­leis­tun­gen vor­sieht, ver­pflich­tet, den An­spruch ru­hen zu las­sen, ohne dass er in­so­weit über ein Er­mes­sen verfügt. An die­ses EuGH-Ur­teil im Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren ist das na­tio­nale Ge­richt bei sei­ner Ent­schei­dung des Aus­gangs­rechts­streits ge­bun­den. Nach den deut­schen Rechts­vor­schrif­ten erfüllt § 65 EStG die Vor­aus­set­zun­gen für eine Ermäch­ti­gung, die in Art. 76 Abs. 2 der VO Nr. 1408/71 vor­ge­se­hen sind.

Im na­tio­na­len Recht sieht § 65 Abs. 1 S. 1 Nr. 2 EStG vor, dass Kin­der­geld nicht für ein Kind ge­zahlt wird, für das Leis­tun­gen zu zah­len sind oder bei ent­spre­chen­der An­trag­stel­lung zu zah­len wären, die im Aus­land gewährt wer­den und dem Kin­der­geld oder ei­ner der in § 65 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 EStG ge­nann­ten Leis­tun­gen ver­gleich­bar sind. Die Vor­schrift ist nach der Recht­spre­chung des EuGH bei eröff­ne­tem An­wen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/71 uni­ons­rechts­wid­rig, so­weit diese nicht zu ei­ner Kürzung des Be­trags der Leis­tung um die Höhe des Be­trags ei­ner in einem an­de­ren Staat gewähr­ten ver­gleich­ba­ren Leis­tung, son­dern zum Aus­schluss führt. So­mit kann § 65 Abs. 1 S. 1 Nr. 2 EStG we­gen des An­wen­dungs­vor­rangs des EU-Rechts nor­mer­hal­tend uni­ons­rechts­kon­form aus­ge­legt wer­den. Dies führt dazu, dass die uni­ons­rechts­wid­rige Rechts­folge - hier der vollständige Aus­schluss - nicht zu be­ach­ten ist, son­dern nur eine Kürzung um den im EU-Aus­land be­ste­hen­den Kin­der­geld­an­spruch in Be­tracht zu zie­hen ist.

Link­hin­weis:

  • Der Voll­text der Ent­schei­dung ist auf der Home­page des BFH veröff­ent­licht.
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