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Elterngeldzahlungen als Bezüge eines behinderten Kindes

BFH 5.2.2015, III R 31/13

Das El­tern­geld, das ein be­hin­der­tes Kind, für das Kin­der­geld be­gehrt wird, we­gen der Be­treu­ung und Er­zie­hung sei­nes ei­ge­nen Kin­des erhält, gehört in vol­lem Um­fang zu den Bezügen, die zur Ab­de­ckung des Grund­be­darfs des be­hin­der­ten Kin­des ge­eig­net sind.

Der Sach­ver­halt:
Die im Jahr 1989 ge­bo­rene Kläge­rin ist mit einem Grad der Be­hin­de­rung von 100 schwer­be­hin­dert (Merk­zei­chen Bl, H, G und B). Sie ist Mut­ter von drei Kin­dern, die im Fe­bruar 2010, Fe­bruar 2011 und Ok­to­ber 2012 ge­bo­ren sind. Sie be­zog Blin­den­geld, Leis­tun­gen nach dem SGB II so­wie El­tern­geld nach dem Bun­desel­tern­geld- und El­tern­zeit­ge­setz in der für die Jahre 2010 und 2011 gel­ten­den Fas­sung (BEEG). Letz­te­res be­lief sich zunächst auf 300 € und nach der Ge­burt des zwei­ten Kin­des auf 375 €.

Der Bei­ge­la­dene, der Va­ter der Kläge­rin, be­an­tragte für diese Kin­der­geld. Die be­klagte Fa­mi­li­en­kasse lehnte den An­trag im No­vem­ber 2010 ab, weil die Be­hin­de­rung der Kläge­rin nicht ursäch­lich dafür sei, dass sie sich nicht selbst un­ter­hal­ten könne. Einen Ab­druck des Ab­leh­nungs­be­schei­des über­sandte die Fa­mi­li­en­kasse der Kläge­rin. Diese legte ge­gen den Be­scheid Ein­spruch ein. Sie war der An­sicht, sie sei we­gen ih­rer Seh­be­hin­de­rung nicht dazu in der Lage, sich selbst zu un­ter­hal­ten. Der Ein­spruch hatte kei­nen Er­folg.

Das FG wies die Klage, mit der die Fa­mi­li­en­kasse ver­pflich­tet wer­den sollte, Kin­der­geld ab Mai 2010 fest­zu­set­zen, ab. Auf die Re­vi­sion der Kläge­rin hob der BFH das Ur­teil auf und ver­wies die Sa­che an das FG zurück.

Die Gründe:
Das FG hat die Leis­tun­gen nach dem BEEG, die die Kläge­rin für die Be­treu­ung und Er­zie­hung von zunächst einem und später von zwei Kin­dern er­hal­ten hat, zu Un­recht bei der Prüfung ei­ner (Un-)Fähig­keit zum Selbst­un­ter­halt außer Be­tracht ge­las­sen. Darüber hin­aus hat es rechts­feh­ler­haft aus dem Um­stand, dass in einem Gut­ach­ten eine voll­schich­tige Tätig­keit der Kläge­rin für möglich ge­hal­ten wird, den Schluss ge­zo­gen, die Be­hin­de­rung der Kläge­rin sei nicht ursäch­lich für de­ren man­gelnde Fähig­keit, sich selbst zu un­ter­hal­ten.

Das FG hat zu­tref­fend an­ge­nom­men, dass das Blin­den­geld von mtl. rd. 600 € den durch die Blind­heit ver­ur­sach­ten Mehr­be­darf der Kläge­rin auch in­so­weit ab­deckt, als es den an­tei­li­gen Pausch­be­trag nach § 33b Abs. 3 S. 3 EStG von mtl. rd. 300 € über­steigt. Denn nach der Recht­spre­chung des BFH ist zu ver­mu­ten, dass in Höhe des tatsäch­lich aus­ge­zahl­ten Blin­den­gel­des ein be­hin­de­rungs­be­ding­ter Mehr­auf­wand be­steht. Zu den Bezügen, mit de­ren Hilfe die Kläge­rin ih­ren exis­ten­zi­el­len Grund­be­darf ab­de­cken kann, gehören auch die Leis­tun­gen zur Si­che­rung des Le­bens­un­ter­halts und für die Kos­ten für Un­ter­kunft und Hei­zung nach dem SGB II.

Ent­ge­gen der Rechts­auf­fas­sung des FG zählt auch das El­tern­geld zu den Bezügen der Kläge­rin und ist da­her bei der Prüfung der (Un-)Fähig­keit zum Selbst­un­ter­halt ein­zu­be­zie­hen. Das FG war der An­sicht, nur El­tern­geld, das den Be­trag von 300 € über­schrei­tet, führe zu an­zu­set­zen­den Bezügen. Es be­zog sich hierzu auf die zur Einkünfte- und Bezüge­grenze des § 32 Abs. 4 S. 2 EStG er­gan­gene Ver­wal­tungs­an­wei­sung nach Ab­schn. 63.4.2.3.1 Abs. 2 S. 1 Nr. 2 der Dienst­an­wei­sung zur Durchführung des Fa­mi­li­en­leis­tungs­aus­gleichs nach dem X. Ab­schnitt des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes. Als Grund für diese Ver­wal­tungs­reg­lung kommt § 10 Abs. 1 BEEG in Be­tracht, der be­stimmt, dass das El­tern­geld bei So­zi­al­leis­tun­gen, de­ren Zah­lung von an­de­ren Ein­kom­men abhängig ist, bis zu ei­ner Höhe von ins­ge­samt 300 € im Mo­nat un­berück­sich­tigt bleibt.

Die Vor­schrift ist bei der Prüfung der (Un-)Fähig­keit zum Selbst­un­ter­halt ei­nes Kin­des, für das Kin­der­geld nach § 32 Abs. 4 S. 1 Nr. 3 EStG be­gehrt wird, je­doch schon des­halb nicht an­wend­bar, weil der An­spruch auf Kin­der­geld ori­ginär dem Kin­der­geld­be­rech­tig­ten - in der Re­gel einem El­tern­teil - zu­steht und nicht dem Kind, das we­gen ei­nes ei­ge­nen Kin­des El­tern­geld be­zieht. In den neue­ren Ver­wal­tungs­an­wei­sun­gen wird das El­tern­geld in vol­lem Um­fang in die Er­mitt­lung der Bezüge ei­nes be­hin­der­ten Kin­des ein­be­zo­gen. Die Sa­che ist nicht spruch­reif. Aus den Fest­stel­lun­gen des FG geht zwar her­vor, dass die Kläge­rin El­tern­geld be­zo­gen hat, nicht aber, ob die­ses in al­len Mo­na­ten des Streit­zeit­zeit­raums bei ih­ren Bezügen zu berück­sich­ti­gen ist.

Link­hin­weis:

  • Der Voll­text der Ent­schei­dung ist auf der Home­page des BFH veröff­ent­licht.
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