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BGH: Insolvenz eines Gesellschafters führt regelmäßig zur Fortsetzung der GbR unter den verbleibenden Gesellschaftern

BGH 22.5.2012, II ZR 2/11

Die In­sol­venz ei­nes Ge­sell­schaf­ters in ei­ner GbR führt re­gelmäßig zum Aus­schei­den des Ge­sell­schaf­ters und zur Fort­set­zung der Ge­sell­schaft un­ter den ver­blei­ben­den Ge­sell­schaf­tern. Es be­darf der Fest­stel­lung be­son­de­rer Umstände, die es recht­fer­ti­gen, dass ein Ge­sell­schaf­ter gleich­wohl in die­sem Fall die Ge­sell­schaft aus wich­ti­gem Grund kündi­gen kann.

Der Sach­ver­halt:
Die Be­klagte trat der Kläge­rin, einem ge­schlos­se­nen Fonds in der Form ei­ner GbR, im De­zem­ber 2005 bei. Sie wählte eine Be­tei­li­gungsmöglich­kei­ten, mit der sie sich ver­pflich­tete, eine Ein­mal­ein­lage i.H.v. 4.600 € zzgl. 5 Pro­zent Agio so­wie mtl. über 30 Jahre Ra­ten i.H.v. 63 € zzgl. 5 Pro­zent Agio zu leis­ten. Die Ein­mal­zah­lung so­wie die er­ste Rate wa­ren am 1.2.2006 fällig. Die Be­klagte zahlte den Ein­mal­be­trag am 3.2.2006 und leis­tete bis ein­schließlich Juni 2006 Ra­ten­zah­lun­gen. Mit Schrei­ben ih­res Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten vom 30.9.2009 wi­der­rief und focht sie die Bei­tritts­erklärung an und erklärte die Kündi­gung des Be­tei­li­gungs­ver­trags.

Über das Vermögen der Gründungs­ge­sell­schaf­te­rin und ers­ten Ge­schäftsführe­rin der Be­klag­ten, der Pri­vat­bank R. & Co GmbH und Co. KG (R-Bank), wurde am 1.11.2006 und über das Vermögen der zwei­ten Gründungs­ge­sell­schaf­te­rin und nach­fol­gen­den Ge­schäftsführe­rin, der S-GmbH Wert­pa­pier­han­dels­bank (S-Bank), am 11.1.2010 das In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net. Die Kläge­rin ver­langt mit ih­rer Klage Zah­lung rückständi­ger Mo­nats­ra­ten von Juli 2006 bis Ok­to­ber 2009 i.H.v. ins­ge­samt 2.712 € zzgl. Zin­sen.

Das AG gab der Klage über­wie­gend statt; das LG wies sie ab. Auf die Re­vi­sion der Kläge­rin hob der BGH das Be­ru­fungs­ur­teil auf und ver­wies die Sa­che zur neuen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das LG zurück.

Die Gründe:
Die Re­vi­sion rügt zu Recht die An­sicht des LG als feh­ler­haft, der Be­klag­ten habe auf­grund der In­sol­venz der bei­den ge­schäftsführen­den Ge­sell­schaf­te­rin­nen ein außer­or­dent­li­ches Kündi­gungs­recht nach § 723 Abs. 1 S. 3 BGB zu­ge­stan­den.

Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Se­nats setzt das Recht zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung vor­aus, dass dem Kündi­gen­den eine Fort­set­zung der Ge­sell­schaft bis zum Ver­trags­ende oder zum nächs­ten or­dent­li­chen Kündi­gungs­ter­min nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann, weil das Ver­trau­ens­verhält­nis zwi­schen den Ge­sell­schaf­tern grund­le­gend gestört oder ein ge­deih­li­ches Zu­sam­men­wir­ken aus sons­ti­gen, na­ment­lich auch wirt­schaft­li­chen Gründen, nicht mehr möglich ist. Da­bei muss das auf dem wich­ti­gen Grund be­ru­hende In­di­vi­dual­in­ter­esse des Kündi­gen­den an der so­for­ti­gen Be­en­di­gung sei­ner Mit­glied­schaft in der Ge­sell­schaft höher zu be­wer­ten sein als das In­ter­esse sei­ner Mit­ge­sell­schaf­ter an der un­veränder­ten Fort­set­zung der Ge­sell­schaft.

Ob ein wich­ti­ger Grund für die Kündi­gung vor­ge­le­gen hat, ist auch in der Re­vi­si­ons­in­stanz in vol­lem Um­fang dar­auf nachprüfbar, ob die An­wen­dung des Be­griffs des wich­ti­gen Grun­des von einem zu­tref­fen­den Verständ­nis der darin zu­sam­men­ge­fass­ten nor­ma­ti­ven Wer­tun­gen aus­geht. So­mit kann geprüft wer­den, ob alle zur Be­ur­tei­lung wich­ti­gen Ge­sichts­punkte her­an­ge­zo­gen wor­den sind und ob das Ge­wicht der Gründe für den Maßstab der Un­zu­mut­bar­keit des wei­te­ren Fest­hal­tens am Ver­trag aus­reicht. Ge­mes­sen hieran hat das LG das Vor­lie­gen ei­nes wich­ti­gen Grun­des nicht rechts­feh­ler­frei fest­ge­stellt.

Das LG hat in seine Abwägung schon nicht ein­be­zo­gen, dass im Zeit­punkt der Kündi­gungs­erklärung vom 30.9.2009 die Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens über das Vermögen der ers­ten ge­schäftsführen­den Ge­sell­schaf­te­rin, der R-Bank, fast drei Jahre zurück­lag, ohne dass sich die Be­klagte ver­an­lasst ge­se­hen hätte, ihre Bei­tritts­erklärung des­halb zu kündi­gen. Ebenso we­nig hat es berück­sich­tigt, dass das In­sol­venz­ver­fah­ren über das Vermögen der nach­fol­gen­den ge­schäftsführen­den Ge­sell­schaf­te­rin S-Bank erst im Ja­nuar 2010 eröff­net wurde, so dass sich dar­aus nicht ohne wei­te­res das Vor­lie­gen ei­nes Kündi­gungs­grun­des be­reits im Zeit­punkt der Kündi­gungs­erklärung her­lei­ten lässt.

Das LG hat eben­falls nicht berück­sich­tigt, dass die In­sol­venz ei­nes Ge­sell­schaf­ters in ei­ner Pu­bli­kums­ge­sell­schaft re­gelmäßig (so auch hier laut Ge­sell­schafts­ver­trag) zum Aus­schei­den des Ge­sell­schaf­ters und zur Fort­set­zung der Ge­sell­schaft un­ter den ver­blei­ben­den Ge­sell­schaf­tern führt. Ist die­ser Ge­sell­schaf­ter zu­gleich Ge­schäftsführer, führt dies in der Re­gel zu sei­ner Ab­be­ru­fung und zur Ein­set­zung ei­nes neuen Ge­schäftsführers. An­ge­sichts die­ser während des Be­ste­hens ei­ner Ge­sell­schaft je­der­zeit mögli­chen Er­eig­nisse in der Per­son des ge­schäftsführen­den Ge­sell­schaf­ters, die nach dem Wil­len der Ge­sell­schaf­ter auf den Fort­be­stand der Ge­sell­schaft kei­nen Ein­fluss ha­ben sol­len, be­darf es der Fest­stel­lung be­son­de­rer Umstände, die es recht­fer­ti­gen, dass ein Ge­sell­schaf­ter gleich­wohl in die­sem Fall die Ge­sell­schaft aus wich­ti­gem Grund kündi­gen kann.

Sol­che Umstände lie­gen im Streit­fall je­doch nicht vor. Die Sa­che war nicht zur Ent­schei­dung reif und an das LG zurück­zu­ver­wei­sen, da die­ses - von sei­nem Stand­punkt aus fol­ge­rich­tig - zu den wei­te­ren von der Be­klag­ten vor­ge­tra­ge­nen Umständen, die sie ih­rer An­sicht nach zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung be­rech­tigt ha­ben keine Fest­stel­lun­gen ge­trof­fen hat.

Link­hin­weis:
  • Der Voll­text der Ent­schei­dung ist auf den Web­sei­ten des BGH veröff­ent­licht.
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