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Arbeitnehmerüberlassung ohne Erlaubnis ist nicht wettbewerbswidrig

BGH 23.6.2016, I ZR 71/15

Die so­zi­al­po­li­ti­schen Zwecken die­nende Re­ge­lung des § 1 Abs. 1 S. 1 AÜG über die Er­laub­nis­pflicht für Ar­beit­neh­merüber­las­sung weist we­der in Be­zug auf den Ab­satz­markt der Ar­beits­leis­tun­gen der Leih­ar­beit­neh­mer noch in Be­zug auf den Be­schaf­fungs­markt der Ar­beits­kraft von Leih­ar­beit­neh­mern eine wett­be­werbs­be­zo­gene Schutz­funk­tion auf. Die Ver­let­zung ei­nes Schutz­ge­set­zes begründet einen zi­vil­recht­li­chen Ab­wehran­spruch al­lein für den­je­ni­gen, des­sen Schutz die ver­letzte Norm die­nen soll, nicht hin­ge­gen den Schutz an­de­rer Ver­lei­her.

Der Sach­ver­halt:
Der Be­klagte schließt mit den von ihm zur Verfügung ge­stell­ten Per­so­nen Verträge un­ter Ein­be­zie­hung sei­ner AGB, in de­nen er die Art, den Ort und die Zeit ei­nes Mes­se­ein­sat­zes so­wie das Ho­no­rar re­gelt. Die Be­stim­mun­gen ent­hal­ten Vor­ga­ben zum äußeren Er­schei­nungs­bild des Mes­se­per­so­nals, zu des­sen Ver­hal­ten und zu den Mo­da­litäten der Ab­rech­nung. Der Be­klagte stellt den Aus­stel­lern die Ser­vice­leis­tun­gen in Rech­nung und be­zahlt dem Per­so­nal das ver­ein­barte Ho­no­rar. Im Ge­gen­satz zur Kläge­rin verfügt er über keine Er­laub­nis zur Ar­beit­neh­merüber­las­sung nach § 1 Abs. 1 S. 1, § 2 des Ge­set­zes zur Re­ge­lung der Ar­beit­neh­merüber­las­sung (AÜG).

Die Kläge­rin sah im Jahr 2012 in der vom Be­klag­ten vor­ge­nom­me­nen Be­reit­stel­lung von Mes­se­per­so­nal an Aus­stel­ler eine un­er­laubte und des­halb wett­be­werbs­wid­rige Ar­beit­neh­merüber­las­sung. Sie be­an­tragte, den Be­klag­ten un­ter An­dro­hung von Ord­nungs­mit­teln zu ver­ur­tei­len, es zu un­ter­las­sen, im ge­schäft­li­chen Ver­kehr Ar­beits­ver­mitt­lung in Form der Ver­mitt­lung von Stand­per­so­nal an Aus­stel­ler auf Mes­sen gemäß sei­ner AGB zu be­trei­ben, so­lange und so­weit er nicht im Be­sitz ei­ner Er­laub­nis zur Ar­beit­neh­merüber­las­sung nach § 1 AÜG ist. Darüber hin­aus nahm die Kläge­rin den Be­klag­ten auf Aus­kunfts­er­tei­lung so­wie Er­satz von Ab­mahn­kos­ten in An­spruch und be­gehrte Scha­dens­er­satz.

Die Klage blieb in al­len In­stan­zen er­folg­los.

Die Gründe:
Ein vom Be­klag­ten bei sei­nem be­an­stan­de­ten Ver­hal­ten nach dem Vor­trag der Kläge­rin be­gan­ge­ner Ver­stoß ge­gen die Er­laub­nis­pflicht nach § 1 Abs. 1 S. 1 AÜG begründet we­der einen wett­be­werbs­recht­li­chen Un­ter­las­sungs­an­spruch noch einen qua­si­ne­ga­to­ri­schen Un­ter­las­sungs­an­spruch der Kläge­rin. Da­mit sind auch die dar­auf be­zo­ge­nen Fol­ge­an­sprüche un­begründet.

Die so­zi­al­po­li­ti­schen Zwecken die­nende Re­ge­lung des § 1 Abs. 1 S. 1 AÜG über die Er­laub­nis­pflicht für Ar­beit­neh­merüber­las­sung weist we­der in Be­zug auf den Ab­satz­markt der Ar­beits­leis­tun­gen der Leih­ar­beit­neh­mer noch in Be­zug auf den Be­schaf­fungs­markt der Ar­beits­kraft von Leih­ar­beit­neh­mern eine wett­be­werbs­be­zo­gene Schutz­funk­tion auf. Un­er­heb­lich ist da­bei, ob Leih­ar­beit­neh­mer als Ver­brau­cher an­zu­se­hen sind. Denn eine ver­brau­cher­schützende Norm stellt nur dann eine Markt­ver­hal­tens­re­ge­lung dar, wenn sie die Ver­brau­cher als auf dem be­tref­fen­den Markt agie­rende Per­so­nen be­trifft. Ar­beit­neh­mer sind aber keine Teil­neh­mer am Ab­satz­markt der­je­ni­gen Pro­dukte oder Dienst­leis­tun­gen, an de­ren Her­stel­lung oder Er­brin­gung sie mit­wir­ken.

Ein Ver­stoß ge­gen die ge­setz­li­che Er­laub­nis­pflicht nach § 1 Abs. 1 S. 1 AÜG kann auch nicht über das ge­ne­relle Ver­bot un­lau­te­rer ge­schäft­li­cher Hand­lun­gen in § 3 Abs. 1 UWG sank­tio­niert wer­den. Ein Ver­stoß ge­gen eine reine Markt­zu­tritts­re­ge­lung hat nämlich nicht zur Folge, dass die Markt­teil­nahme selbst un­lau­ter ist. Verstöße ge­gen außer­wett­be­werbs­recht­li­che Nor­men, die nicht als Zu­wi­der­hand­lun­gen ge­gen Markt­ver­hal­tens­re­ge­lun­gen i.S.v. § 3a UWG zu sank­tio­nie­ren sind, können nicht al­lein we­gen ih­rer Ge­set­zes­wid­rig­keit als nach § 3 Abs. 1 UWG un­lau­ter an­ge­se­hen wer­den.

Das Be­ru­fungs­ge­richt hatte einen qua­si­ne­ga­to­ri­schen Un­ter­las­sungs­an­spruch der Kläge­rin nach § 1004 Abs. 1 S. 2 ana­log, § 823 Abs. 2 BGB we­gen Ver­stoßes ge­gen § 1 Abs. 1 S. 1 AÜG ver­neint, weil es sich bei der ge­setz­li­chen Er­laub­nis­pflicht nicht um ein Schutz­ge­setz i.S.d. § 823 Abs. 2 BGB han­dele. Diese Be­ur­tei­lung ließ im Er­geb­nis kei­nen Rechts­feh­ler er­ken­nen. Die Kläge­rin machte in­so­fern ohne Er­folg gel­tend, dass die Be­stim­mung des § 1 Abs. 1 S. 1 AÜG als Ar­beit­neh­mer­schutz­vor­schrift den er­for­der­li­chen In­di­vi­du­al­schutz­cha­rak­ter auf­weise. Die Ver­let­zung ei­nes Schutz­ge­set­zes begründet viel­mehr einen zi­vil­recht­li­chen Ab­wehran­spruch al­lein für den­je­ni­gen, des­sen Schutz die ver­letzte Norm die­nen soll, nicht hin­ge­gen den Schutz an­de­rer Ver­lei­her wie der Kläge­rin.

Kei­ner Ent­schei­dung be­durfte letzt­lich die zwi­schen den Par­teien wei­ter­hin strei­tige Frage, ob die vom Be­ru­fungs­ge­richt ge­trof­fe­nen Fest­stel­lun­gen die An­nahme ei­nes Ver­stoßes des Be­klag­ten ge­gen die in § 1 Abs. 1 S. 1 AÜG be­stimmte Er­laub­nis­pflicht recht­fer­tig­ten.

Link­hin­weise:

  • Der Voll­text die­ser Ent­schei­dung wird demnächst auf den Web­sei­ten des BGH veröff­ent­licht.
  • Für den Voll­text der Ent­schei­dung kli­cken Sie bitte hier.
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