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Die fünf großen Irrtümer über Wirtschaftskriminalität

Mit fünf Irrtümern über Wirtschaftskriminalität - zu neudeutsch Fraud - wollen wir Unternehmen und deren Entscheider sensibilisieren.

Wirt­schafts­kri­mi­nelle Hand­lun­gen füh­ren regel­mä­ßig zu finan­zi­el­len Ver­lus­ten und kön­nen die Pro­duk­ti­vi­tät und die Repu­ta­tion der Unter­neh­men nach­hal­tig schä­d­i­gen. Mit fünf Irr­tü­mern über Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät - zu neu­deutsch Fraud - wol­len wir Unter­neh­men und deren Ent­schei­der sen­si­bi­li­sie­ren.

Irr­tum Nr. 1: Fraud betrifft die Ande­ren

Im Aus­tausch mit Unter­neh­mens­len­kern betrifft das Thema Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät eher die ande­ren Unter­neh­men und nicht das eigene. Spä­tes­tens nach dem ers­ten Kri­sen­fall ändert sich diese Ein­stel­lung.

Übe­rall da, wo Men­schen und Ver­mö­gens­wer­ten in Form von Bar­geld, Buch­geld oder mate­ri­el­len und imma­te­ri­el­len Ver­mö­gens­ge­gen­stän­den zusam­men­kom­men, sind die Grund­vor­aus­set­zun­gen für Wirt­schafts­straf­ta­ten geschaf­fen. Die Mög­lich­kei­ten der Durch­füh­rung und Ver­sch­leie­rung sol­cher Taten wird durch den Ein­satz von Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie noch erhöht. Dadurch kann Ver­mö­gen in noch grö­ße­rem Umfang und in noch sch­nel­le­rer Zeit abf­lie­ßen. Pro­mi­nen­tes Bei­spiel hierzu ist der  „Fake-CEO-Fraud“.

Laut Bun­des­la­ge­bild des Bun­des­kri­mi­nalamts wur­den allein im Jahr 2016 ins­ge­s­amt 57.546 Fälle mit einem Gesamt­scha­den in Höhe von 2,970 Mil­li­ar­den Euro regi­s­triert. Dabei wur­den Delikte wie bei­spiels­weise Kor­rup­tion und Cyber­crime nicht berück­sich­tigt, die von der Poli­zei nicht bear­bei­tet wur­den. Bei 3.469.039 Unter­neh­men in Deut­sch­land laut sta­tis­ti­schem Bun­de­s­amt bedeu­tet dies, dass min­des­tens jedes 60. Unter­neh­men  in Deut­sch­land im Jahr 2016 von Fraud betrof­fen war und einen durch­schnitt­li­chen Scha­den in Höhe von rund 52.000 Euro hatte.

Das Feld der Dun­kel­zif­fer erhöht die Anzahl der tat­säch­li­chen Delikte und die Scha­dens­höhe um ein Viel­fa­ches, da nur in geschätzt einem von zehn Fäl­len Stra­f­an­trag ges­tellt wird.

Irr­tum Nr. 2: Fraud ist sicher zu ver­hin­dern

In der popu­lär­wis­sen­schaft­li­chen Lite­ra­tur wer­den Wirt­schafts­straf­ta­ten mit dem sog. „Fraud-Tri­an­g­le“ erklärt. Danach wird die Wahr­schein­lich­keit von Fraud im Unter­neh­men durch die Summe des Wahr­schein­lich­keits­ein­tritts der Fak­to­ren „Gele­gen­heit“, „Moti­va­ti­on“ und „Recht­fer­ti­gung“ bestimmt.

Bei der Gele­gen­heit geht es gene­rell um die Über­win­dung des unter­neh­me­ri­schen inter­nen Kon­troll­sys­tems, wel­ches mehr oder weni­ger gut ent­wi­ckelt ist. Die Moti­va­tion wird durch die inne­ren Beweg­gründe eines Mit­ar­bei­ters in sei­nem pri­va­ten sowie beruf­li­chen Umfeld bestimmt. Mit der Moti­va­tion eng ver­bun­den ist die Ratio­na­li­sie­rung des Mit­ar­bei­ters, der für die Erklär­ung sei­ner Taten unter­schied­li­che kogni­tive Denk­mus­ter ver­wen­det, bei denen er seine Taten durch gemachte Erfah­run­gen, Erleb­nisse oder Beo­b­ach­tun­gen nach­träg­lich zu erklä­ren ver­sucht. Wäh­rend die Moti­va­tion noch von exter­nen Ein­flüs­sen geprägt ist, ist die Ratio­na­li­sie­rung stark indi­vi­dua­li­siert.

Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren zur Steue­rung und Kon­trolle von Unter­neh­men­s­pro­zes­sen sind ein pro­ba­tes Mit­tel zur Sicher­stel­lung der Unter­neh­mens­ziele und zur Redu­zie­rung von Ver­mö­gens­schä­den - aber sie sind beg­renzt. Ein inter­nes Kon­troll­sys­tem würde das Risiko von Wirt­schafts­straf­ta­ten auf ein Mini­mum beg­ren­zen, wenn die­ses regel­mä­ßig auf den Prüf­stand ges­tellt und wei­ter­ent­wi­ckelt wird. In die­sen Fäl­len hätte der Mit­ar­bei­ter keine Mög­lich­keit, die­ses Kon­troll­sys­tem in sei­ner Gesamt­heit zur ver­ste­hen, die Sys­tem­lü­cken zu erken­nen und diese aus­zu­nut­zen.

Irr­tum Nr. 3: Die Täter sind in der Regel neue Mit­ar­bei­ter

In der popu­lär­wis­sen­schaft­li­chen Lite­ra­tur wer­den Pro­file der klas­si­schen Wirt­schafts­straf­tä­ter vor­ge­s­tellt: männ­lich, zwi­schen 35 und 50, gut aus­ge­bil­det, mit selbst­be­wuss­ter Ein­stel­lung und leicht ego­ma­ni­schem Cha­rak­ter. Ein sol­ches Pro­fil ist sicher hil­f­reich, um sich dem Thema Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät zu näh­ern, spie­gelt die Rea­li­tät aber nur bedingt wie­der. Die Erfah­rung zeigt, dass die Pro­file sehr stark vom Ein­zel­fall abhän­gen und auch weib­lich, unter 35 oder über 50, eher schüch­t­ern, zurück­hal­tend und genüg­sam sein kön­nen. Gemein haben alle diese Pro­file eins: Sie haben zu Posi­tio­nen in einer Ver­trau­ens­stel­lung geführt, die sie in die Lage ver­setzt, Ent­schei­dun­gen mit Ver­mö­gens­dis­po­si­tio­nen höhe­ren Aus­ma­ßes zu tref­fen. Diese Ver­trau­ens­stel­lung ist eine Frage der Zeit und damit eine Frage der Länge der Fir­men­zu­ge­hö­rig­keit. Umso län­ger ein Mit­ar­bei­ter im Unter­neh­men tätig ist, umso bes­ser ist er ver­netzt und umso mehr Ver­trauen und mög­li­cher­weise umso weni­ger Kon­trolle genießt er – und er kennt die Unter­neh­men­s­pro­zesse, die Schwächen der IT-Sys­teme und der Mit­ar­bei­ter.

Irr­tum Nr. 4: Kleine Unter­neh­men – gerin­ges Risiko;  große Unter­neh­men – hohes Risiko

Viele kleine mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men (bis 25 Mit­ar­bei­ter) sind der Ansicht, dass sie im Ver­g­leich mit grö­ße­ren Gesell­schaf­ten deut­lich weni­ger von Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät betrof­fen sind. Häu­fige Argu­mente sind die aus­ge­prägte Men­schen­kennt­nis und die Erfah­rung des Unter­neh­mers bei der Ein­stel­lung neuer Mit­ar­bei­ter, die umfas­sende Kennt­nis der Unter­neh­men­s­pro­zesse,  der Kun­den, der Lie­fe­r­an­ten und der beste­hen­den Mit­ar­bei­ter sowie das rich­tige Gespür für das Erken­nen von Auf­fäl­lig­kei­ten oder Unre­gel­mä­ß­ig­kei­ten. Diese Ansich­ten sind grund­sätz­lich nach­voll­zieh­bar. Aller­dings wird dabei häu­fig über­se­hen: Häu­fig infor­miert sich ein Unter­neh­mer nicht mit­tels wei­te­rer Infor­ma­tio­nen über die Her­kunft und Hin­ter­gründe sei­ner Mit­ar­bei­ter. Es sind auch keine diag­nos­ti­schen Instru­mente zur Mit­ar­bei­te­r­ein­schät­zung im Ein­satz. Regel­mä­ßig sind die Kon­troll­struk­tu­ren nur mäßig ent­wi­ckelt. Die dar­ge­s­tellte Fähig­keit des Unter­neh­mers als die umfas­sende Steue­rungs- und Kon­troll­in­stanz nimmt mit jedem wei­te­ren Mit­ar­bei­ter ab. Da der Über­gang vom klei­nen zum gro­ßen Unter­neh­men flie­ßend ist, nimmt auch in dyna­mi­scher Weise die Fähig­keit per­so­nen­be­zo­ge­ner Kon­trol­len ab.

Irr­tum Nr. 5: Präv­en­ti­ons­maß­nah­men sind zu teuer

Wer schon ein­mal einen Fraud-Fall hatte, der kann sich in die Situa­tion des Geschäfts­füh­rers Herrn A. hin­ein­ver­set­zen. Erst kam der externe Hin­weis, dann wei­tere Infor­ma­tio­nen von Mit­ar­bei­tern. Irgend­wann war der Geschäfts­füh­rer gezwun­gen zu han­deln. Dabei stand er vor der Ent­schei­dung die Behör­den ein­zu­schal­ten oder nicht. Er ent­schied sich für die interne Ermitt­lung. Es ging um Kor­rup­ti­ons- und Unt­reue­vor­würfe, die durch die beauf­tragte Son­der­un­ter­su­chung bestä­tigt wur­den. Der Täter und der Scha­den in Höhe von rund 380.000 Euro wur­den ermit­telt. Die Tat­hand­lun­gen erst­reck­ten sich über einen Zei­traum von fünf Jah­ren. Der Täter wurde außer­or­dent­lich gekün­digt und es wurde ver­sucht, einen Teil des Scha­dens erstat­tet zu bekom­men. Teil­weise muss­ten Bilan­zen und die Steue­r­er­klär­un­gen kor­ri­giert wer­den. Die Kos­ten für die Auf­de­ckung und recht­li­che Wei­ter­ver­fol­gung waren fünf­s­tel­lig. Herr A. sah vor dem Fall keine Ver­an­las­sung, sich mit Fraud-Präv­en­tion zu beschäf­ti­gen. Hätte Herr A. eine interne Revi­sion instal­liert oder wei­tere Kon­troll­struk­tu­ren eta­b­liert, hätte diese eine absch­re­ckende Wir­kung gehabt, der Fraud-Fall wäre wahr­schein­lich früher auf­ge­deckt wor­den und durch die inter­nen Revi­sion wären die Pro­zesse sei­nes Unter­neh­mens sog­leich noch ver­bes­sert wor­den.



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