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Anspruch auf Vergütungsanpassung im Urheberrecht ist verfassungsgemäß

BVerfG 23.10.2013, 1 BvR 1842/11 u.a.

Um so­zia­len oder wirt­schaft­li­chen Un­gleich­ge­wich­ten ent­ge­gen­zu­wir­ken, darf der Ge­setz­ge­ber die von Art. 12 Abs. 1 GG ge­schützte Frei­heit, das Ent­gelt für be­ruf­li­che Leis­tun­gen ein­zel­ver­trag­lich zu ver­ein­ba­ren, durch zwin­gen­des Ge­set­zes­recht be­gren­zen. Eine ur­he­ber­recht­li­che Re­ge­lung, die einen An­spruch auf ge­richt­li­che Kon­trolle der An­ge­mes­sen­heit ver­trag­lich ver­ein­bar­ter Vergütun­gen für die Werk­nut­zung gewährt, ist da­her mit dem GG ver­ein­bar.

Der Sach­ver­halt:
Der Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens 1 BvR 1843/11 hatte auf­grund ei­nes Ver­trags mit der Be­schwer­deführe­rin, einem Hard­co­ver-Ver­lag, das Sach­buch "De­struc­tive Emo­ti­ons - Dia­log mit dem Da­lai Lama" über­setzt. Die Ver­ein­ba­rung um­fasste ein Sei­ten­ho­no­rar von 19 € pro Norm­seite, ein pro­zen­tua­les Ab­satz­ho­no­rar bei Ver­kauf von mehr als 15.000 Ex­em­pla­ren und eine Be­tei­li­gung an Li­zenzerlösen aus der Ver­wer­tung von Ne­ben­rech­ten. Die Be­schwer­deführe­rin be­zahlte rund 13.500 € an den Kläger. LG und OLG wie­sen die Klage auf Ver­trags­an­pas­sung ab. Der BGH hob die Ur­teile teil­weise auf und ver­ur­teilte die Be­schwer­deführe­rin dazu, in eine An­he­bung der Ab­satz- und Ne­ben­rechts­be­tei­li­gung ein­zu­wil­li­gen, Aus­kunft zu er­tei­len und rund 6.841 € nach­zu­zah­len (Ur­teil v. 20.1.2011, Az.: I ZR 19/09).

Der Kläger im Aus­gangs­ver­fah­ren 1 BvR 1842/11 hatte mit der Be­schwer­deführe­rin im Fe­bruar/März 2002 die Über­set­zung des Ro­mans "Drop City" von T. C. Boyle ver­ein­bart. Das Sei­ten­ho­no­rar be­trug 18,50 € pro Norm­seite. Hinzu ka­men ein pro­zen­tua­les Ab­satz­ho­no­rar bei Ver­kauf von mehr als 20.000 Ex­em­pla­ren und eine Be­tei­li­gung an Li­zenzerlösen. Der Kläger er­hielt rund 18.000 € von der Be­schwer­deführe­rin. Auch in die­sem Ver­fah­ren hob der BGH die klag­ab­wei­sen­den Ur­teile der Vor­in­stan­zen teil­weise auf (Ur­teil v. 20.1.2011, Az.: I ZR 20/09). Er ver­ur­teilte die Be­schwer­deführe­rin, in eine An­he­bung der Ab­satz- und Ne­ben­rechts­be­tei­li­gung ein­zu­wil­li­gen, Aus­kunft zu er­tei­len und rund 13.073 € nach­zu­zah­len.

Mit ih­ren Ver­fas­sungsbe+schwer­den rich­tet die Be­schwer­deführe­rin sich ge­gen die im Jahr 2002 no­vel­lierte Re­ge­lung im Ur­he­ber­rechts­ge­setz so­wie ge­gen die bei­den dar­auf be­ru­hen­den Ent­schei­dun­gen des BGH zur An­ge­mes­sen­heit von Über­set­zer­ho­no­ra­ren im Ver­lags­we­sen. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den blie­ben al­ler­dings er­folg­los.

Die Gründe:
§ 32 UrhG ist mit der Be­rufs­frei­heit gem. Art. 12 Abs. 1 GG ver­ein­bar.

Der Ge­setz­ge­ber ist in nach­voll­zieh­ba­rer Weise da­von aus­ge­gan­gen, dass die an­ge­mes­sene Be­tei­li­gung der Ur­he­ber am wirt­schaft­li­chen Nut­zen ih­rer Ar­beit und Werke nur teil­weise gewähr­leis­tet ist. § 32 UrhG soll ins­be­son­dere Ur­he­bern mit schwa­cher Ver­hand­lungs­po­si­tion und nied­ri­gen Ein­kom­men hel­fen, ihr Ur­he­ber­recht auch wirt­schaft­lich zu rea­li­sie­ren. Die Re­ge­lung der ge­richt­li­chen An­ge­mes­sen­heitsprüfung von Ur­he­ber­vergütun­gen bringt die Grund­rechte der Be­trof­fe­nen zu einem an­ge­mes­se­nen Aus­gleich. Grund­ge­danke des Ur­he­ber­rechts ist die an­ge­mes­sene Be­tei­li­gung der Ur­he­ber am wirt­schaft­li­chen Nut­zen ih­rer Werke, was im Be­tei­li­gungs-grund­satz des § 11 S. 2 UrhG ge­setz­lich ge­re­gelt ist. Der An­spruch des Ur­he­bers auf eine an­ge­mes­sene Vergütung ist auch Ge­gen­stand völker- und eu­ro­pa­recht­li­cher Gewähr­leis­tun­gen.

Zwar wird die Be­rufs­ausübungs­frei­heit der Ver­wer­ter durch die Re­ge­lung nicht un­er­heb­lich be­einträch­tigt. Denn die Frei­heit, den In­halt der Vergütungs­ver­ein­ba­run­gen mit Ur­he­bern aus­han­deln zu können, ist ein we­sent­li­cher Be­stand­teil ih­rer Be­rufs­ausübung. Zu­gleich gehört die Ver­ein­ba­rung des ge­schul­de­ten Prei­ses für eine Leis­tung zum Kern der Pri­vat­au­to­no­mie und wird in der Re­gel dem Markt­me­cha­nis­mus über­las­sen. Zu­dem wird die Funk­tion ei­nes Ver­trags, für beide Sei­ten Rechts- und Pla­nungs­si­cher­heit zu schaf­fen, durch § 32 UrhG ge­schmälert.

Al­ler­dings steht die Be­einträch­ti­gung der Be­rufs­ausübungs­frei­heit der Ver­wer­ter bei ei­ner Ge­samt­be­trach­tung nicht außer Verhält­nis zum Schutz des In­ter­es­ses der Ur­he­ber an ei­ner an­ge­mes­se­nen Be­tei­li­gung am wirt­schaft­li­chen Nut­zen ih­rer Werke. § 32 UrhG nimmt den Ver­wer­tern nicht jeg­li­chen Ver­hand­lungs­spiel­raum hin­sicht­lich Höhe und Mo­da­litäten der Ur­he­ber­vergütung, son­dern schließt le­dig­lich die Ver­ein­ba­rung ei­ner un­an­ge­mes­sen nied­ri­gen Vergütung aus.

So­weit die Überg­angs­re­ge­lung des § 132 Abs. 3 S. 3 UrhG an­ord­net, dass § 32 UrhG auch auf Verträge an­wend­bar ist, die vor In­kraft­tre­ten der Neu­re­ge­lung ge­schlos­sen wur­den, verstößt dies nicht ge­gen das rechts­staat­li­che Rück­wir­kungs­ver­bot aus Art. 20 Abs. 3 GG. Denn durch die Rück­wir­kung wollte der Ge­setz­ge­ber ver­hin­dern, dass Werke, bei de­nen nach be­reits ge­schlos­se­nen Verträgen keine zusätz­li­che Vergütung zu zah­len wäre, mit je­nen in Kon­kur­renz tre­ten, de­ren Nut­zungs­rechte nach der Neu­re­ge­lung über­tra­gen wur­den. Letzt­lich ver­letzt die Be­stim­mung der an­ge­mes­se­nen Vergütung durch den BGH die Be­schwer­deführe­rin auch nicht durch ob­jek­tiv willkürli­che Rechts­an­wen­dung in ih­rem Recht aus Art. 3 Abs. 1 GG. Das gilt ins­be­son­dere auch für die Anknüpfung der Be­tei­li­gung des Über­set­zers an den Erlösen aus der Ne­ben­rechts­ver­gabe an den An­teil des ausländi­schen Au­tors ("Au­to­ren­an­teil").

Link­hin­weis:

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