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Fintechs und Mittelstand - Zusammenspiel aus Startup und Tradition

Finanzierung im Mittelstand Studie 2018

Der Mittelstand (KMU) mit rund 3,5 Mio. Unternehmen wird gemeinhin als Motor der deutschen Wirtschaft bezeichnet. Dem gegenüber stehen nach einer Studie des Bundesfinanzministeriums deutschlandweit rund 400 Fintechs, deren Gesamtmarktvolumen bis zum Jahr 2030 auf 148 Milliarden Euro steigen wird.

Im Rah­men unse­rer im zwei­jäh­ri­gen Tur­nus durch­ge­führ­ten Finan­zie­rungs­stu­dien, die wir gemein­sam mit der Wolff & Häcker Finanz­con­sul­ting AG durch­füh­ren, beleuch­ten wir in die­sem Jahr das Thema Fin­techs und deren Ein­zug in den deut­schen Mit­tel­stand.

Fintechs und Mittelstand - Zusammenspiel aus Startup und Tradition© Thinkstock

Fin­tech ist ein Sam­mel­be­griff und besch­reibt inno­va­tive Geschäfts­mo­delle mit digi­ta­len Tech­no­lo­gien in der Finan­z­in­du­s­trie. Finanz­di­enst­leis­tun­gen sol­len durch Fin­techs opti­miert, unter­stützt oder selbst ange­bo­ten wer­den. Wäh­rend der Groß­teil der Fin­techs sich auf den Ver­trieb beste­hen­der Finanz­pro­dukte kon­zen­triert (z.B. Kre­dit­markt­plätze), wer­den von eini­gen Fin­techs gänz­lich neue Dienst­leis­tun­gen ersch­los­sen.

Neben einem brei­ten Ange­bot an stark per­so­na­li­sier­ba­ren Fin­tech-Lösun­gen für Pri­vat­kun­den kon­zen­trie­ren sich viele Fin­techs auf das B2B-Geschäft. Dabei rücken sie mit ihrem Dienst­leis­tungs­spek­trum immer stär­ker an die Kern­funk­tio­nen klas­si­scher Finanz­di­enst­leis­ter wie zum Bei­spiel Ban­ken heran.

Das Geschäfts­mo­dell vie­ler Fin­techs zielt auf die Dis­rup­tion bis­her beste­hen­der Mög­lich­kei­ten zur Finan­zie­rung ab. In direk­ter Kon­kur­renz zum Ban­ken­ge­schäft bedie­nen Fin­techs zudem die Berei­che Ver­mö­gens­ma­na­ge­ment und Zah­lungs­ver­kehr. Auch im ban­ken­na­hen Ver­si­che­rungs- bzw. Immo­bi­li­en­sek­tor bet­re­ten Fin­techs die Bild­fläche und for­dern die Wett­be­werbs­fähig­keit von bis­lang eta­b­lier­ten Play­ern her­aus.

Doch wel­che Fin­techs wer­den sich lang­fris­tig am Markt durch­set­zen? Wel­chen Mehr­wert muss ein Fin­tech mit­tel­stän­di­schen Unter­neh­men bie­ten, um für Kapi­tal­be­schaf­fun­gen bzw. lang­fris­tige Koope­ra­tio­nen in Betracht gezo­gen wer­den? Dar­über gibt es noch keine gesi­cher­ten Erkennt­nisse, geschweige denn kon­k­rete Zah­len über Akzeptanz und Nach­frage.

Ange­bote für KMU

Der Mit­tel­stand braucht ein­fa­che Lösun­gen in zen­tra­len Unter­neh­mens­be­rei­chen. Bedarf gibt es vor allem im Bereich Finan­zie­rung. Fin­techs bie­ten hier die Mög­lich­keit, einen brei­te­ren Inves­to­ren­kreis anzu­sp­re­chen und das Kre­di­t­ri­siko auf eine Viel­zahl an Inves­to­ren zu ver­tei­len (Crowd­fun­ding, Crow­din­ves­ting). Online Kre­dit­markt­plätze machen Ange­bot und Nach­frage tran­s­pa­rent, sodass Finan­zie­run­gen zu opti­ma­len im Markt ver­füg­ba­ren Kon­di­tio­nen unter mini­ma­lem Such­auf­wand gefun­den wer­den. Infor­ma­ti­on­sasym­me­trien wer­den eli­mi­niert und Trans­ak­ti­ons­kos­ten redu­ziert. Auch durch die Auto­ma­ti­sie­rung von Rating- und Repor­ting­pro­zes­sen sinkt der mit einer Finan­zie­rung ein­her­ge­hende Auf­wand.

Einen wei­te­ren Mehr­wert, der für KMU inter­es­sant sein könnte, ist, sich kurz­fris­tig Liqui­di­tät zu beschaf­fen, um so vor kei­nem Liqui­di­tät­s­eng­pass zu ste­hen. Eine Hilfe könnte dabei eine soge­nannte Debi­to­ren­fi­nan­zie­rung dar­s­tel­len, die ähn­lich dem Fac­to­ring funk­tio­niert: Hier­bei wer­den auf eine Inter­net­platt­form Debi­to­ren­rech­nun­gen hoch­ge­la­den, die von Inves­to­ren vor­fi­nan­ziert wer­den und durch das Fin­tech an das Unter­neh­men wei­ter­ge­lei­tet wer­den. Dadurch wer­den lange Zah­lungs­ziele der End­kun­den über­brückt und das Unter­neh­men erhält das Kapi­tal inn­er­halb kur­zer Zeit. Das so gewon­nene Kapi­tal kann für Zah­lun­gen offe­ner Rech­nun­gen ver­wen­det wer­den, um so vom Skon­to­ab­zug zu pro­fi­tie­ren.

Neben der Fremd­ka­pi­tal­be­schaf­fung ste­hen mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men auch häu­fig vor der Her­aus­for­de­rung, sich für Ent­wick­lung und Inno­va­tio­nen Eigen­ka­pi­tal beschaf­fen zu müs­sen. Die Eigen­ka­pi­tal­su­che kann über neue digi­tale Platt­for­men ver­schie­de­ner Fin­techs ver­ein­facht wer­den: dabei wer­den Busi­ness Angel und Eigen­ka­pi­tal suchende Unter­neh­men auf spe­zi­el­len Inter­net­platt­for­men zusam­men­ge­bracht. Dort besch­reibt das Unter­neh­men das Finan­zie­rungs­vor­ha­ben und gleich­zei­tig den Finanz­be­darf. Sind Inves­to­ren von dem Pro­jekt über­zeugt, kön­nen sie sich mit Eigen­ka­pi­tal betei­li­gen Und wenn das Ganze dann noch mit­tels Block­chain Tech­no­lo­gie pro­zess­si­cher gestal­tet wird, spart das Unter­neh­men noch Struk­tu­rie­rungs- und Bera­tungs­kos­ten.

Eine wei­tere Ver­ein­fa­chung für den Mit­tel­stand ergibt sich in der Buch­hal­tung. Gewöhn­lich wird viel Zeit mit manu­el­ler Arbeit (Abtip­pen von Zah­len, der Suche von Bele­gen und der Kon­ten­ab­stim­mung ver­bracht) Fin­techs haben auch hier­für eine smarte Lösung gefun­den, die Cloud-basiert ist: Die Buch­hal­tung fin­det online in der Cloud statt. Belege kön­nen hoch­ge­la­den und sofort auto­ma­tisch ver­bucht wer­den, sodass sich Mit­ar­bei­ter künf­tig ver­stärkt auf die wert­s­tif­tende Zah­len­ana­lyse kon­zen­trie­ren kön­nen.

Doch auch im Sup­ply Chain Mana­ge­ment, wo es tra­di­tio­nell um schlanke Pro­duk­ti­ons- und Logis­tik­pro­zesse inn­er­halb einer Lie­fer­kette geht, gibt es Mög­lich­kei­ten der Opti­mie­rung. Hier set­zen Fin­techs an, um mit inno­va­ti­ven Lösun­gen auch das Wor­king Capi­tal Mana­ge­ment von Unter­neh­men in einer Lie­fer­kette zu ver­schlan­ken und bis­lang gebun­de­nes Kapi­tal frei­zu­set­zen.

Was bringt die Zukunft?

Ob mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men jedoch digi­tale Ange­bote der Fin­techs ver­mehrt nut­zen wer­den, ist gegen­wär­tig schwer zu sagen. Das ist sch­ließ­lich von unter­schied­li­chen Fak­to­ren abhän­gig. Zum einen kommt es dar­auf an, ob Fin­techs es schaf­fen, in den Fokus mit­tel­stän­di­scher Unter­neh­men bei Finan­zie­rungs­the­men zu rücken. Das ist nur mög­lich, wenn sie zum einen auf den Mit­tel­stand maß­ge­schnei­derte Pro­dukte anbie­ten. Dafür ist dann auch ein ent­sp­re­chen­des Mar­ke­ting im Sinne von „was kön­nen digi­tale Ange­bote, warum sind diese viel­leicht sogar bes­ser als tra­di­tio­nelle Finan­zie­rung­s­an­ge­bote?“ sei­tens der Fin­techs not­wen­dig. Zum ande­ren muss auch die Ver­zah­nung des Fir­men­kun­den­ge­schäfts der Ban­ken mit Fin­techs beo­b­ach­tet wer­den. Diese „Fin­te­g­ra­ti­on“ bie­tet für beide Sei­ten eine Win-Win-Situa­tion. Ban­ken auf der einen Seite pro­fi­tie­ren bei­spiels­weise von bes­se­rem Kun­den­zu­gang, bes­se­rer Kun­den­bin­dung und höhe­ren Erträ­gen: Denn mit intel­li­gen­ten Fin­tech-Lösun­gen kön­nen sie ihre Fir­men­kun­den bes­ser errei­chen und für sie die opti­mals­ten Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Auf der ande­ren Seite ver­mit­telt eine sol­che Part­ner­schaft den Fir­men­kun­den, dass Fin­techs ver­trau­ens­wür­dig sind. Somit wür­den mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men dabei indi­rekt von digi­ta­len Ange­bo­ten pro­fi­tie­ren. Offen bleibt jedoch die Frage, ob digi­tale Finan­zie­rungs­lö­sun­gen lang­fris­tig klas­si­sche Finan­zie­rung­s­pro­dukte oder Finan­zie­rung­s­part­ner ablö­sen wer­den.

Ebner Stolz wird die­ser Frage nach­ge­hen: Alles zwei Jahre befra­gen wir über 5000 mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men in Deut­sch­land zu aktu­el­len Finan­zie­rungs­the­men. Die­ses Mal liegt der Fokus auf dem Thema Fin­tech und Akzeptanz im Mit­tel­stand. Die Befra­gung beginnt im Früh­jahr 2018. Pub­li­ziert wird die Stu­die im Spät­som­mer 2018. Wir sind gespannt auf die Erkennt­nisse.


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