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Zu Ausgleichszahlungen nach der Fluggastrechteverordnung

BGH v. 6.8.2019 - X ZR 128/18 u.a.

Aus­gleichs­zah­lun­gen nach der Flugast­rech­te­ver­ord­nung die­nen nicht nur dem pau­scha­lier­ten Er­satz im­ma­te­ri­el­ler Schäden, son­dern sol­len es dem Flug­gast ermögli­chen, auch Er­satz sei­ner ma­te­ri­el­len Schäden zu er­lan­gen, ohne im Ein­zel­nen aufwändig de­ren Höhe dar­le­gen und be­wei­sen zu müssen. Die­nen gel­tend ge­machte rei­se­recht­li­che Er­satz­an­sprüche oder auf Ver­let­zung des Beförde­rungs­ver­trags gestützte An­sprüche (nach dem bis zum 30.6.2018 gel­ten­den Rei­se­recht) dem Aus­gleich der­sel­ben dem Rei­sen­den durch die verspätete Luft­beförde­rung ent­stan­de­nen Schäden wie be­reits zu­vor er­brachte Aus­gleichs­zah­lun­gen, ist eine An­rech­nung ge­bo­ten.

Der Sach­ver­halt:
Die Kläger des Ver­fah­rens X ZR 128/18 buch­ten bei der be­klag­ten Rei­se­ver­an­stal­te­rin für die Zeit vom 17.7-7.8.2016 eine Ur­laubs­reise, die Flüge von Frank­furt a.M. nach Las Ve­gas und zurück so­wie ver­schie­dene Ho­tel­auf­ent­halte um­fasste. Den Klägern wurde die Beförde­rung auf dem für sie ge­buch­ten Hin­flug ver­wei­gert. Sie flo­gen da­her am fol­gen­den Tag über Van­cou­ver nach Las Ve­gas, wo sie mehr als 30 Stun­den später als ge­plant ein­tra­fen, und ver­lan­gen nun­mehr von der Be­klag­ten die Er­stat­tung der für die bei­den ers­ten Tage der Ur­laubs­reise an­ge­fal­le­nen Kos­ten des Miet­wa­gens und des ge­buch­ten, aber nicht ge­nutz­ten Ho­tel­zim­mers so­wie der Kos­ten für eine we­gen der geänder­ten Rei­se­pla­nung er­for­der­lich ge­wor­dene Über­nach­tung in einem an­de­ren Ho­tel.

Der Kläger des Ver­fah­rens X ZR 165/18 und seine bei­den Mit­rei­sen­den buch­ten bei dem be­klag­ten Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men für den 15.9.2016 einen Flug von Frank­furt a.M. nach Wind­hoek, wo sie eine Rund­reise durch Na­mi­bia an­tre­ten woll­ten. Der Ab­flug verzögerte sich, so dass die Fluggäste ihr Rei­se­ziel einen Tag später als vor­ge­se­hen er­reich­ten. Der Kläger macht gel­tend, er und seine Mit­rei­sen­den hätten die für die er­ste Nacht ge­buchte Un­ter­kunft in ei­ner Lodge we­gen der verspäte­ten An­kunft nicht mehr er­rei­chen können und statt­des­sen in einem Ho­tel in Wind­hoek über­nach­ten müssen. Er ver­langt von dem be­klag­ten Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men aus ei­ge­nem und ab­ge­tre­te­nem Recht sei­ner Mit­rei­sen­den Er­stat­tung der Kos­ten für die nicht in An­spruch ge­nom­mene, aber nach sei­nem Vor­trag in Rech­nung ge­stellte Un­ter­kunft in der Lodge so­wie der Kos­ten für die Über­nach­tung in Wind­hoek.

We­gen der Beförde­rungs­ver­wei­ge­rung bzw. der Flug­verspätung leis­te­ten die ausführen­den Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men der be­tref­fen­den Flüge Aus­gleichs­zah­lun­gen nach Art. 7 Abs. 1 Buchst. c Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung i.H.v. 600 € je Rei­sen­dem. In bei­den Fällen strei­ten die Par­teien darüber, ob diese Zah­lun­gen nach Art. 12 Abs. 1 Satz 2 der Ver­ord­nung auf die in der Höhe da­hin­ter zurück­blei­ben­den Er­satz­an­sprüche an­ge­rech­net wer­den dürfen, die die Kläger auf der Grund­lage der Vor­schrif­ten des deut­schen Rei­se­ver­trags- bzw. Per­so­nen­beförde­rungs­rechts gel­tend ma­chen.

Das AG und LG rech­ne­ten die Aus­gleichs­zah­lun­gen an und wies die Kla­gen ab. Der Flug­gast könne bei ei­ner Beförde­rungs­ver­wei­ge­rung oder ei­ner er­heb­li­chen Flug­verspätung wählen zwi­schen der Aus­gleichs­zah­lung nach der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung, die zum Aus­gleich ent­stan­de­ner Un­an­nehm­lich­kei­ten einen pau­scha­lier­ten Er­satz für ma­te­ri­elle und im­ma­te­ri­elle Schäden biete, und der Gel­tend­ma­chung von Scha­dens­er­satz­an­sprüchen nach na­tio­na­lem Recht, für die Scha­dens­ein­tritt und -höhe kon­kret dar­zu­le­gen seien. Be­an­spru­che der Flug­gast eine Aus­gleichs­zah­lung nach der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung, sei diese nach den Grundsätzen der Vor­teils­aus­glei­chung auf we­gen des­sel­ben Er­eig­nis­ses gel­tend ge­machte Scha­dens­er­satz­an­sprüche nach na­tio­na­lem Recht an­zu­rech­nen, un­abhängig da­von, ob diese auf den Er­satz ma­te­ri­el­ler oder im­ma­te­ri­el­ler Schäden ge­rich­tet seien. Die Re­vi­sio­nen der Kläger hat­ten vor dem BGH kei­nen Er­folg.

Die Gründe:
Die von den Klägern gel­tend ge­mach­ten Er­satz­an­sprüche die­nen der Kom­pen­sa­tion von durch Nicht- oder Schlech­terfüllung der Ver­pflich­tung zur Luft­beförde­rung her­vor­ge­ru­fe­nen Be­einträch­ti­gun­gen, die zum einen in durch die verspätete An­kunft am Rei­se­ziel nutz­los ge­wor­de­nen Auf­wen­dun­gen, zum an­de­ren in Zu­satz­kos­ten für eine not­wen­dig ge­wor­dene an­dere Ho­tel­un­ter­kunft be­ste­hen. Dem­ent­spre­chend han­delt es sich bei den ein­ge­klag­ten An­sprüchen um An­sprüche auf wei­ter­ge­hen­den Scha­dens­er­satz, auf die nach Art. 12 Abs. 1 Satz 2 Flug­gast­rech­teVO eine nach die­ser Ver­ord­nung we­gen Beförde­rungs­ver­wei­ge­rung oder großer Verspätung gewährte Aus­gleichs­zah­lung an­ge­rech­net wer­den kann.

Ob die nach na­tio­na­lem Recht begründe­ten Scha­dens­er­satz­an­sprüche dem­ent­spre­chend um die Aus­gleichs­zah­lung gekürzt wer­den können oder - weil die Aus­gleichs­zah­lung wie vor­lie­gend höher ist - vollständig ent­fal­len, rich­tet sich man­gels ge­setz­li­cher Re­ge­lung im deut­schen Recht nach den von der Recht­spre­chung zum Scha­den­er­satz­recht ent­wi­ckel­ten Grundsätzen der Vor­teils­aus­glei­chung. § 651p Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 BGB, der ausdrück­lich be­stimmt, dass sich ein Rei­sen­der auf seine Scha­dens­er­satz­an­sprüche ge­genüber dem Rei­se­ver­an­stal­ter den­je­ni­gen Be­trag an­rech­nen las­sen muss, den er auf­grund des­sel­ben Er­eig­nis­ses als Ent­schädi­gung nach Maßgabe der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung er­hal­ten hat, gilt erst für ab dem 1.7.2018 ge­schlos­sene Rei­se­verträge und ist in den Streitfällen nicht an­wend­bar.

Nach den Grundsätzen der Vor­teils­aus­glei­chung sind dem Ge­schädig­ten die­je­ni­gen Vor­teile zu­zu­rech­nen, die ihm in adäqua­tem Zu­sam­men­hang mit dem Scha­dens­er­eig­nis zu­ge­flos­sen sind und de­ren An­rech­nung mit dem Zweck des Er­satz­an­spruchs übe­rein­stimmt. Die Aus­gleichs­zah­lung nach der Flugast­rech­te­ver­ord­nung dient nicht nur dem pau­scha­lier­ten Er­satz im­ma­te­ri­el­ler Schäden, son­dern soll es dem Flug­gast ermögli­chen, auch Er­satz sei­ner ma­te­ri­el­len Schäden zu er­lan­gen, ohne im Ein­zel­nen aufwändig de­ren Höhe dar­le­gen und be­wei­sen zu müssen. Da die rei­se­recht­li­chen Er­satz­an­sprüche im Ver­fah­ren X ZR 128/18 und die auf Ver­let­zung des Beförde­rungs­ver­trags gestütz­ten An­sprüche im Ver­fah­ren X ZR 165/18 dem Aus­gleich der­sel­ben den Klägern durch die verspätete Luft­beförde­rung ent­stan­de­nen Schäden wie die be­reits er­brach­ten Aus­gleichs­zah­lun­gen die­nen, ist eine An­rech­nung ge­bo­ten.

Der BGH hat in einem früheren Ver­fah­ren für klärungs­bedürf­tig ge­hal­ten, ob eine sol­che An­rech­nung dem Zweck der Aus­gleichs­leis­tung nach der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung ent­spricht und des­halb dem EuGH eine ent­spre­chende Frage zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt (Be­schluss vom 30.7.2013 - X ZR 111/12); das Ver­fah­ren hat sich je­doch an­der­wei­tig er­le­digt. Eine er­neute Vor­lage ist nicht er­for­der­lich, da durch Erwägungs­grund 36 und Art. 14 Abs. 5 der am 31.12.2015 in Kraft ge­tre­te­nen neuen Pau­schal­rei­se­richt­li­nie (Richt­li­nie (EU) 2015/2302) geklärt wor­den ist, dass je­den­falls seit In­kraft­tre­ten die­ser Richt­li­nie Aus­gleichs­zah­lun­gen nach der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung auf ver­trag­li­che Er­satz­an­sprüche ge­gen den Rei­se­ver­an­stal­ter an­zu­rech­nen sind und um­ge­kehrt (was für das gel­tende deut­sche Pau­schal­rei­se­recht durch die erwähnte Vor­schrift des § 651p Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 BGB um­ge­setzt wor­den ist). Da­mit entfällt je­doch auch für An­sprüche aus dem Beförde­rungs­ver­trag und für An­sprüche nach dem bis zum 30.6.2018 gel­ten­den Rei­se­recht, wie sie in den Streitfällen in Rede ste­hen, ein aus dem Sinn und Zweck der Aus­gleichs­leis­tung nach der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung ab­zu­lei­ten­des Hin­der­nis für eine An­rech­nung, wie es der BGH vor In­kraft­tre­ten der Pau­schal­rei­se­richt­li­nie für denk­bar ge­hal­ten hat.

Link­hin­weis:

  • Die Voll­texte der Ent­schei­dun­gen wer­den demnächst auf den Web­sei­ten des BGH veröff­ent­licht.
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