de en
Nexia Ebner Stolz

Aktuelles

Zum Anspruch auf Kindergeld für eine deutsche Grenzgängerin

BFH 18.7.2013, III R 51/09

Ist der persönli­che Gel­tungs­be­reich der VO (EWG) Nr. 1408/71 eröff­net und un­ter­liegt der Steu­er­pflich­tige, der mit sei­nen Kin­dern in Deutsch­land wohnt, we­gen ei­ner in den Nie­der­lan­den als Grenzgänger ausgeübten abhängi­gen Be­schäfti­gung nicht den deut­schen, son­dern den nie­derländi­schen Rechts­vor­schrif­ten, dann wird da­durch der gem. § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG be­ste­hende Kin­der­geld­an­spruch nicht aus­ge­schlos­sen. Die sich hier­aus er­ge­bende Kon­kur­renz zwi­schen dem nie­derländi­schen und dem deut­schen An­spruch wird durch Art. 10 Abs. 1 Buchst. a der VO (EWG) Nr. 574/72 auf­gelöst.

Der Sach­ver­halt:
Die Kläge­rin ist die Mut­ter von D, ge­bo­ren am 2.4.1985, und von J, ge­bo­ren am 7.2.1992. Seit sie sich vom Va­ter der Kin­der ge­trennt hatte, er­zog sie ihre Söhne al­lein. Die Fa­mi­lie lebte in Deutsch­land. Für ihre Kin­der be­zog die Kläge­rin lau­fend Kin­der­geld nach dem EStG. Im April 2003 nahm die Kläge­rin eine Er­werbstätig­keit in den Nie­der­lan­den auf. Als die Fa­mi­li­en­kasse im Mai 2005 hier­von er­fuhr, hob sie u.a. die Kin­der­geld­fest­set­zung für J ab Juli 2003 auf und for­derte das für den Streit­zeit­raum Juli 2003 bis April 2005 aus­ge­zahlte Kin­der­geld zurück.

Das FG gab der hier­ge­gen ge­rich­te­ten Klage teil­weise statt. Das FG ging da­von aus, dass we­gen der Er­werbstätig­keit der Kläge­rin in den Nie­der­lan­den grundsätz­lich das Recht die­ses Staa­tes an­zu­wen­den sei. Die An­wen­dung deut­schen Rechts sei des­we­gen aber nicht stets aus­ge­schlos­sen. Im Er­geb­nis ruhe der deut­sche Kin­der­geld­an­spruch in Höhe des An­spruchs auf nie­derländi­sche Fa­mi­li­en­leis­tun­gen. Des­halb habe sie für alle Mo­nate des Streit­zeit­rau­mes An­spruch auf die mo­nat­li­che Dif­fe­renz i.H.v. 69,90 €.

Die Kläge­rin rügt mit ih­rer Re­vi­sion, dass das FG ih­ren An­spruch auf das volle Kin­der­geld für den Zeit­raum ab Be­ginn ih­rer Be­schäfti­gung in den Nie­der­lan­den zu Un­recht ver­neint und sie in­so­weit zur Rück­zah­lung ver­pflich­tet habe. Denn am An­fang ih­rer Be­schäfti­gung habe sie noch gar keine Leis­tun­gen in den Nie­der­lan­den er­hal­ten. Sie müsse im Hin­blick auf J nicht mehr an Kin­der­geld zurück­zah­len, als sie tatsäch­lich an Fa­mi­li­en­bei­hilfe aus den Nie­der­lan­den er­hal­ten habe. Die Fa­mi­li­en­kasse rügt dem­ge­genüber eine un­zu­tref­fende Aus­le­gung des § 65 EStG. Bei die­ser Vor­schrift han­dele es sich um einen na­tio­na­len Aus­schlusstat­be­stand, der der Fest­set­zung von Dif­fe­renz­kin­der­geld ent­ge­gen­stehe.

Auf die Re­vi­sio­nen der Kläge­rin und des Fi­nanz­amts hob der BFH das Ur­teil auf und ver­wies die Sa­che zur an­der­wei­ti­gen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das FG zurück.

Die Gründe:
Das FG hat an­ge­nom­men, dass ein et­wai­ger An­spruch der Kläge­rin auf (Dif­fe­renz-)Kin­der­geld für J nicht an § 65 Abs. 1 S. 1 Nr. 2 EStG schei­tert. Diese recht­li­che Fol­ge­rung ist nicht durch aus­rei­chende tatsäch­li­che Fest­stel­lun­gen ge­tra­gen. Erst wenn diese im zwei­ten Rechts­gang nach­ge­holt sind, wird die Prüfung möglich sein, ob § 65 Abs. 1 S. 1 Nr. 2 EStG im vor­lie­gen­den Fall zur An­wen­dung ge­langt oder durch ge­mein­schafts­recht­li­che Vor­schrif­ten verdrängt wird. Ist der persönli­che Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 1408/71 nicht eröff­net, dann rich­tet sich die Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach §§ 62 ff. EStG und die An­spruchs­kon­kur­renz zwi­schen dem deut­schen Kin­der­geld­an­spruch und der ausländi­schen Fa­mi­li­en­leis­tung ist nach § 65 Abs. 1 S. 1 Nr. 2 EStG zu lösen.

Das FG hat le­dig­lich die Fest­stel­lung ge­trof­fen, dass die Kläge­rin in den Nie­der­lan­den eine Er­werbstätig­keit auf­ge­nom­men hat. Dies genügt nicht für die Prüfung, ob der persönli­che Gel­tungs­be­reich eröff­net wird, weil es hierfür maßgeb­lich auf den ge­nauen Ver­si­cher­ten­sta­tus an­kommt. Sollte sich im zwei­ten Rechts­gang her­aus­stel­len, dass die Kläge­rin dem persönli­chen Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 1408/71 un­terfällt und sie, was an­hand der Se­nats­recht­spre­chung im Ein­zel­nen zu prüfen wäre, außer­dem we­gen ei­ner abhängi­gen Be­schäfti­gung in den Nie­der­lan­den gem. Art. 13 Abs. 2 Buchst. a der VO Nr. 1408/71 den Rechts­vor­schrif­ten die­ses Mit­glied­staats un­ter­liegt, dann wird das FG Fol­gen­des zu be­ach­ten ha­ben:

Ob­gleich Deutsch­land in die­sem Fall im Hin­blick auf die Gewährung der Fa­mi­li­en­leis­tun­gen an sich der un­zuständige Staat wäre, würde der sich aus § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG er­ge­bende Kin­der­geld­an­spruch nicht aus­ge­schlos­sen sein. Denn die Art. 13 ff. der VO Nr. 1408/71 ent­fal­ten keine Sperr­wir­kung für die An­wen­dung des Rechts des nicht zuständi­gen Mit­glied­staats, so dass sich die An­spruchs­be­rech­ti­gung auch bei Per­so­nen und bei Leis­tun­gen, die dem persönli­chen und sach­li­chen An­wen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/71 un­ter­lie­gen, al­lein nach den Be­stim­mun­gen des deut­schen Rechts rich­tet. Der Zah­lung von (Dif­fe­renz-)Kin­der­geld für J stünde in die­sem Fall auch § 65 Abs. 1 S. 1 Nr. 2 EStG nicht ent­ge­gen. Denn die Kon­kur­renz zwi­schen dem nie­derländi­schen und dem deut­schen An­spruch würde nicht durch diese Vor­schrift, son­dern durch Art. 10 Abs. 1 Buchst. a der VO Nr. 574/72 auf­gelöst.

Sollte der persönli­che Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 1408/71 eröff­net und das nie­derländi­sche Recht als an­wend­bar be­stimmt sein, dann würde nach den un­ter Zif­fer B.II.3. der Gründe die­ses Ur­teils ge­mach­ten Ausführun­gen zur Auflösung der An­spruchs­kon­kur­renz zwi­schen dem nie­derländi­schen und dem deut­schen An­spruch Art. 10 Abs. 1 Buchst. a der VO Nr. 574/72 her­an­zu­zie­hen sein. Zu die­ser Vor­schrift hat der EuGH ent­schie­den, dass der im Wohn­mit­glied­staat der Kin­der be­ste­hende An­spruch nicht teil­weise aus­ge­setzt wer­den darf, wenn zwar ein An­spruch auf Fa­mi­li­en­leis­tun­gen im Be­schäfti­gungs­mit­glied­staat be­steht, die Fa­mi­li­en­leis­tun­gen dort fak­ti­sch aber nicht be­zo­gen wer­den, weil kein ent­spre­chen­der An­trag ge­stellt wurde.

Link­hin­weis:

  • Der Voll­text der Ent­schei­dung ist auf der Home­page des BFH veröff­ent­licht.
  • Um di­rekt zum Voll­text zu kom­men, kli­cken Sie bitte hier.
nach oben