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Zum gleichzeitigen Kindergeldbezug in mehreren EU-Staaten (Differenzkindergeld - Polen)

FG Köln 23.4.2013, 1 K 3128/10

Zwar sind bei Zu­sam­men­tref­fen von Leis­tun­gen meh­re­rer Mit­glied­staa­ten, die aus dem­sel­ben Grund zu gewähren sind, gem. Art 68 Abs. 2 S. 1, Abs. 1b) i) VO (EG) Nr. 883/2004, die Fa­mi­li­en­leis­tun­gen des Mit­glied­staa­tes vor­ran­gig zu gewähren, in dem das Kind wohnt. Doch schließt dies nicht den Be­zug des gel­tend ge­mach­ten Dif­fe­renz­kin­der­gel­des aus.

Der Sach­ver­halt:
Der ge­schie­dene Kläger lebt und ar­bei­tet in Deutsch­land. Sein heute zwölfjähri­ger Sohn lebt bei der er­werbstäti­gen Mut­ter in Po­len. Diese be­zog im Streit­zeit­raum für den Sohn pol­ni­sches Kin­der­geld. Die Fa­mi­li­en­kasse setzte für das Kind ab April 2010 den Un­ter­schieds­be­trag zwi­schen dem deut­schen und dem pol­ni­schen Kin­der­geld (sog. Dif­fe­renz­kin­der­geld) fest. Im Juli 2010 hob die Behörde die Kin­der­geld­fest­set­zung gem. § 70 Abs. 3 EStG auf. Sie war der An­sicht, dass seit dem In­kraft­tre­ten der Ver­ord­nun­gen (EG) 883/2004 und (EG) 987/2009 auf­grund der Haus­halts­nahme des Kin­des bei der Mut­ter nur diese als vor­ran­gig be­rech­tigte Per­son An­spruch auf Dif­fe­renz­kin­der­geld habe.

Der Kläger war hin­ge­gen der Auf­fas­sung, dass die Vor­ran­gre­ge­lung des § 64 EStG über­haupt nicht greife, da die Mut­ter man­gels Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halts in Deutsch­land über­haupt nicht i.S.v. § 62 EStG kin­der­geld­an­spruchs­be­rech­tigt sei. Hieran ändere auch die VO (EG) 883/2004 so­wie die hierzu er­las­sene und am 1.5.2010 in Kraft ge­tre­tene Durchführungs­ver­ord­nung (EG) 987/2009 nichts.

Das FG gab der Klage statt. Al­ler­dings wurde we­gen grundsätz­li­cher Be­deu­tung die Re­vi­sion zum BFH zu­ge­las­sen.

Die Gründe:
Zu Un­recht hatte die Fa­mi­li­en­kasse die Kin­der­geld­fest­set­zung mit der Begründung auf­ge­ho­ben, der Kin­der­geld­an­spruch stehe dem Kläger auf­grund der Haus­halts­zu­gehörig­keit des Kin­des bei der Mut­ter nicht zu. Der Kläger hat nach wie vor An­spruch auf Kin­der­geld i.H.d. Dif­fe­renz zwi­schen dem deut­schen und dem pol­ni­schen Kin­der­geld.

Der Kläger fällt als deut­scher Ar­beit­neh­mer hin­sicht­lich sei­nes Kin­der­geld­an­spruchs un­ter den An­wen­dungs­be­reich der VO (EG) Nr. 883/2004 zur Ko­or­di­nie­rung der Sys­teme der so­zia­len Si­cher­heit v. 19.4.2004 so­wie die hierzu er­gan­gene Durchführungs­ver­ord­nung VO (EG) 987/2009 vom 16.9.2009 (Art. 2 Abs. 1, 3 Abs. 1 j) VO (EG) Nr. 883/2004). Auf­grund sei­ner Be­schäfti­gung in Deutsch­land ist für ihn nach Art. 11 Abs. 1 i.V.m. Art. 11 Abs. 3a VO (EG) Nr. 883/2004 aus­schließlich deut­sches Recht an­zu­wen­den, was zu einem Kin­der­geld­an­spruch führt. Hieran änderte auch der Be­zug von pol­ni­schem Kin­der­geld durch die Kin­des­mut­ter nichts. Zwar sind bei Zu­sam­men­tref­fen von Leis­tun­gen meh­re­rer Mit­glied­staa­ten, die aus dem­sel­ben Grund zu gewähren sind, gem. Art 68 Abs. 2 S. 1, Abs. 1b) i) VO (EG) Nr. 883/2004, die Fa­mi­li­en­leis­tun­gen des Mit­glied­staa­tes vor­ran­gig zu gewähren, in dem das Kind wohnt. Doch schließt dies nicht den Be­zug des vor­lie­gend vom Kläger gel­tend ge­mach­ten Dif­fe­renz­kin­der­gel­des aus.

Ob ein Leis­tungs­an­spruch aus­schließlich durch den Wohn­ort aus­gelöst wird, be­stimmt sich nach den Vor­schrif­ten der VO (EG) Nr. 883/2004 und nicht nach den na­tio­na­len Re­ge­lun­gen der §§ 62 ff. EStG. Ent­schei­dend ist, auf­grund wel­chen Tat­be­stands die be­rech­tigte Per­son den Rechts­vor­schrif­ten des be­tref­fen­den Mit­glied­staats nach den Art. 11 bis 16 der VO (EG) Nr. 883/2004 un­ter­stellt ist. An­dern­falls wäre es den Mit­glied­staa­ten durch Aus­ge­stal­tung ih­rer An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen in ih­ren na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten frei­ge­stellt zu be­stim­men, an wel­cher Stelle in der eu­ro­pa­recht­li­chen Rang­folge sie leis­tungs­ver­pflich­tet sein wol­len. In­so­weit schließt sich der Se­nat der herr­schen­den Recht­spre­chung der FG an.

Der inländi­sche Kin­der­geld­an­spruch des Klägers ist auch nicht nach § 64 Abs. 2 S. 1 EStG i.V.m. Art. 60 Abs. 1 S. 2 VO (EG) Nr. 987/2009 aus­ge­schlos­sen. Denn man­gels inländi­scher An­spruchs­be­rech­ti­gung der Kin­des­mut­ter fehlt es be­reits am Vor­lie­gen meh­re­rer An­spruchs­be­rech­tig­ter. Schließlich führt der Be­zug von pol­ni­schem Kin­der­geld auch nicht zum Aus­schluss der Kin­der­geld­be­rech­ti­gung des Klägers nach § 65 Abs. 1 Nr. 2 EStG. Zwar ist das pol­ni­sche Kin­der­geld mit dem deut­schen Kin­der­geld in die­sem Sinne ver­gleich­bar. Doch steht nach EuGH-Recht­spre­chung dem na­tio­na­len Aus­schluss von Kin­der­geld die Grund­frei­heit der Ar­beit­neh­mer­freizügig­keit ent­ge­gen, als kein Dif­fe­renz­kin­der­geld gewährt wird (EuGH-Urt. v. 12.6.2012, C-611/10 u.a.).

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