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Vertrauen ist gut, ist Kontrolle besser? – Pay per Order-Verträge und ihre nahen Verwandten

Durch die Digitalisierung werden Produkte und Vertriebswege massiv verändert. Die Verkaufszahlen und damit die Umsätze für physische CDs, DVDs, Bücher und Zeitschriften sind in den letzten Jahren signifikant gesunken, stattdessen verlagern sich die Umsätze auf digitale Plattformen wie Amazon (Prime, Music), Telekom, Apple, Spotify und Netflix um nur einige exemplarisch zu nennen.

Im Musik­markt wer­den inzwi­schen nur noch knapp über 50 % der Umsätze aus phy­si­schen Ver­käu­fen erzielt, wäh­rend der Anteil an digi­ta­len Umsät­zen aus Down­loads und Strea­ming­por­ta­len ste­tig wächst. Im deut­schen Buch­markt dage­gen ist das E-Book mit ca. 5 % Umsatz­an­teil die letz­ten Jahre eta­b­liert, aber nicht mehr auf sig­ni­fi­kan­tem Wachs­tums­kurs. Dage­gen sind digi­tale Pro­dukte wie Apps auf den tech­no­lo­gi­schen Wan­del zurück­zu­füh­ren und daher nur auf digi­ta­len Platt­for­men erhält­lich.

Vertrauen ist gut, ist Kontrolle besser? – Pay per Order-Verträge und ihre nahen Verwandten© Thinkstock

Der digi­tale Ver­trieb hat eines für Anbie­ter von Musik, Fil­men, Apps und Büchern, d. h. den Künst­lern, Ver­la­gen, Rech­te­be­sit­zern, Ent­wick­lern und Agen­tu­ren die­ser, gemein: Sie erhal­ten von den Bet­rei­bern der elek­tro­ni­schen Platt­for­men einen ver­trag­lich fixier­ten Anteil („Pay per Order“) auf Basis der Abver­kaufs­men­gen. Dies erfolgt in der Regel durch Gut­schrif­ten und oft monat­lich, manch­mal jedoch auch per Quar­tal oder halb­jähr­lich. Die Ver­kaufs­zah­len, die im bes­ten Fall plau­si­bel sind, kön­nen jedoch nicht über­prüft wer­den, da diese Absatz­zah­len aus­sch­ließ­lich in den Daten­ban­ken der Ver­triebs­platt­for­men erfasst und gehal­ten wer­den. Im klas­si­schen (Eigen)Ver­trieb hin­ge­gen wird die Platt­form ent­we­der selbst betrie­ben oder den Ver­trieb­s­part­nern phy­si­sche Pro­dukte (CDs, DVDs, Bücher, etc.) zum klas­si­schen Han­del zur Ver­fü­gung ges­tellt, so die abge­setz­ten Stück­zah­len kon­trol­liert wer­den kön­nen.

Pay per Order - Ver­trags­ty­pen und Kos­ten

“Pay per Order“ wird insb. bei o.g. Leis­tun­gen, aber auch im Bereich der Wer­bung häu­fig ein­ge­setzt und löst dabei je nach Ver­trags­typ unter­schied­li­che defi­nierte Abrech­nungs­mo­delle aus:

Vertragstypen Pay per Click, Affiliate Marketing und Pay per Lead © Vertragstypen Pay per Click, Affiliate Marketing und Pay per Lead

Um Klicks zu erfas­sen, wer­den diese durch die Por­tale auch kon­se­qu­en­ter­weise tech­nisch gezählt, sog. „Tra­cking“. Das erkennt man daran, dass die Links auf den Por­ta­len nicht direkt in ihren Shop, son­dern über eine zusätz­li­che Seite gelei­tet wer­den und von dort der Besu­cher in den Shop gelangt. Die Nach­teile lie­gen jedoch in der ein­fa­chen Mani­pu­lier­bar­keit, was insb. die Wer­ben­den betrifft. Sie kön­nen die Qua­li­tät des Traf­fics nicht ein­schät­zen, müs­sen ihn aber bezah­len, auch wenn aus den wei­ter­ge­lei­te­ten Inter­es­sen­ten bei ihnen keine Kun­den wer­den.

Ver­trags­ge­stal­tung und eige­nes Inter­nes Kon­troll­sys­tem

Was kann man als Anbie­ter bzw. Wer­ben­der tun, wenn eine Über­prü­fung der Leis­tun­gen nicht mög­lich und man auf die Anga­ben des Home­page- oder Platt­form­be­t­rei­bers ange­wie­sen ist?

Bei gro­ßen Platt­for­men gibt es jeweils Stan­dard­ver­träge, die in der Regel sei­tens der Anbie­ter nicht geän­dert wer­den kön­nen. Für Inter­net­wer­bung exis­tie­ren sog. „pay-per-click Agen­tu­ren“, die eben­falls Stan­dard­ver­träge besit­zen (soll­ten). Wel­che Min­des­tin­halte soll­ten diese Ver­träge bein­hal­ten?

  • Es sollte gere­gelt wer­den, wel­ches kon­k­rete Ange­bot des Pub­lis­hers bewor­ben wer­den soll und in wel­cher Form der werb­li­che Con­tent ein­ge­bun­den wird. Zudem sollte die Platt­form des Pub­lis­hers näher beschrie­ben wer­den.
  • Es sollte die Art und Weise des Tra­ckings exakt und zwei­fels­f­rei defi­niert wer­den.
  • Las­sen Sie sich ein Prüf­recht ver­trag­lich ein­räu­men. Die­ses Prüf­recht ist in der Regel aus Grün­den der Fair­ness so aus­ge­stal­tet, dass die­ses Recht ein­mal jähr­lich aus­ge­übt wer­den kann. Soll­ten Kos­ten für die Prü­fung z. B. durch die Bestel­lung eines exter­nen Prü­fers anfal­len, trägt der Auf­trag­ge­ber der Prü­fung zunächst die Kos­ten. Sie soll­ten jedoch eine Kos­ten­über­gangs­klau­sel in dem Ver­trag ver­ein­ba­ren, die dann greift, wenn durch die Prü­fung eine abso­lute oder pro­zen­tuale Abwei­chung zu Ihren Unguns­ten zwi­schen Abrech­nung und Prü­fung­s­er­geb­nis über­schrit­ten wird.
  • In Ein­zel­fäl­len stellt der Platt­form­an­bie­ter von einem unab­hän­gi­gen Wirt­schafts­prü­fer tes­tierte Men­gen­an­ga­ben zur Ver­fü­gung. Hier­durch bie­tet sich mit Abstand die größte Sicher­heit für die Angabe der Ver­kaufs­men­gen.
  • In jedem Fall gilt: Legen Sie genau fest, wel­che Berich­t­er­stat­tung oder Daten vom Abrech­ner in wel­chem Zyk­lus gelie­fert wer­den. Dies kön­nen Ver­käufe, wöchent­li­che Trends oder sta­tis­ti­sche Kenn­zah­len sein. Ggf. muss auch eine Schnitt­s­tel­len­de­fini­tion für den Aus­tausch elek­tro­ni­scher Daten in dem Ver­trag defi­niert wer­den.
  • Auch sollte gere­gelt wer­den, wel­che Ver­trag­s­par­tei den ent­sp­re­chen­den Report ers­tellt. Wie bei jedem Ver­trag sollte selbst­ver­ständ­lich auch der Abrech­nung­s­tur­nus und die Fäl­lig­keit ver­ein­bart wer­den. (Aus­wer­tun­gen über Her­kunft der User, Brow­ser, Sys­tem, Besu­cher, Besu­cher­ver­hal­ten usw.)
  • Affi­liate-Mar­ke­ting-Ver­träge wer­den häu­fig für eine bestimmte Min­dest­ver­trags­lauf­zeit mit auto­ma­ti­scher Ver­län­ge­rung gesch­los­sen. Bei einem sol­chen Lauf­zeit­mo­dell ist es wich­tig, Kün­di­gungs­rechte aus wich­ti­gem Grund genauer zu defi­nie­ren.
  • In eini­gen Affi­liate-Mar­ke­ting-For­men ist die Erhe­bung und Wei­ter­gabe von Daten vor­ge­se­hen. Ins­be­son­dere wenn Adver­ti­ser und Pub­lis­her unter­schied­li­chen Rechts­ord­nun­gen ange­hö­ren, soll­ten Rege­lun­gen über den Daten­schutz getrof­fen wer­den.

Im Zwei­fel sollte eine IT-Rechts­be­ra­tung hin­zu­ge­zo­gen wer­den. Recht­li­che Risi­ken soll­ten vorab iden­ti­fi­ziert und ggf. eli­mi­niert wer­den. Trotz allem ver­b­leibt die Frage, wel­che Form der Prü­fung bzw. Über­wa­chung statt­fin­den soll.

Hin­weis

Für umsatz­re­le­vante Daten soll­ten auf jeden Fall die Abrech­nung­s­p­reise über­prüft wer­den, die Men­gen kön­nen ggf. mit dem Repor­ting des Platt­form­an­bie­ters abge­stimmt wer­den – sofern vor­han­den. Dadurch alleine haben Sie jedoch noch keine Sicher­heit bzgl. der gemel­de­ten Men­gen. In einem ers­ten Schritt soll­ten die Men­gen­mel­dun­gen von qua­li­fi­zier­ten Mar­ke­ting­mit­ar­bei­tern auf Plau­si­bi­li­tät geprüft wer­den. Von einer unab­hän­gi­gen Stelle tes­tierte Men­gen­an­ga­ben sind zunächst ver­trau­ens­wür­dig, trotz­dem soll­ten Sie diese zumin­dest grob plau­si­bi­li­sie­ren. Im Falle, dass hier grob zu Ihrem Nach­teil aus­ge­prägte Auf­fäl­lig­kei­ten zu Tage tre­ten, ist durch­aus eine Prü­fung beim Dienst­leis­ter vor Ort zu emp­feh­len – sofern ein Prüf­recht besteht.

Prü­fe­ri­sche Sicher­heit gewin­nen

Aus Prü­fer­sicht ist wei­ter­hin inter­es­sant, ob der Platt­form­di­enst­leis­ter über eine Zer­ti­fi­zie­rung der ein­ge­setz­ten Soft­ware oder der inter­nen Abläufe ver­fügt:

  • Mit einer Soft­wa­re­zer­ti­fi­zie­rung nach IDW PS 880 kann z. B. bestä­tigt wer­den, dass eine ord­nungs­ge­mäße Abrech­nung durch die Soft­ware des Dienst­leis­ters sicher­ge­s­tellt wer­den kann.
  • Eine Dienst­leis­ter­zer­ti­fi­zie­rung nach IDW PS 951 bzw. ISAE 3402 bestä­tigt, dass der Dienst­leis­ter ein ange­mes­se­nes Kon­troll­kon­zept imp­le­men­tiert hat (Typ 1) bzw. das Kon­troll­kon­zept über den ange­ge­be­nen Zei­traum fak­tisch gelebt wor­den ist (Typ 2).
  • Eine Rechen­zen­trums­zer­ti­fi­zie­rung nach ISO 27001 bestä­tigt einen ord­nungs­ge­mä­ßen Betrieb und eine ent­sp­re­chende Ein­rich­tung der rechen­zen­trums­spe­zi­fi­schen Kon­trol­len.
  • Mit hoher Wahr­schein­lich­keit han­delt es sich bei der Tätig­keit der Platt­form­di­enst­leis­ter um eine Auf­trags­ver­ar­bei­tung im Sinne von Art. 28 DSGVO. Daher wird in der Regel ein ange­mes­sen gestal­te­ter Auf­trags­ver­ar­bei­tungs-Ver­trag benö­t­igt inkl. der Angabe der Tech­nisch-Orga­ni­sa­to­ri­schen Maß­nah­men (TOMs) des Dienst­leis­ters.

Die genann­ten Berichte soll­ten in Gänze und voll­stän­dig ange­for­dert wer­den, um die Aus­sa­ge­kraft der jewei­li­gen Prü­fun­gen ein­schät­zen zu kön­nen. Zuwei­len ver­su­chen Dienst­leis­ter ihre Part­ner mit dem zusam­men­fas­sen­den Ergeb­nis zufrie­den zu stel­len. Die­ses hat für sich alleine jedoch sehr oft keine hin­rei­chende Aus­sa­ge­kraft.

Hin­weis

Digi­tale Pro­dukte sind heut­zu­tage Stan­dard und für die in die Zukunft aus­ge­rich­tete Unter­neh­men unab­ding­bar. Nut­zen Sie daher diese Tech­no­lo­gien, ver­se­hen Sie diese jedoch mit einem ange­mes­se­nen recht­li­chen und betriebs­wirt­schaft­li­chen Kon­troll­kon­zept im Zusam­men­spiel mit Ihren Dienst­leis­tern. Erkun­di­gen Sie sich bei Ihren digi­ta­len Dienst­leis­tern nach ein­schlä­g­i­gen Zer­ti­fi­zie­run­gen und zie­hen Sie bei Bedarf einen Fach­an­walt für IT-Recht zu Rate, um ver­trag­li­che Risi­ken aus­zu­sch­lie­ßen.


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