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Zum Anspruch der Familienangehörigen des Opfers eines Verkehrsunfalls auf Ersatz des erlittenen immateriellen Schadens

EuGH 24.10.2013, C-22/12 u.a.

Sieht das na­tio­nale Recht einen An­spruch der Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen des Op­fers ei­nes Ver­kehrs­un­falls auf Er­satz des er­lit­te­nen im­ma­te­ri­el­len Scha­dens vor, muss die ob­li­ga­to­ri­sche Kfz-Haft­pflicht­ver­si­che­rung die­sen Scha­den de­cken. In einem sol­chen Fall er­streckt sich die im Uni­ons­recht für Per­so­nen­schäden vor­ge­se­hene Min­dest­de­ckung auch auf den im­ma­te­ri­el­len Scha­den.

Hin­ter­grund:
Nach der Ers­ten Richt­li­nie der Union im Be­reich der ob­li­ga­to­ri­schen Kfz-Haft­pflicht­ver­si­che­rung müssen die Mit­glied­staa­ten si­cher­stel­len, dass die Haft­pflicht bei Fahr­zeu­gen mit gewöhn­li­chem Stand­ort im In­land durch eine Ver­si­che­rung ge­deckt ist. Zwar steht es den Mit­glied­staa­ten frei, die von die­ser Ver­si­che­rung ge­deck­ten Schäden so­wie die Mo­da­litäten der Ver­si­che­rung zu be­stim­men, doch sieht die in die­sem Be­reich er­las­sene Zweite Richt­li­nie vor, dass die Ver­si­che­rung Per­so­nen­schäden i.H.v. min­des­tens 1 Mio. € je Un­fall­op­fer oder 5 Mio. € je Scha­dens­fall (dann un­ge­ach­tet der Zahl der Ge­schädig­ten) de­cken muss. Für Sach­schäden beträgt die Min­dest­de­ckung, un­ge­ach­tet der Zahl der Ge­schädig­ten, 1 Mio. € je Scha­dens­fall.

Der Sach­ver­halt:

+++ C-22/12 +++
Herr Haas kam am 7.8.2008 in Tsche­chien bei einem Ver­kehrs­un­fall ums Le­ben, der von Herrn Petrík als Fah­rer ei­nes Frau Ho­lin­gová gehören­den Pkw ver­ur­sacht wurde. Das in der Slo­wa­kei zu­ge­las­sene Fahr­zeug von Frau Ho­lin­gová, in dem Herr Haas saß, stieß mit einem in der Tsche­chi­schen Re­pu­blik zu­ge­las­se­nen Last­kraft­wa­gen zu­sam­men. Herr Petrík, der die­sen Un­fall ver­schul­det hatte, wurde u.a. zum Er­satz des Frau Haa­sová, der Ehe­frau des To­des­op­fers, durch den Un­fall ent­stan­de­nen Scha­dens ver­ur­teilt. Frau Haa­sová und ihre Toch­ter ver­lan­gen aber zu­dem vom Ver­si­che­rer von Frau Ho­lin­gová Er­satz des durch den Ver­lust ih­res Ehe­manns und Va­ters ent­stan­de­nen im­ma­te­ri­el­len Scha­dens.

Das mit dem Rechts­streit be­fasste Ge­richt führt aus, nach dem sei­nes Er­ach­tens im vor­lie­gen­den Fall an­wend­ba­ren tsche­chi­schen Zi­vil­recht habe eine natürli­che Per­son An­spruch auf Er­satz des aus ei­ner Be­einträch­ti­gung der Un­ver­sehrt­heit ih­rer Per­son herrühren­den im­ma­te­ri­el­len Scha­dens. Der Ver­si­che­rer von Frau Ho­lin­gová ist je­doch der An­sicht, dass sich die De­ckung der ob­li­ga­to­ri­schen Kfz-Haft­pflicht­ver­si­che­rung nach slo­wa­ki­schem Recht nicht auf im­ma­te­ri­elle Schäden er­stre­cke, und lehnt da­her den Er­satz ei­nes sol­chen Scha­dens ab.

Das Re­gio­nal­ge­richt von Prešov, Slo­wa­kei, möchte vom EuGH wis­sen, ob die ob­li­ga­to­ri­sche Kfz-Haft­pflicht­ver­si­che­rung im­ma­te­ri­elle Schäden von Per­so­nen de­cken muss, die den To­des­op­fern ei­nes Ver­kehrs­un­falls na­he­stan­den.

+++ C-277/12 +++
In Lett­land kann zwar vom Ver­si­che­rer des Ver­ur­sa­chers ei­nes Ver­kehrs­un­falls Er­satz des im­ma­te­ri­el­len Scha­dens in Form von Schmer­zen und see­li­schen Lei­den in­folge des To­des des Ver­sor­gers der Fa­mi­lie, ei­ner abhängi­gen Per­son oder des Ehe­gat­ten ver­langt wer­den, aber nur i.H.v. 100 LVL (etwa 142 €) je An­trag­stel­ler und ver­stor­be­ner Per­son.

Am 14.2.2006 ka­men die El­tern von Herrn Dro­zdovs bei einem Ver­kehrs­un­fall in Riga (Lett­land) ums Le­ben. Herr Dro­zdovs, der da­mals zehn Jahre alt war, wurde dar­auf­hin un­ter die Vor­mund­schaft sei­ner Großmut­ter ge­stellt. Diese ver­langte so­dann vom Ver­si­che­rer des Un­fall­ver­ur­sa­chers als Er­satz für den im­ma­te­ri­el­len Scha­den, den Herr Dro­zdovs durch den Ver­lust sei­ner El­tern er­lit­ten hatte, einen Be­trag von 200.000 LVL (etwa 284.820 €).

Der Se­nat des Obers­ten Ge­richts­hofs von Lett­land, der mit dem Rechts­streit zwi­schen Herrn Dro­zdovs und dem Ver­si­che­rer be­fasst ist, stellt dem EuGH zum einen die glei­che Frage wie das slo­wa­ki­sche Ge­richt in der Rechts­sa­che C-22/12 und möchte zum an­de­ren wis­sen, ob die im let­ti­schen Recht vor­ge­se­hene Be­gren­zung des Höchst­be­trags des auf­grund ei­nes Ver­kehrs­un­falls zu er­set­zen­den im­ma­te­ri­el­len Scha­dens mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar ist.

Die Gründe:

+++ C-22/12 +++
Es ist zwi­schen der Pflicht der Kfz-Haft­pflicht­ver­si­che­rung zur De­ckung von Schäden, die durch Kfz ent­ste­hen, und dem Um­fang des Er­sat­zes die­ser Schäden im Rah­men der Haft­pflicht des Ver­si­cher­ten zu un­ter­schei­den. Ers­tere ist nämlich durch die Uni­ons­re­ge­lung fest­ge­legt und ga­ran­tiert, Letz­te­rer hin­ge­gen im We­sent­li­chen durch das na­tio­nale Recht ge­re­gelt.

Da­bei steht es den Mit­glied­staa­ten nach wie vor grundsätz­lich frei, im Rah­men ih­rer Haft­pflicht­vor­schrif­ten zu re­geln, wel­che von Kfz ver­ur­sach­ten Schäden zu er­set­zen sind, wel­chen Um­fang die­ser Scha­dens­er­satz hat und wel­che Per­so­nen An­spruch dar­auf ha­ben. Um die bzgl. des Um­fangs der Ver­si­che­rungs­pflicht zwi­schen den Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten fort­be­ste­hen­den Un­ter­schiede zu ver­rin­gern, wurde je­doch durch die Union auf dem Ge­biet der Haft­pflicht eine De­ckungs­pflicht für Sach- und Per­so­nen­schäden in be­stimm­ter, in der Zwei­ten Richt­li­nie fest­ge­leg­ter Höhe ein­geführt. Die Mit­glied­staa­ten müssen da­her die ge­deck­ten Schäden so­wie die Mo­da­litäten der Kfz-Haft­pflicht­ver­si­che­rung un­ter Berück­sich­ti­gung der Re­geln des Uni­ons­rechts be­stim­men.

Zu den nach der Zwei­ten Richt­li­nie zwin­gend zu de­cken­den Per­so­nen­schäden gehören alle Schäden, die aus ei­ner Be­einträch­ti­gung der Un­ver­sehrt­heit der Per­son herrühren, wo­bei dies körper­li­che wie see­li­sche Lei­den um­fasst. Da­her gehören zu den nach Uni­ons­recht zu er­set­zen­den Schäden die im­ma­te­ri­el­len Schäden, de­ren Er­satz auf­grund der Haft­pflicht des Ver­si­cher­ten das auf den Rechts­streit an­wend­bare na­tio­nale Recht vor­sieht. Der Schutz der Ers­ten Richt­li­nie er­streckt sich auf jede Per­son, die nach dem na­tio­na­len Haft­pflicht­recht An­spruch auf Er­satz des von einem Kfz ver­ur­sach­ten Scha­dens hat.

Da das tsche­chi­sche Recht Frau Haa­sová und ih­rer Toch­ter nach den An­ga­ben des slo­wa­ki­schen Ge­richts einen An­spruch auf Er­satz des in­folge des To­des ih­res Ehe­gat­ten und Va­ters er­lit­te­nen im­ma­te­ri­el­len Scha­dens ver­schafft, müss­ten sie in den Ge­nuss des durch diese Richt­li­nie gewähr­ten Schut­zes kom­men können.

+++ C-277/12 +++
Die ob­li­ga­to­ri­sche Kfz-Haft­pflicht­ver­si­che­rung muss im­ma­te­ri­elle Schäden von Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen des Op­fers ei­nes Ver­kehrs­un­falls de­cken, wenn sie nach na­tio­na­lem Recht An­spruch auf Er­satz sol­cher Schäden ha­ben. Da das let­ti­sche Recht Herrn Dro­zdovs nach den An­ga­ben des vor­le­gen­den Ge­richts einen An­spruch auf Er­satz des in­folge des To­des sei­ner El­tern er­lit­te­nen im­ma­te­ri­el­len Scha­dens ver­schafft, müsste er in den Ge­nuss des durch die Er­ste Richt­li­nie gewähr­ten Schut­zes kom­men können.

Ein Mit­glied­staat, der einen Aus­gleichs­an­spruch für im­ma­te­ri­elle Schäden an­er­kennt, darf für diese spe­zi­elle Ka­te­go­rie von Schäden, die zu den Per­so­nen­schäden i.S.d. Zwei­ten Richt­li­nie gehören, keine Höchst­de­ckungs­sum­men vor­se­hen, die un­ter den durch diese Richt­li­nie fest­ge­leg­ten Min­dest­de­ckungs­sum­men lie­gen. In der Richt­li­nie ist nämlich bzgl. der ge­deck­ten Schäden eine an­dere Un­ter­schei­dung als die zwi­schen Per­so­nen- und Sach­schäden we­der vor­ge­se­hen noch er­laubt.

Link­hin­weis:

  • Für den auf den Web­sei­ten des EuGH veröff­ent­lich­ten Voll­text der Ent­schei­dung C-22/12 kli­cken Sie bitte hier.
  • Für den Voll­text der Ent­schei­dung C-277/12 kli­cken Sie bitte hier.
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