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Nachhaltigkeitsaspekte im Finanzbereich - Chancen und Risiken im Überblick

Nach­hal­tig­keit und Kli­ma­schutz ha­ben als Me­ga­trends des 21. Jahr­hun­derts auch in der Fi­nanz­bran­che Ein­zug ge­hal­ten. Feh­len­des nach­hal­ti­ges Han­deln und dar­aus er­wach­sene Kli­ma­ri­si­ken be­tref­fen alle In­sti­tute und sind da­her auch für die Auf­sichts­behörden re­le­vant.

Als phy­si­sche Ri­si­ken, die di­rekt auf die Sub­stanz ei­nes Vermögens­wer­tes wir­ken, gel­ten so­wohl Ex­trem­wet­ter­eig­nisse und de­ren Fol­gen (z. B. Tro­cken­pe­rio­den, Über­flu­tun­gen, Stürme, Waldbrände, La­wi­nen) als auch lang­fris­tige Verände­run­gen kli­ma­ti­scher und öko­lo­gi­scher Be­din­gun­gen (z. B. Nie­der­schlagshäufig­keit/-menge, Wet­te­run­beständig­keit, An­stieg des Mee­res­spie­gels, Verände­run­gen von Mee­res-/Luft­strömun­gen, An­stieg der Durch­schnitts­tem­pe­ra­tu­ren). Phy­si­sche Ri­si­ken können zu­dem in­di­rekte Fol­gen ha­ben, bspw. den Zu­sam­men­bruch von Lie­fer­ket­ten, die Auf­gabe was­ser­in­ten­si­ver Ge­schäftstätig­kei­ten oder ge­sell­schaft­li­che Kon­flikte.

Nachhaltigkeitsaspekte im Finanzbereich - Chancen und Risiken im Überblick© iStock

Wert­be­ein­flus­sende Tran­si­ti­ons­ri­si­ken ge­hen mit der Um­stel­lung auf eine koh­len­stoff­arme Wirt­schaft ein­her. Po­li­ti­sche Maßnah­men können zu ei­ner Ver­teue­rung bzw. Ver­knap­pung fos­si­ler En­er­gieträger führen. Für Träger und In­ves­to­ren in eta­blierte Tech­no­lo­gien be­steht zu­dem das Ri­siko, dass neue, we­ni­ger um­welt­schädi­gende Tech­no­lo­gien gefördert bzw. vor dem Hin­ter­grund ei­nes ge­sell­schaft­li­chen Kon­sen­ses nach­ge­fragt wer­den. Dem­ge­genüber lau­fen nicht an­ge­passte Un­ter­neh­men Ge­fahr, bspw. zu Scha­dens­er­satz­leis­tun­gen ver­ur­teilt oder von Behörden ge­zwun­gen zu wer­den, für (po­ten­ti­elle) Um­welt­schädi­gun­gen in verstärk­tem Maße auf­zu­kom­men (z. B. Rück­nahme Elek­tro­geräte).

Vor dem Hin­ter­grund ei­nes po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Pro­zes­ses zu einem „grüne­ren Fi­nanz­sys­tem“ müssen sich Ge­schäfts­lei­tun­gen von In­sti­tu­ten zwangsläufig mit dem Thema Nach­hal­tig­keit be­fas­sen.

Im Fol­gen­den ge­ben wir einen Über­blick über die für In­sti­tute re­le­van­ten In­itia­ti­ven der ver­schie­de­nen Sta­ke­hol­der (Po­li­tik, Auf­sicht, Bran­che) und skiz­zie­ren die mit dem Thema Nach­hal­tig­keit zu­sam­menhängen­den Her­aus­for­de­run­gen für In­sti­tute, um ab­schließend mögli­che Lösungs­ansätze für die in­sti­tuts­in­di­vi­du­elle „Trans­for­ma­tion“ bzw. Com­pli­ance auf­zu­zei­gen.

Relevante Initiativen

We­sent­li­che In­itia­ti­ven von Po­li­tik, Auf­sichts­behörden und Markt­teil­neh­mern im Zu­sam­men­hang mit Nach­hal­tig­keit und Kli­ma­schutz sind ins­be­son­dere die fol­gen­den:

  • Ver­einte Na­tio­nen (UN): Auf der Pa­ri­ser Kli­ma­schutz­kon­fe­renz vom 12.12.2015 ei­nig­ten sich 195 Länder erst­mals auf ein rechts­ver­bind­li­ches, welt­wei­tes Klima-schutzübe­rein­kom­men. Die­ses um­fasst einen glo­ba­len Ak­ti­ons­plan, der die Erd­erwärmung auf un­ter 2° Cel­sius der vor­in­dus­tri­el­len Werte be­gren­zen soll. Zwecks Ver­bes­se­rung der Um­set­zung wird gleich­zei­tig die Ver­ein­bar­keit der Fi­nanz­ströme mit einem Weg hin zu nied­ri­ge­ren CO2-Emis­sio­nen und kli­ma­re­sis­ten­ter Ent­wick­lung an­ge­strebt.
  • Eu­ropäische Union (EU):
    • Der Fi­nal re­port der EU High-Le­vel Ex­pert Group on Sus­tai­nable Fi­nance (HLEG; Ja­nuar 2018) enthält De­fi­ni­tio­nen zur Nach­hal­tig­keit, Emp­feh­lun­gen für eine binäre Ta­xo­no­mie („grün“ oder „nicht grün“) bzw. zur Klas­si­fi­zie­rung von nach­hal­ti­gen Ak­ti­vitäten und In­ves­ti­tio­nen für zahl­rei­che Wirt­schafts­sek­to­ren (an­hand tech­ni­scher Eva­lua­ti­ons­kri­te­rien er­folgt eine Be­ur­tei­lung bzgl. des Bei­trags zum Kli­ma­schutz und zur An­pas­sung an den Kli­ma­wan­del). Im Tenor wird die Not­wen­dig­keit verstärk­ter re­gu­la­to­ri­scher Maßnah­men zur Er­rei­chung der ge­setz­ten Kli­ma­schutz­ziele bis 2030 fest­ge­stellt.
    • Im Ak­ti­ons­plan der EU-Kom­mis­sion („Fi­nan­cing Sus­tai­nable Growth“, März 2018) er­folgte die Veröff­ent­li­chung ei­ner Stra­te­gie zur Re­for­mie­rung des EU-Fi­nanz­sys­tems und Un­terstützung der Kli­ma­schutz- und Nach­hal­tig­keits­agenda, die 10 Maßnah­men enthält. Dazu gehören u. a.:
      - Ent­wick­lung ei­ner all­ge­mein gülti­gen Ta­xo­no­mie zur Um­len­kung von Ka­pi­tal­strömen in nach­hal­tige In­vest­ments,
      - Ver­an­ke­rung von Nach­hal­tig­keit im Ri­si­ko­ma­nage­ment durch Be­to­nung von In­ves­to­ren­pflich­ten in Be­zug auf ESG-Kri­te­rien (En­viron­ment, So­cial, Go­ver­nance; Um­welt, So­zia­les und Un­ter­neh­mensführung) so­wie Ka­pi­tal­an­for­de­run­gen für Um­welt- bzw. Nach­hal­tig­keits­ri­si­ken,
      - For­cie­rung nach­hal­ti­ger Un­ter­neh­mensführung und Of­fen­le­gung ent­spre­chen­der nicht-fi­nan­zi­el­ler In­for­ma­tio­nen.
  • Fi­nanz­bran­che: Vor die­sem Hin­ter­grund ent­wi­ckelte die Fi­nanz­bran­che ei­gene Stan­dards für nach­hal­ti­ges In­ves­tie­ren so­wie eine Be­richt­er­stat­tung im Rah­men der nicht-fi­nan­zi­el­len In­for­ma­tio­nen (Aus­wahl):
    • ICMA Sus­tai­na­bi­lity bzw. Green/So­cial Bond Prin­ci­ples (frei­wil­lige Stan­dards für den Emis­si­ons­pro­zess zwecks Förde­rung der Stan­dar­di­sie­rung, In­te­grität und Trans­pa­renz im Bond Markt für nach­hal­tige In­ves­ti­tio­nen),
    • Cli­mate Bonds In­itia­tive/Stan­dard (Grund­lage der Cli­mate Bonds Zer­ti­fi­zie­rung, die an Ka­pi­tal­an­le­ger ge­rich­tet ist und In­ves­ti­tio­nen in eine koh­len­stoff­arme Wirt­schaft fördert; aus­ge­rich­tet an den Zie­len des Pa­ri­ser Kli­ma­ab­kom­mens),
    • Prin­ci­ples for Re­spon­si­ble Ban­king (Rah­men­werk für Kre­dit­in­sti­tute, um die Ziele des Pa­ri­ser Kli­ma­ab­kom­mens zu er­rei­chen),
    • Deut­scher Nach­hal­tig­keits­ko­dex (frei­wil­li­ger Stan­dard zur Be­richt­er­stat­tung, der Min­dest­an­for­de­run­gen für das Re­por­ting nicht­fi­nan­zi­el­ler Leis­tun­gen be­schreibt).

Herausforderungen für Institute

Seit Veröff­ent­li­chung ih­res Ak­ti­ons­plans für nach­hal­tige Fi­nan­zie­run­gen hat die EU-Kom­mis­sion meh­rere Rechts­vor­schläge zur Klas­si­fi­zie­rung bzw. Quan­ti­fi­zie­rung („EU-Ta­xo­no­mie“), zur Of­fen­le­gung von In­for­ma­tio­nen über nach­hal­tige In­ves­ti­tio­nen und Nach­hal­tig­keits­ri­si­ken so­wie zu Re­fe­renz­wer­ten für CO2-arme In­ves­ti­tio­nen vor­ge­legt.

Hinweis

Die HLEG veröff­ent­lichte im Juni 2019 den Ab­schluss­be­richt zum frei­wil­li­gen „EU Green Bond Stan­dard“, der im Sinne ei­nes Best Prac­tice be­ste­hende Bran­chen­stan­dards berück­sich­tigt. Im gleich­zei­tig veröff­ent­lich­ten „Ta­xo­nomy Tech­ni­cal Re­port“ wird ein Rah­men­werk zur Klas­si­fi­ka­tion der Kli­ma­freund­lich­keit ein­geführt. Die EU-Ta­xo­no­mie kann als bei­spiel­hafte Auf­lis­tung von Ge­schäfts­ak­ti­vitäten und In­ves­ti­tio­nen in­ter­pre­tiert wer­den, die zum Kli­ma­schutz bei­tra­gen. Zur Si­cher­stel­lung der Glaubwürdig­keit von „EU Green Bonds“ wird zu­dem eine ver­pflich­tende ex­terne Prüfung bzw. Zer­ti­fi­zie­rung emp­foh­len. Da die EU-Ta­xo­no­mie grundsätz­lich auf be­ste­hen­den Markt-Stan­dards auf­baut (siehe oben), soll­ten ent­spre­chend zer­ti­fi­zierte Bonds von der EU an­er­kannt wer­den. Es ist zu er­war­ten, dass auf Ba­sis der HLEG-Emp­feh­lun­gen kurz­fris­tig eine „EU-Ta­xo­no­mie“ und ein „EU Green Bond Stan­dard“ ein­geführt wer­den.

Be­reits in im März 2019 ei­nig­ten sich das EU-Par­la­ment und die EU-Mit­glieds­staa­ten auf neue An­for­de­run­gen zur Of­fen­le­gung von An­ga­ben zu nach­hal­ti­gen In­vest­ments und Nach­hal­tig­keits­ri­si­ken (“Dis­clo­sure Re­gu­la­tion”). Die Leit­li­nien der EU-Kom­mis­sion zur Ände­rung der Richt­li­nie (EU) 2016/2341 erläutern, wie Ka­pi­tal­markt­teil­neh­mer und Fi­nanz­in­ter­mediäre („fi­nan­cial ad­vi­sors“) ESG-Chan­cen und Ri­si­ken in ihre Ge­schäfts-/Ri­si­ko­pro­zesse bzw. In­vest­ment­po­li­tik über­neh­men können. Eine Har­mo­ni­sie­rung soll durch die Vor­gabe ei­nes all­ge­mein an­er­kann­ten Re­gel­werks hin­sicht­lich wert­hal­ti­ger In­for­ma­tion von In­ves­to­ren über die In­te­gra­tion von ESG-Kri­te­rien for­ciert wer­den (z. B. In­for­ma­tio­nen über po­ten­ti­elle Ri­si­ken und fi­nan­zi­elle Aus­wir­kun­gen von ESG-Sach­ver­hal­ten auf den Wert ei­ner In­ves­ti­tion). Die Leit­li­nien (Mit­tei­lung 2019/C 209/01) sind im We­sent­li­chen durch drei Eck­punkte ge­kenn­zeich­net:

  • Ver­hin­de­rung von “Green­wa­shing“ - Ver­mei­dung mögli­cher Ver­trau­ens­ver­luste als Folge von un­zu­tref­fen­den oder miss­verständ­li­chen An­ga­ben hin­sicht­lich der Nach­hal­tig­keits­kri­te­rien ei­nes Fi­nanz­pro­duk­tes,
  • Re­gu­la­to­ri­sche Neu­tra­lität - zur Verfügung ge­stellt wer­den bei­spiel­hafte Of­fen­le­gungs­ele­mente, die durch die ver­schie­de­nen Markt­teil­neh­mer in ein­heit­li­cher Weise an­zu­wen­den sind; die Über­wa­chung der Har­mo­ni­sie­rung soll durch die ESA in den je­wei­li­gen Sek­to­ren er­fol­gen,
  • Le­vel play­ing field - die An­for­de­run­gen wer­den so­wohl In­vest­ment Fonds, ver­si­che­rungs­ge­bun­dene In­vest­ment­pro­dukte, in­di­vi­du­el­les Port­fo­lio­ma­nage­ment als auch Ver­si­che­rungs - und In­vest­mentin­ter­mediäre be­tref­fen.

Die “Dis­clo­sure Re­gu­la­tion” ist noch durch das EU-Par­la­ment und den Rat zu ver­ab­schie­den. Eine Um­set­zung ist ab An­fang 2021 zu er­war­ten.
Vor dem Hin­ter­grund der ge­schil­der­ten Maßnah­men ist eine Ände­rung zahl­rei­cher EU-Richt­li­nien ab­seh­bar (z. B. Mi­FID II, AIFMD, UCITS, Sol­vency II). Da­von wer­den alle Fi­nanz­markt­teil­neh­mer di­rekt be­trof­fen sein (z. B. Kre­dit­in­sti­tute/In­vest­ment­fir­men, die Port­fo­lio­ma­nage­ment an­bie­ten, Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men, die ent­spre­chende In­vest­ment­pro­dukte an­bie­ten) so­wie in­di­rekt auch die Fi­nanz­marktin­ter­mediäre (z. B. Kre­dit­in­sti­tute, In­vest­ment­fir­men, Ka­pi­tal­ver­wal­tungs­ge­sell­schaf­ten).

Mit Blick auf das Ri­si­ko­ma­nage­ment von In­sti­tu­ten hat die Ba­Fin bis No­vem­ber 2019 zu­dem ein Merk­blatt kon­sul­tiert (Kon­sul­ta­tion 16/2019), das den Um­gang mit Nach­hal­tig­keits­ri­si­ken the­ma­ti­siert. Ziel ist es, In­sti­tu­ten eine Ori­en­tie­rung im Um­gang mit Nach­hal­tig­keits­ri­si­ken an­hand von Fra­gen und Ant­wor­ten so­wie Bei­spie­len zu ge­ben („Good-Prac­tice-Ansätze“). Zwar soll die grundsätz­li­che Me­tho­den­frei­heit beim Ri­si­ko­ma­nage­ment der In­sti­tute (vgl. Ma­Risk bzw. KAMa­Risk) nicht be­schränkt wer­den, je­doch wird mit dem Merk­blatt die „Er­war­tungs­hal­tung“ der Auf­sicht do­ku­men­tiert.

Trotz teil­weise noch of­fe­ner Grund­satz­fra­gen er­gibt sich da­her Hand­lungs­be­darf für In­sti­tute ins­be­son­dere in den fol­gen­den Be­rei­chen, für wel­che sich bspw. fol­gende Lösungs­ansätze ab­lei­ten las­sen:

Nachhaltigkeitsaspekte_im_Finanzbereich_-_Chancen_und_Risiken_im_Ueberblick_6_7

Chancen im Investmentbereich

Ziel des Sus­tai­nable Fi­nance-Ak­ti­ons­plans der EU-Kom­mis­sion ist es, den Ka­pi­tal­fluss auf nach­hal­tige In­ves­ti­tio­nen um­zu­len­ken, um nach­hal­ti­ges Wachs­tum zu er­rei­chen. Durch die EU-Nach­hal­tig­keits-Ta­xo­no­mie wird die Ein­ord­nung als nach­hal­ti­ges In­vest­ment ermöglicht. Hier­durch und durch die auf der Ta­xo­no­mie auf­bau­en­den EU-Nor­mung nach­hal­ti­ger In­vest­ments so­wie durch die wei­te­ren vor­ste­hend an­ge­spro­che­nen Maßnah­men (u. a. der frei­wil­lige „EU Green Bond Stan­dard“) be­steht die Chance für As­set­ma­na­ger, Nach­hal­tig­keits­pro­dukte si­che­rer zu struk­tu­rie­ren und sich neue In­ves­to­ren­kreise zu er­schließen, die in nach­hal­tige In­vest­ments in­ves­tie­ren wol­len. Für an dem Thema Nach­hal­tig­keit in­ter­es­sierte In­ves­to­ren be­steht die Chance, eine zu­tref­fende Aus­wahl zu tref­fen und „Green­wa­shing“-Pro­dukte zu ver­mei­den.

Hinweis

Die vor­ste­hend be­schrie­be­nen re­gu­la­to­ri­schen Maßnah­men zur Nach­hal­tig­keit ha­ben be­reits zur Auf­le­gung ei­ner großen Zahl ver­schie­de­ner In­vest­ment­pro­dukte geführt: Green Bond, Green Loan, Grüne Hy­brid­an­leihe, Grüner Schuld­schein und ESG-lin­ked Bond.

Über die wei­te­ren Ent­wick­lun­gen zu Nach­hal­tig­keits­as­pek­ten bei In­sti­tu­ten wer­den wir de­tail­liert in den kom­men­den Aus­ga­ben des no­vus Fi­nan­cial Ser­vices be­rich­ten.

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