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Vorrangiger Kindergeldanspruch des im anderen EU-Mitgliedstaat wohnenden Pflegeelternteils

BFH 15.6.2016, III R 60/12

Der Kin­der­geld­an­spruch ei­nes in Deutsch­land wohn­haf­ten pol­ni­schen Staats­an­gehöri­gen für sein in Po­len im Haus­halt ei­nes Pfle­ge­el­tern­teils le­ben­des Kind kann nach § 64 Abs. 2 S. 1 EStG i.V.m. Art. 67 der VO Nr. 883/2004, Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009 durch den vor­ran­gi­gen Kin­der­geld­an­spruch des Pfle­ge­el­tern­teils verdrängt wer­den. Der Be­griff der "be­tei­lig­ten Per­so­nen" i.S.d. Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009 ist im Hin­blick auf das Kin­der­geld nach dem EStG nach Art. 1 Buchst. i Nr. 1 Buchst. i und nicht nach Art. 1 Buchst. i Nr. 2 der VO Nr. 883/2004 zu be­stim­men.

Der Sach­ver­halt:
Strei­tig ist der Kin­der­geld­an­spruch für den in Po­len le­ben­den Sohn des Klägers von Ja­nuar 2007 bis No­vem­ber 2011. Der Kläger ist pol­ni­scher Staats­an­gehöri­ger. Er ist der Va­ter ei­ner im De­zem­ber 1988 ge­bo­re­nen Toch­ter (T) und ei­nes im Fe­bruar 1995 ge­bo­re­nen Soh­nes (S). S lebt im Haus­halt der Schwes­ter und des Schwa­gers des Klägers in Po­len. Der Kläger wohnt seit dem Jahr 2005 in Deutsch­land und ist dort als selbständi­ger Un­ter­neh­mer tätig. Die Kinds­mut­ter wohnt in Großbri­tan­nien. Die be­klagte Fa­mi­li­en­kasse lehnte den Kin­der­geld­an­trag des Klägers für seine bei­den Kin­der durch Be­scheid von 2011 ab.

Das FG gab der hier­ge­gen ge­rich­te­ten Klage teil­weise statt und ver­pflichte die Fa­mi­li­en­kasse zur Kin­der­geld­fest­set­zung für T von Ja­nuar 2007 bis Juni 2008 und für S ab Ja­nuar 2007. Auf die Re­vi­sion der Fa­mi­li­en­kasse hob der BFH das Ur­teil auf und ver­wies die Sa­che zur an­der­wei­ti­gen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das FG zurück.

Die Gründe:
Die Fest­stel­lun­gen des FG genügen nicht, um be­ur­tei­len zu können, ob für den Zeit­raum Ja­nuar 2007 bis April 2010 kon­kur­rie­rende An­sprüche der Schwes­ter oder des Schwa­gers des Klägers und der Kinds­mut­ter be­ste­hen und diese den An­spruch des Klägers ganz oder teil­weise aus­schließen.

Nach § 64 Abs. 1 EStG wird für je­des Kind nur einem Be­rech­tig­ten Kin­der­geld ge­zahlt. Bei meh­re­ren Be­rech­tig­ten wird das Kin­der­geld dem­je­ni­gen ge­zahlt, der das Kind in sei­nen Haus­halt auf­ge­nom­men hat (§ 64 Abs. 2 S. 1 EStG). Im Streit­fall könnte sich die An­spruchs­be­rech­ti­gung der Schwes­ter oder des Schwa­gers aus § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG er­ge­ben. Zwar liegt der nach die­ser Vor­schrift er­for­der­li­che In­lands­wohn­sitz tatsäch­lich nicht vor. Es fin­den je­doch die Vor­schrif­ten der VO Nr. 883/2004 und der VO Nr. 987/2009 An­wen­dung. Da­durch könnte gem. Art. 67 der VO Nr. 883/2004 i.V.m. Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009 ein In­lands­wohn­sitz der Schwes­ter oder des Schwa­gers fin­giert wer­den. In­so­weit ist vom FG im zwei­ten Rechts­gang je­doch noch zu klären, ob die Schwes­ter oder der Schwa­ger des Klägers die Pfle­ge­el­ter­nei­gen­schaft und alle übri­gen Vor­aus­set­zun­gen für eine vor­ran­gige An­spruchs­be­rech­ti­gung erfüllen.

Der An­wen­dungs­be­reich der VO Nr. 883/2004 ist im Streit­fall eröff­net und Deutsch­land ist da­nach der zuständige Mit­glied­staat. Der Kläger ist pol­ni­scher Staats­an­gehöri­ger und fällt da­mit nach Art. 2 Abs. 1 der VO Nr. 883/2004 in den persönli­chen An­wen­dungs­be­reich der Grund­ver­ord­nung. Ebenso ist das Kin­der­geld nach dem EStG eine Fa­mi­li­en­leis­tung i.S.d. Art. 1 Buchst. z der VO Nr. 883/2004, wes­halb auch de­ren sach­li­cher An­wen­dungs­be­reich nach Art. 3 Abs. 1 Buchst. j der VO Nr. 883/2004 eröff­net ist. Gem. Art. 11 Abs. 1 der VO Nr. 883/2004 un­ter­lie­gen die von der Ver­ord­nung er­fass­ten Per­so­nen den Rechts­vor­schrif­ten nur ei­nes Mit­glied­staats. Da der Kläger im Streit­zeit­raum eine selbständige Er­werbstätig­keit in Deutsch­land ausgeübt hat, un­ter­lag er den deut­schen Rechts­vor­schrif­ten (Art. 11 Abs. 3 Buchst. a der VO Nr. 883/2004).

Zu den "be­tei­lig­ten Per­so­nen" i.S.d. Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009 gehören die "Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen" i.S.d. Art. 1 Buchst. i Nr. 1 Buchst. i der VO Nr. 883/2004. Da das Kin­der­geld­recht nach dem EStG den Be­griff des Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen we­der ver­wen­det noch de­fi­niert, sind hier­un­ter ne­ben den El­tern­tei­len und dem Kind auch alle Per­so­nen zu ver­ste­hen, die nach na­tio­na­lem Recht be­rech­tigt sind, An­spruch auf diese Leis­tun­gen zu er­he­ben. Da­her wer­den von die­sem Be­griff nach § 62 Abs. 1 i.V.m. § 63 Abs. 1 S. 1 Nr. 1, § 32 Abs. 1 Nr. 2 EStG auch Per­so­nen er­fasst, die ein Kind als Pfle­ge­kind in ih­ren Haus­halt auf­ge­nom­men ha­ben.

Das FG wird im zwei­ten Rechts­gang je­doch noch auf­zuklären ha­ben, ob die Schwes­ter oder der Schwa­ger des Klägers im Streit­zeit­raum Mai 2010 bis No­vem­ber 2011 in einem Pfle­ge­kind­schafts­verhält­nis zu S stan­den. In­so­weit ist nicht ent­schei­dend, ob sie nach pol­ni­schem Recht als Pfle­ge­el­tern be­stellt wur­den. Es kommt viel­mehr dar­auf an, ob sie die nach deut­schem Recht er­for­der­li­chen Vor­aus­set­zun­gen erfüllen. Al­ler­dings hängt das Be­ste­hen ei­nes Pfle­ge­kind­schafts­verhält­nis­ses nach § 32 Abs. 1 Nr. 2 EStG u.a. da­von ab, dass das Ob­huts- und Pfle­ge­verhält­nis zu bei­den El­tern­tei­len nicht mehr be­steht, was je­den­falls vom Kläger in Be­zug auf seine Per­son be­strit­ten wird.

Link­hin­weis:

  • Der Voll­text der Ent­schei­dung ist auf der Home­page des BFH veröff­ent­licht.
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