deen
Nexia Ebner Stolz

Gesundheits-Apps zur Patientenbindung

Die langfristige Patientengewinnung und -bindung ist in einer wettbewerblichen Krankenhauslandschaft ein zentrales Anliegen. Unlautere Patientenbindungssysteme, z.B. durch Vergünstigungen an Zuweiser, bergen inzwischen deutliche Strafbarkeitsrisiken. Können sich Krankenhäuser Gesundheits-Apps nutzbar machen, um dauerhaft den Kontakt zu Patienten zu halten?

Dür­fen sie Apps für das Handy ent­wi­ckeln oder nut­zen, um Pati­en­ten auch über den Auf­ent­halt im Kran­ken­haus oder der Ambu­lanz zu bin­den, z.B. indem sie Herz-Kreis­lauf­da­ten von Chro­ni­kern sam­meln und aus­wer­ten, die von einer App auf­ge­zeich­net wer­den?

Gesundheits-Apps zur Patientenbindung© Thinkstock

Mög­lich­kei­ten und Chan­cen

Apps sind ein star­kes Instru­ment zur Kun­den­bin­dung. Wer als Kunde eine App her­un­ter­ge­la­den hat, kehrt häu­fi­ger auf die Bes­tell­sei­ten des Anbie­ters zurück und kauft im Schnitt mehr als der Nicht-App-Kunde.

Mobile Tech­no­lo­gien bie­ten inzwi­schen auch beim Thema Gesund­heit viel­fäl­tige Ein­satz­mög­lich­kei­ten, z.B. im Rah­men der Präv­en­tion, oder der Gesund­heits­för­de­rung bis hin zur selbst­stän­di­gen The­ra­pie­be­g­lei­tung. Gesund­heits-Apps wer­den zuneh­mend auch zur Unter­stüt­zung von Diag­nos­tik und The­ra­pie inkl. Reha­bi­li­ta­tion ange­bo­ten und ver­wen­det. Ihr Nut­zen besteht für die Anwen­der vor allem darin, unab­hän­gig von Ort und Zeit mit dem bet­reu­en­den Fach­per­so­nal kom­mu­ni­zie­ren zu kön­nen. Ärz­tin­nen und Ärz­ten bie­ten die mobi­len Anwen­dun­gen in der Ver­sor­gung neue Mög­lich­kei­ten, Lang­zei­ten-Daten und aktu­elle Gesund­heits­in­for­ma­tio­nen von ihren Pati­en­ten zu erhal­ten, die für eine spä­tere Behand­lung nutz­bar gemacht wer­den kön­nen – und einen Vor­teil gegen­über Wett­be­wer­bern bedeu­ten.

Risi­ken und Neben­wir­kun­gen

Gesund­heits-Apps haben gegen­über den berufs­recht­lich, sozial­ver­si­che­rungs-, wett­be­werbs- und nun­mehr auch straf­recht­lich pro­b­le­ma­ti­schen Zuwei­ser­bin­dungs­sys­te­men einen ent­schei­den­den Vor­teil: Sie set­zen unmit­tel­bar beim Pati­en­ten an und nicht bei einem Zuwei­ser und es fehlt an Zah­lungs­strö­men. Die Kun­den­bin­dung erfolgt sub­ti­ler: Der Vor­teil für den Pati­en­ten liegt darin, dass er Gesund­heits­da­ten von sich fach­kun­dig beim Exper­ten gesam­melt und gesich­tet weiß. Das Kran­ken­haus setzt auf die Bereit­schaft des Pati­en­ten, sich im Krank­heits­fall durch ent­sp­re­chende Kran­ken­haus­wahl die­sen Vor­teil zunutze zu machen. Pro­b­le­ma­tisch ist dies unter dem Gesichts­punkt ver­sch­lei­ern­der Wer­bung, wenn der Pati­ent den wer­ben­den Cha­rak­ter der App nicht mehr erkennt und von einer neu­tra­len medi­zi­ni­schen Kon­troll­in­stanz aus­geht, statt von einem kon­kur­rie­ren­den Markt­teil­neh­mer. Per se sind Gesund­heits-Apps von Kran­ken­häu­s­ern aber nicht unzu­läs­sig oder unlau­ter.

Die Schwie­rig­kei­ten beste­hen eher in ande­rem Zusam­men­hang: Eine Gesund­heits-App kann im Ein­zel­fall ein Medi­zin­pro­dukt sein, das erheb­li­chen Markt­zu­gangs­kon­trol­len unter­liegt, wenn der Her­s­tel­ler der Soft­ware einen diag­nos­ti­schen oder the­ra­peu­ti­schen Zweck mit der Soft­ware ver­folgt. Das kann im Ein­zel­fall schwer abzu­g­ren­zen sein. Wer eigene Apps ent­wi­ckeln will, muss hier auf­pas­sen. Wenn Apps im kli­ni­schen Betrieb Ver­wen­dung fin­den sol­len, müs­sen diese unge­ach­tet ob sie recht­li­che Medi­zin­pro­dukte sind oder nicht aber ver­läss­lich und sicher sein. Sie soll­ten daher einer Qua­li­täts­si­che­rung durch Dritte und ggfs. sogar einer Zer­ti­fi­zie­rung unter­zo­gen wer­den. Der Pati­ent sollte über die Mög­lich­kei­ten der App und deren Feh­ler­to­le­ranz infor­miert wer­den, wie­weit auf erfasste Daten Ver­lass ist.

Wei­ter­hin stellt sich die Frage, wie die erfass­ten Daten zu sichern sind. Wenn Daten im Zusam­men­hang mit einer medi­zi­ni­schen Behand­lung, sei diese in der Ver­gan­gen­heit oder Zukunft, gesam­melt wer­den, spricht vie­les dafür, dass die Daten in der Pati­en­ten­akte zu doku­men­tie­ren sind. Die Doku­men­ta­tion hat die Auf­gabe, den Krank­heits­ver­lauf und die durch­ge­führ­ten Behand­lungs­maß­nah­men für einen Fach­mann tran­s­pa­rent zu machen, damit die­ser die Wei­ter­be­hand­lung über­neh­men oder die Behand­lung im Nach­hin­ein nach­voll­zie­hen kann.

Dar­aus folgt aber auch, dass in die gesam­mel­ten Daten Ein­sichts­rechte des Pati­en­ten und sei­ner Ange­hö­ri­gen beste­hen und diese mit Ein­wil­li­gung des Pati­en­ten auch Nach­be­hand­lern zugäng­lich gemacht wer­den. Dem­ge­gen­über unter­lie­gen die erho­be­nen Daten aber der ärzt­li­chen Schwei­gepf­licht. Sie kön­nen nicht ohne Ein­wil­li­gung zu werb­li­chen oder sons­ti­gen Zwe­cken aus­ge­wer­tet und genutzt wer­den, es sei denn das sie zu die­sem Zwe­cke gesam­melt wur­den und der Pati­ent dem zustimmte.

Ein wich­ti­ger Punkt ist die Frage, ob ein Kran­ken­haus, das Behand­lungs­da­ten lang­fris­tig sam­melt auch eine Über­wa­chungspf­licht hat und zum Bei­spiel bei abseh­ba­ren Akut­si­tua­tion über­wa­chend und war­nend agie­ren muss. Das hängt sehr vom Ein­zel­fall ab.  Ist es zu einer fak­ti­schen Über­nahme von Schutzpf­lich­ten auf der Grund­lage einer rechts­ge­schäft­li­chen Ver­ein­ba­rung gekom­men? Sprich: durfte der Pati­ent dar­auf ver­trauen, dass das Kran­ken­haus ihm Schutz vor Gesund­heits­ge­fah­ren zuge­sagt hat?

Fazit

Gesund­heits-Apps sind ein nutz­ba­res Mit­tel zur Pati­en­ten­bin­dung durch Kran­ken­häu­ser, wenn einige Grund­sätze beach­tet wer­den:

  1. Vor­teile, Hin­ter­gründe und außer­me­di­zi­ni­sche Inter­es­sen der Gesund­heits-App soll­ten dem Pati­en­ten tran­s­pa­rent sein.
  2. Es sollte aus­drück­lich geklärt sein, ob das Kran­ken­haus zusam­men mit der App auch Schutzpf­lich­ten zuguns­ten des Patein­ten über­neh­men will.
  3. Je mehr die App zur kli­ni­schen Behand­lung bestimmt ist, desto höher sollte die Qua­li­täts­si­che­rung der App sein. Wo mög­lich, sollte eine Zer­ti­fi­zie­rung ange­st­rebt wer­den.
  4. Erho­bene Daten soll­ten nach den Grund­sät­zen der Doku­men­ta­tion in der Pati­en­ten­akte gesi­chert wer­den.


nach oben