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EuGH-Vorlage zur Kindergeldberechtigung in Fällen mit EU-Auslandsbezug

BFH 8.5.2014, III R 17/13

Der BFH hat den EuGH um Be­ant­wor­tung der Frage ge­be­ten, ob die in Art. 60 Abs. 1 der VO Nr. 987/2009 ent­hal­tene Fik­tion des ge­mein­sa­men Wohn­lan­des dazu führt, dass das in Deutsch­land vor­ge­se­hene Kin­der­geld an den im Aus­land ge­trennt le­ben­den El­tern­teil, bei dem das ge­mein­same Kind wohnt, zu zah­len ist. Zu­dem hat er an­ge­fragt, ob für den Fall, dass der im Aus­land le­bende El­tern­teil kin­der­geld­be­rech­tigt sein sollte, der im In­land le­bende El­tern­teil dann doch an­spruchs­be­rech­tigt ist, wenn der an­dere El­tern­teil kei­nen An­trag auf Kin­der­geld ge­stellt hat, und nach wel­chem Zeit­raum von ei­ner un­ter­blie­be­nen An­trag­stel­lung aus­zu­ge­hen wäre.

Der Sach­ver­halt:
Der in Deutsch­land woh­nende Kläger ist von sei­ner früheren Ehe­frau, die zu­sam­men mit dem ge­mein­sa­men Kind in Po­len lebt, ge­schie­den. Er war zeit­weise nicht­selbständig be­schäftigt und zu an­de­ren Zei­ten ar­beits­los. Seine Ehe­frau war in Po­len er­werbstätig, hatte je­doch we­gen der nach pol­ni­schem Recht be­ste­hen­den Ein­kom­mens­grenze kei­nen An­spruch auf pol­ni­sche Fa­mi­li­en­leis­tun­gen. Der Kläger be­an­tragte in Deutsch­land Kin­der­geld für das in Po­len le­bende Kind. Die Fa­mi­li­en­kasse lehnte den An­trag ab. Sie war der An­sicht, dass die Kinds­mut­ter an­spruchs­be­rech­tigt sei.

Das FG gab der hier­ge­gen ge­rich­te­ten Klage statt und ver­pflich­tete die Fa­mi­li­en­kasse zur Kin­der­geld­zah­lung. Es war der An­sicht, die Kin­der­geld­be­rech­ti­gung des Klägers er­gebe sich aus deut­schem Recht. Die ab Mai 2010 gel­tende EU-Ver­ord­nung Nr. 883/2004, durch wel­che die Sys­teme der so­zia­len Si­cher­heit ko­or­di­niert wer­den sol­len, so­wie die dazu er­gan­gene Durchführungs­ver­ord­nung Nr. 987/2009 begründe­ten kei­nen Kin­der­geld­an­spruch der in Po­len le­ben­den Mut­ter.

Das FG setzte sich in sei­ner Ent­schei­dung mit Art. 60 Abs. 1 der VO Nr. 987/2009 aus­ein­an­der. Die Vor­schrift fin­giert, dass "alle be­tei­lig­ten Per­so­nen" in dem Land le­ben, in dem der An­spruch auf Kin­der­geld er­ho­ben wird. Wäre zu un­ter­stel­len, dass die vom Kläger ge­schie­dene Kinds­mut­ter mit dem ge­mein­sa­men Kind in ei­ner ei­ge­nen Woh­nung in Deutsch­land lebt, so stünde ihr das Kin­der­geld zu, weil nach deut­schem Recht bei ge­trennt le­ben­den El­tern der­je­nige El­tern­teil kin­der­geld­be­rech­tigt ist, der das Kind in sei­nen Haus­halt auf­ge­nom­men hat.

Das FG war je­doch der An­sicht, Art. 60 Abs. 1 der VO Nr. 987/2009 lasse den An­spruch des Klägers auf Kin­der­geld nach deut­schem Recht nicht ent­fal­len. Es ver­trat da­mit die glei­che Rechts­mei­nung wie die über­wie­gende Mehr­zahl der deut­schen Fi­nanz­ge­richte, die sich be­reits mit die­ser Streit­frage be­fasst hat­ten.

Auf die Re­vi­sion der Fa­mi­li­en­kasse setzte der BFH das Ver­fah­ren aus und bat den EuGH im Wege des Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens nach Art. 267 Abs. 3 des Ver­tra­ges über die Ar­beits­weise der EU um die Be­ant­wor­tung sei­ner Rechts­fra­gen.

Die Gründe:
Dem EuGH wer­den fol­gende Rechts­fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:

1. Ist in einem Fall, in dem eine in einem Mit­glied­staat (In­land) le­bende Per­son An­spruch auf Kin­der­geld für Kin­der hat, die in einem an­de­ren Mit­glied­staat (Aus­land) beim an­de­ren, von ihm ge­trennt le­ben­den Ehe­gat­ten woh­nen, Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009 an­zu­wen­den mit der Folge, dass die Fik­tion, wo­nach bei der An­wen­dung von Art. 67 und 68 der VO Nr. 883/2004 die Si­tua­tion der ge­sam­ten Fa­mi­lie in ei­ner Weise zu berück­sich­ti­gen ist, als würden alle Be­tei­lig­ten - ins­be­son­dere was das Recht zur Er­he­bung ei­nes Leis­tungs­an­spruchs an­be­langt - un­ter die Rechts­vor­schrif­ten des be­tref­fen­den Mit­glied­staats fal­len und dort woh­nen, dazu führt, dass der An­spruch auf Kin­der­geld aus­schließlich dem im an­de­ren Mit­glied­staat (Aus­land) le­ben­den El­tern­teil zu­steht, weil das na­tio­nale Recht des ers­ten Mit­glied­staats (In­land) vor­sieht, dass bei meh­re­ren Kin­der­geld­be­rech­tig­ten der El­tern­teil an­spruchs­be­rech­tigt ist, der das Kind in sei­nen Haus­halt auf­ge­nom­men hat?

2. Für den Fall, dass die er­ste Frage zu be­ja­hen sein sollte:
Ist bei dem un­ter 1. dar­ge­leg­ten Sach­ver­halt Art. 60 Abs. 1 S. 3 der VO Nr. 987/2009 da­hin aus­zu­le­gen, dass dem in einem Mit­glied­staat (In­land) le­ben­den El­tern­teil der An­spruch auf Kin­der­geld nach inländi­schem Recht zu­steht, weil der im an­de­ren Mit­glied­staat (Aus­land) le­bende an­dere El­tern­teil kei­nen An­trag auf Kin­der­geld ge­stellt hat?

3. Für den Fall, dass die zweite Frage bei dem un­ter 1. dar­ge­leg­ten Sach­ver­halt da­hin zu be­ant­wor­ten sein sollte, dass die un­ter­blie­bene An­trag­stel­lung des im EU-Aus­land le­ben­den El­tern­teils zum Überg­ang des An­spruchs auf Kin­der­geld auf den im In­land le­ben­den El­tern­teil führt:
Nach wel­chem Zeit­raum ist da­von aus­zu­ge­hen, dass ein im EU-Aus­land le­ben­der El­tern­teil das Recht auf Kin­der­geld nicht i.S.v. Art. 60 Abs. 1 S. 3 der VO Nr. 987/2009 "wahr­nimmt" mit der Folge, dass es dem im In­land le­ben­den El­tern­teil zu­steht?

Link­hin­weis:

  • Der Voll­text der Ent­schei­dung ist auf der Home­page des BFH veröff­ent­licht.
  • Um di­rekt zum Voll­text zu ge­lan­gen, kli­cken Sie bitte hier.
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