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Kindergeld: Vorrangige Anspruchsberechtigung des im anderen EU-Mitgliedstaat lebenden Elternteils

BFH 13.7.2016, XI R 33/12

Der in einem anderen EU-Mitgliedstaat lebende Elternteil kann gegenüber dem im Inland lebenden Elternteil nach § 64 Abs. 2 S. 1 EStG i.V.m. Art. 67 der VO Nr. 883/2004, Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009 vorrangig kindergeldberechtigt sein, wenn er sein Kind dort in seinen Haushalt aufgenommen hat. Die nach Art. 67 der VO Nr. 883/2004 i.V.m. Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009 vorzunehmende Fiktion bewirkt, dass die Wohnsituation auf Grundlage der im Streitzeitraum im anderen EU-Mitgliedstaat gegebenen Verhältnisse (fiktiv) ins Inland übertragen wird. Dem steht nicht entgegen, dass das Kindergeld Teil des Familienleistungsausgleichs (§ 31 EStG) ist.

Der Sach­ver­halt:
Der Klä­ger ist deut­scher Staat­s­an­ge­hö­ri­ger und der leib­li­che Vater der bei­den Kin­der A (geb. 1995) und B (geb. 1996). Seit April 1999 ist er als Beam­ter in X beschäf­tigt. Er wohnt mit sei­ner Ehe­frau und einem gemein­sa­men Kind, gebo­ren im Januar 2005, in Y. Die nicht unbe­schränkt steu­erpf­lich­tige Kinds­mut­ter ist zypri­sche Staat­s­an­ge­hö­rige, lebt seit Juli 2004 in Zypern, ist dort erwerb­s­tä­tig und hat A und B in ihren Haus­halt auf­ge­nom­men. Die Ehe des Klä­gers und der Kinds­mut­ter ist im Mai 2004 geschie­den wor­den.

Auf Antrag des Klä­gers setzte die Fami­li­en­kasse Kin­der­geld für A und B vor­läu­fig in Höhe des Unter­schieds­be­trags zwi­schen den an die Kinds­mut­ter gezahl­ten zypri­schen Fami­li­en­leis­tun­gen und dem deut­schen Kin­der­geld fest. Im Januar 2012 hob die Fami­li­en­kasse die Fest­set­zung von Kin­der­geld für A und B ab Februar 2012 gem. § 70 Abs. 3 EStG auf.

Das FG gab der hier­ge­gen gerich­te­ten Klage statt. Auf die Revi­sion der Fami­li­en­kasse hob der BFH das Urteil auf und ver­wies die Sache an das FG zurück.

Die Gründe:
Das FG hat zu Unrecht ent­schie­den, dass der Anspruch auf Kin­der­geld dem Klä­ger zusteht. Viel­mehr hat die in Zypern lebende Kinds­mut­ter einen vor­ran­gi­gen Anspruch auf Kin­der­geld.

Der Klä­ger erfüllte im Streit­zei­traum die Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung von Kin­der­geld. Er hatte sei­nen Wohn­sitz im Inland (§ 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG); die im Streit­zei­traum min­der­jäh­ri­gen Kin­der A und B sind bei ihm zu berück­sich­ti­gen (§ 63 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 i.V.m. § 32 Abs. 1 Nr. 1 EStG; § 63 Abs. 1 S. 2 i.V.m. § 32 Abs. 3 EStG). Dass beide Kin­der ihren Wohn­sitz in Zypern hat­ten, ist für die Kin­der­geld­be­rech­ti­gung uner­heb­lich (§ 63 Abs. 1 S. 3 EStG in der bis Ende 2014 gel­ten­den Fas­sung). Aller­dings ist die Kinds­mut­ter nach § 64 Abs. 2 S. 1 EStG vor­ran­gig anspruchs­be­rech­tigt. Sie ist als wei­tere "Berech­tigte" i.S.v. § 64 EStG anzu­se­hen. Ihre Berech­ti­gung ergibt sich aus § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG i.V.m. Art. 67 der VO Nr. 883/2004 und Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009, wonach zu unter­s­tel­len ist, dass die Kinds­mut­ter mit bei­den Kin­dern in Deut­sch­land wohnt.

Nach Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009 ist bei Anwen­dung von Art. 67 und 68 der VO Nr. 883/2004, ins­be­son­dere was das Recht einer Per­son zur Erhe­bung eines Leis­tungs­an­spruchs anbe­langt, die Situa­tion der gesam­ten Fami­lie in einer Weise zu berück­sich­ti­gen, als ob alle betei­lig­ten Per­so­nen unter die Rechts­vor­schrif­ten des betref­fen­den Mit­g­lied­staats fie­len und dort wohn­ten. Nach Art. 67 der VO Nr. 883/2004 hat eine Per­son auch für Fami­li­en­an­ge­hö­rige, die in einem ande­ren Mit­g­lied­staat woh­nen, Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schrif­ten des zustän­di­gen Staats, als ob die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen in die­sem Mit­g­lied­staat wohn­ten. Der EuGH hat ent­schie­den, dass die in Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009 vor­ge­se­hene Fik­tion dazu füh­ren kann, dass der Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen einer Per­son zusteht, die nicht in dem Mit­g­lied­staat wohnt, der für die Gewäh­rung die­ser Leis­tun­gen zustän­dig ist, sofern alle ande­ren durch das natio­nale Recht vor­ge­schrie­be­nen Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung erfüllt sind.

Dem fol­gend hat der BFH ent­schie­den, dass die Anwen­dung von Art. 67 S. 1 der VO Nr. 883/2004 i.V.m. Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009 dazu führt, dass die Wohn­si­tua­tion der im EU-Aus­land leben­den Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen (fik­tiv) in das Inland über­tra­gen wird, d.h. die Situa­tion der gesam­ten Fami­lie in einer Weise zu berück­sich­ti­gen ist, als ob alle betei­lig­ten Per­so­nen unter die Rechts­vor­schrif­ten des für die Gewäh­rung der Fami­li­en­leis­tun­gen zustän­di­gen Mit­g­lied­staats fie­len und dort wohn­ten. Unbe­acht­lich sei, ob dem in einem ande­ren Mit­g­lied­staat leben­den Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen nach den dort gel­ten­den Vor­schrif­ten ein Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen zustehe und damit eine von Art. 68 der VO Nr. 883/2004 erfasste Kon­kur­renz­si­tua­tion gege­ben sei. Zu den "betei­lig­ten Per­so­nen" i.S.d. Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009 gehöre auch der andere Eltern­teil, da die­ser nach natio­na­lem Recht gem. § 63 Abs. 1 S. 1 Nr. 1, § 32 Abs. 1 Nr. 1 EStG berech­tigt sei, für seine leib­li­chen Kin­der Anspruch auf Kin­der­geld zu erhe­ben, und des­halb als Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger i.S.d. Art. 1 Buchst. i Nr. 1 Buchst. i der VO Nr. 883/2004 anzu­se­hen sei. Dem sch­ließt sich der erken­nende Senat an.

Die Anwen­dung der uni­ons­recht­li­chen Fik­tion führt im Streit­fall dazu, dass für Zwe­cke der Anwen­dung von § 64 EStG zu unter­s­tel­len ist, dass die Kinds­mut­ter zusam­men mit bei­den Kin­dern in einem Haus­halt in Deut­sch­land lebt. Die Kinds­mut­ter erfüllt auch die übri­gen Vor­aus­set­zun­gen für einen vor­ran­gi­gen Kin­der­geld­an­spruch. Dem Kin­der­geld­an­spruch der Kinds­mut­ter steht auch nicht ent­ge­gen, dass das Kin­der­geld in ers­ter Linie der steu­er­li­chen Frei­stel­lung eines Ein­kom­mens­be­trags in Höhe des Exis­tenz­mi­ni­mums eines Kin­des ein­sch­ließ­lich der Bedarfe für Bet­reu­ung und Erzie­hung oder Aus­bil­dung (§ 31 S. 1 EStG) dient. Die­ser Zweck wird auch durch die in § 32 Abs. 6 EStG vor­ge­se­he­nen Frei­be­träge ver­wir­k­licht, die der Klä­ger gel­tend machen kann.

Link­hin­weis:

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