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Zur Haftung des GmbH-Geschäftsführers für die Zeit der durch das Insolvenzgericht angeordneten vorläufigen Eigenverwaltung

FG Münster 6.2.2017, 7 V 3973/16 U

Pflich­ten­kol­li­sion und das Ri­siko ei­ner Haf­tung des Ge­schäftsführers we­gen Ver­let­zung der Mas­se­si­che­rungs­pflicht be­ste­hen nach BFH-Recht­spre­chung auch in den Fällen der vorläufi­gen Ei­gen­ver­wal­tung nicht. Die (dro­hende) Ge­schäftsführer­haf­tung nach §§ 69, 34 AO für Um­satz­steu­er­schul­den führt auch nicht dazu, dass die In­sol­venz­for­de­run­gen des Fis­kus vor­ran­gig ge­genüber den For­de­run­gen der an­de­ren In­sol­venzgläubi­ger be­frie­digt wer­den und es so­mit zu ei­ner Ver­let­zung des Gläubi­ger­gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes kommt.

Der Sach­ver­halt:
Die An­trag­stel­ler sind Ge­schäftsführer der Firma X-GmbH, die wie­derum Kom­ple­mentärin der Firma X-GmbH & Co. KG ist. Ende 2014 hatte die X-KG, ver­tre­ten durch die X-GmbH und diese wie­derum ver­tre­ten durch die An­trag­stel­ler, einen In­sol­venz­an­trag ver­bun­den mit einem An­trag auf An­ord­nung der vorläufi­gen Ei­gen­ver­wal­tung ge­stellt. Das AG ord­nete dar­auf­hin die vorläufige Ei­gen­ver­wal­tung an und be­stellte als vorläufi­ger Sach­wal­ter. Die Um­satz­steu­errückstände für 2013 und die Vor­an­mel­dungs­beträge Ok­to­ber und No­vem­ber 2014 wur­den erklärungs­gemäß fest­ge­setzt. Diese Rückstände wur­den nicht bzw. nicht vollständig be­zahlt, durch­geführte Voll­stre­ckungsmaßnah­men blie­ben ohne Er­folg. Das In­sol­venz­ver­fah­ren wurde im April 2015 eröff­net.

Im No­vem­ber 2016 er­ließ das Fi­nanz­amt je­weils einen Haf­tungs­be­scheid nach §§ 191 Abs. 1 i.V.m. §§ 69, 34 AO über rund 8.625 € ge­genüber den An­trag­stel­lern für Um­satz­steu­errückstände der X-KG. Als Be­ginn des Haf­tungs­zeit­raums legte die Behörde den 10.11.2014 fest, wo­bei sie da­von aus­ging, dass in der nicht recht­zei­ti­gen Zah­lung der Um­satz­steu­er­vor­an­mel­dung Ok­to­ber 2014 die er­ste Pflicht­ver­let­zung zu se­hen sei.

Ge­gen den Haf­tungs­be­scheid wand­ten sich die An­trag­stel­ler. Sie wa­ren der An­sicht, dass mit In­sol­venz­an­trag­stel­lung ein geänder­tes in­sol­venz­recht­li­ches Pflich­ten­pro­gramm ent­stehe, wo­nach der Ge­schäftsführer For­de­run­gen von un­ge­si­cher­ten In­sol­venzgläubi­gern nur noch quo­tal be­die­nen dürfe. Steu­er­schul­den dürf­ten nicht vor­ran­gig ge­genüber sons­ti­gen Ver­bind­lich­kei­ten be­frie­digt wer­den, da diese keine be­triebs­not­wen­di­gen Zah­lun­gen dar­stell­ten.

Das FG lehnte den An­trag auf Aus­set­zung der Voll­zie­hung der Haf­tungs­be­scheide ab.

Die Gründe:
Es be­stan­den keine ernst­li­chen Zwei­fel an der Rechtmäßig­keit der an­ge­foch­te­nen Haf­tungs­be­scheide. Das Fi­nanz­amt dürfte die An­trag­stel­ler zu Recht im Rah­men der sog. Ge­schäftsführer­haf­tung gem. §§ 191, 69, 34 AO in An­spruch ge­nom­men ha­ben.

Die Vor­aus­set­zun­gen der Haf­tungs­vor­schrift des § 69 AO la­gen vor. Die An­trag­stel­ler hat­ten ihre Pflich­ten als Ge­schäftsführer grob fahrlässig ver­letzt und es war hier­durch zu Steu­er­ausfällen ge­kom­men. Rei­chen die fi­nan­zi­el­len Mit­tel der Ge­sell­schaft nicht zur Be­frie­di­gung al­ler Gläubi­ger aus, so be­geht der ge­setz­li­che Ver­tre­ter eine Pflicht­ver­let­zung i.S.d. § 34 Abs. 1 S. 2 AO, wenn er es versäumt, die Steu­er­schul­den der Ge­sell­schaft in etwa in dem glei­chen Verhält­nis zu til­gen wie die For­de­run­gen der an­de­ren Gläubi­ger, sog. Grund­satz der an­tei­li­gen Til­gung.

Im vor­lie­gen­den Fall hat­ten die An­trag­stel­ler im Haf­tungs­zeit­raum For­de­run­gen an­de­rer Gläubi­ger in größerem Um­fang ge­tilgt als die Steu­er­schul­den beim Fis­kus. Sie wa­ren auch trotz der Stel­lung des In­sol­venz­an­trags und der An­ord­nung der vorläufi­gen Ei­gen­ver­wal­tung als Ge­schäftsführer zur Zah­lung der Steu­errückstände un­ter Be­ach­tung des Grund­sat­zes der an­tei­li­gen Til­gung ver­pflich­tet. Die dar­ge­legte Pflich­ten­kol­li­sion und das Ri­siko ei­ner Haf­tung des Ge­schäftsführers we­gen Ver­let­zung der Mas­se­si­che­rungs­pflicht be­ste­hen nach BFH-Recht­spre­chung, der der Se­nat folgt, auch in den Fällen der vorläufi­gen Ei­gen­ver­wal­tung nicht.

Nach Auf­fas­sung des Se­na­tes führt die (dro­hende) Ge­schäftsführer­haf­tung nach §§ 69, 34 AO für Um­satz­steu­er­schul­den auch nicht dazu, dass die In­sol­venz­for­de­run­gen des Fis­kus vor­ran­gig ge­genüber den For­de­run­gen der an­de­ren In­sol­venzgläubi­ger be­frie­digt wer­den und es so­mit zu ei­ner Ver­let­zung des Gläubi­ger­gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes kommt. Viel­mehr greift die Ge­schäftsführer­haf­tung nur dann ein, wenn ein Ge­schäftsführer - wie hier - trotz be­ste­hen­der Mas­se­si­che­rungs­pflicht an­dere Gläubi­ger (un­ter Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes) be­vor­zugt ge­genüber dem Fis­kus be­frie­digt hat.

Die An­trag­stel­ler hat­ten ihre Pflich­ten letzt­lich auch grob fahrlässig ver­letzt. So­weit die An­trag­stel­ler vor­tra­gen ha­ben, dass im Hin­blick auf Pflicht zur Zah­lung von Steu­er­ver­bind­lich­kei­ten in der Ei­gen­ver­wal­tung we­gen der be­ste­hen­den Pflich­ten­kol­li­sion zwi­schen Mas­se­er­hal­tungs­pflicht und Steu­er­zah­lungs­pflicht eine un­geklärte Rechts­lage vor­liege und die An­nahme ei­ner gro­ben Fahrlässig­keit des­halb aus­ge­schlos­sen sei, so folgt der Se­nat dem nicht. Denn nach BFH-Recht­spre­chung konnte es im Streit­zeit­raum als geklärt an­ge­se­hen wer­den, dass eine zi­vil­recht­li­che Haf­tung nach § 64 S. 1 GmbHG nicht droht, wenn und so­weit die Zah­lun­gen von Steu­er­ver­bind­lich­kei­ten zur Ab­wen­dung der Haf­tung nach §§ 69, 34 AO er­folg­ten.

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