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Apothekenautomaten mit Videoberatung sind wettbewerbswidrig

OLG Karlsruhe v. 29.5.2019, 6 U 36/18 u.a.

Eine phar­ma­zeu­ti­sche Vi­de­obe­ra­tung mit Arz­nei­mit­tel­ab­gabe (sog. Apo­the­ken­au­to­ma­ten) stellt kei­nen er­laub­ten "an­ti­zi­pier­ten" Ver­sand­han­del dar. Die per Vi­deo er­fol­gen­den Kon­trol­len und die erst nach Ver­brin­gung der Re­zepte in die Nie­der­lande vor­ge­nom­me­nen Ver­merke genügen nicht den Vor­schrif­ten der deut­schen Apo­the­ken­be­triebs­ord­nung.

Der Sach­ver­halt:
Die be­klagte DocMor­ris N.V. ist eine eu­ro­pa­weit tätige Ver­sand­apo­theke. Sie be­trieb zwi­schen April und Juni 2017 in Hüffen­hardt (Ne­ckar-Oden­wald Kreis) eine phar­ma­zeu­ti­sche Vi­de­obe­ra­tung mit Arz­nei­mit­tel­ab­gabe (sog. Apo­the­ken­au­to­ma­ten). Die Be­klagte besaß für die Räum­lich­kei­ten keine Apo­the­ken­be­triebs­er­laub­nis.

Die Be­klagte war in vier Ver­fah­ren von an­de­ren Apo­the­kern so­wie in einem wei­te­ren Ver­fah­ren vom Lan­des­apo­the­ker­ver­band Ba­den-Würt­tem­berg auf Un­ter­las­sung in An­spruch ge­nom­men wor­den. Im sechs­ten Ver­fah­ren ist die Be­trei­be­rin des La­gers und Mie­te­rin der Räum­lich­kei­ten in Hüffen­hardt - eben­falls eine nie­derländi­sche Ge­sell­schaft - Be­klagte. Die Be­klag­ten wa­ren der An­sicht, es han­dele sich bei der Ver­brin­gung der Arz­nei­mit­tel von ei­ner nie­derländi­schen Apo­theke zum La­ger in Hüffen­hardt um einen er­laub­ten "an­ti­zi­pier­ten" Ver­sand­han­del.

Das LG ver­ur­teilte die Be­klag­ten in al­len sechs Fällen zur Un­ter­las­sung u.a. der Ab­gabe von apo­the­ken­pflich­ti­gen oder ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­tel, da ent­ge­gen § 43 Arz­nei­mit­tel­ge­setz Arz­nei­mit­tel außer­halb ei­ner Apo­theke und nicht im Wege des Ver­san­des in Ver­kehr ge­bracht wor­den seien. Das OLG hat in vier Ver­fah­ren die Be­ru­fun­gen zurück­ge­wie­sen und die Un­ter­sa­gung des Be­triebs ei­nes Apo­the­ken­au­to­ma­ten, wie er in Hüffen­hardt ein­ge­rich­tet war, bestätigt.

Die Gründe:
Die Be­klag­ten ha­ben die Ab­gabe von apo­the­ken­pflich­ti­gen oder ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­tel zu un­ter­las­sen. Ent­ge­gen § 43 Arz­nei­mit­tel­ge­setz wa­ren Arz­nei­mit­tel außer­halb ei­ner Apo­theke und nicht im Wege des Ver­san­des in Ver­kehr ge­bracht wor­den. Denn das in Hüffen­hardt in­stal­lierte Sys­tem stellt kei­nen Ver­sand­han­del dar.

Ein "Ver­sand an den End­ver­brau­cher von ei­ner Apo­theke" gem. § 73 Abs. 1 Nr. 1 a AMG kann nicht an­ge­nom­men wer­den, wenn die Arz­nei­mit­tel zunächst ohne kon­krete Be­stel­lung in Hüffen­hardt ge­la­gert und dann auf Kun­den­wunsch ab­ge­ge­ben wer­den. Ein Ver­sand­han­del setzt nämlich eine Be­stel­lung des End­ver­brau­chers zeit­lich vor der Be­reit­stel­lung, Ver­pa­ckung und Ab­sen­dung des Arz­nei­mit­tels vor­aus.

Die Be­klag­ten ha­ben außer­dem die Verstöße ge­gen Prüf- und Do­ku­men­ta­ti­ons­pflich­ten bei der Be­ar­bei­tung von Re­zep­ten und der Ab­gabe der Arz­nei­mit­tel an End­ver­brau­cher zu un­ter­las­sen. Die per Vi­deo er­fol­gen­den Kon­trol­len und die erst nach Ver­brin­gung der Re­zepte in die Nie­der­lande vor­ge­nom­me­nen Ver­merke genügen nämlich nicht den Vor­schrif­ten der deut­schen Apo­the­ken­be­triebs­ord­nung. So ist u.a. nicht gewähr­leis­tet, dass et­waige Ände­run­gen auf der Ver­schrei­bung un­mit­tel­bar bei Ab­gabe des Arz­nei­mit­tels ver­merkt wer­den.

Ein Ver­bot aus wett­be­werbs­recht­li­chen Gründen kann von einem Mit­be­wer­ber oder auch von Be­rufs­verbänden bei einem Ver­stoß ge­gen sog. Markt­ver­hal­tens­re­geln (§ 3 a UWG) ver­langt wer­den. Die hier ver­letz­ten Be­stim­mun­gen des Arz­nei­mit­tel- und Apo­the­ken­rech­tes sind nach An­sicht des Se­nats sol­che Markt­ver­hal­tens­re­geln. Schließlich be­zwe­cken sie den Ge­sund­heits­schutz der Ver­brau­cher und wir­ken sich un­mit­tel­bar auf den Wett­be­werb zwi­schen Apo­the­ken aus.

Hin­ter­grund:
In zwei wei­te­ren Ver­fah­ren zum sel­ben Pro­blem­kreis, in de­nen der Se­nat in an­de­rer Be­set­zung zu ent­schei­den hat, wurde der Verkündungs­ter­min auf den 26.6.2019 ver­legt, weil die Schluss­be­ra­tung aus ter­min­li­chen Gründen noch nicht durch­geführt wer­den konnte.

Das Ur­teil des VG Karls­ruhe vom 4.4.2019 be­tref­fend den­sel­ben Apo­the­ken­au­to­ma­ten be­fasst sich mit der Frage, ob das vom Re­gie­rungspräsi­dium Karls­ruhe ge­gen den Be­trei­ber aus­ge­spro­chene Ver­bot rechtmäßig war.
 

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