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Wettbewerb: EuGH präzisiert Bedingungen zum Missbrauch einer beherrschenden Stellung

EuGH 16.7.2015, C-170/13

Die Er­he­bung ei­ner Un­ter­las­sungs­klage durch den markt­be­herr­schen­den In­ha­ber ei­nes stan­dar­des­sen­zi­el­len Pa­tents ge­gen einen an­geb­li­chen Pa­tent­ver­let­zer kann u.U. einen Miss­brauch der markt­be­herr­schen­den Stel­lung dar­stel­len. Der Pa­tent­in­ha­ber muss, wenn er sich zu­vor ver­pflich­tet hat, Drit­ten Li­zen­zen zu fai­ren, zu­mut­ba­ren und dis­kri­mi­nie­rungs­freien Be­din­gun­gen zu er­tei­len, vor ei­ner sol­chen Klage auf Un­ter­las­sung der Be­einträch­ti­gung sei­nes Pa­tents oder Rück­ruf der Pro­dukte, für de­ren Her­stel­lung die­ses Pa­tent be­nutzt wurde, dem an­geb­li­chen Pa­tent­ver­let­zer eine kon­kre­tes Li­zenz­an­ge­bot un­ter­brei­ten.

Hin­ter­grund:
Nach dem Uni­ons­recht soll die Ausübung aus­schließli­cher Rechte, die mit einem Recht des geis­ti­gen Ei­gen­tums, wie etwa einem Pa­tent, ver­bun­den sind, gewähr­leis­tet wer­den, zu­gleich aber auch der freie Wett­be­werb er­hal­ten blei­ben. Zum Verhält­nis die­ser bei­den Ziele hat der EuGH be­reits aus­geführt, dass die Ausübung sol­cher aus­schließli­chen Rechte (wie des Rechts, eine Pa­tent­ver­let­zungs­klage zu er­he­ben) zu den Vor­rech­ten des In­ha­bers gehört, so dass sie als sol­che kei­nen Miss­brauch ei­ner be­herr­schen­den Stel­lung dar­stel­len kann, selbst wenn sie von einem Un­ter­neh­men in be­herr­schen­der Stel­lung aus­geht. Nur un­ter außer­gewöhn­li­chen Umständen kann die Ausübung des aus­schließli­chen Rechts ein missbräuch­li­ches Ver­hal­ten dar­stel­len.

Der Sach­ver­halt:
Hua­wei Tech­no­lo­gies ist ein welt­weit auf dem Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­sek­tor täti­ges Un­ter­neh­men und In­ha­ber ei­nes eu­ropäischen Pa­tents, das das Un­ter­neh­men beim Eu­ro­pean Te­lecom­mu­ni­ca­tion Stan­dards In­sti­tute (ETSI) als für den "Long Term Evo­lu­tion"-Stan­dard es­sen­zi­el­les Pa­tent an­ge­mel­det hatte. Da­bei ver­pflich­tete sich Hua­wei, Drit­ten Li­zen­zen zu FRAND-Be­din­gun­gen zu er­tei­len.

"Stan­dar­des­sen­zi­elle Pa­tente" (SEP) sind Pa­tente, de­ren Be­nut­zung für je­den Wett­be­wer­ber un­erläss­lich ist, der Pro­dukte her­zu­stel­len be­ab­sich­tigt, die dem Stan­dard, mit dem es ver­bun­den ist, ent­spre­chen (wo­bei der Stan­dard von ei­ner Stan­dar­di­sie­rungs­or­ga­ni­sa­tion nor­miert ist). Zum an­de­ren er­langt das Pa­tent den Sta­tus ei­nes SEP nur, weil sich sein In­ha­ber ge­genüber der be­tref­fen­den Stan­dar­di­sie­rungs­or­ga­ni­sa­tion un­wi­der­ruf­lich ver­pflich­tet, Drit­ten zu FRAND-Be­din­gun­gen (Fair, Re­ason­able and Non-Dis­cri­mi­natory), d.h. zu fai­ren, zu­mut­ba­ren und dis­kri­mi­nie­rungs­freien Be­din­gun­gen, Li­zen­zen zu er­tei­len. Also so wie im vor­lie­gen­den Fall.

Den­noch er­hob Hua­wei eine Pa­tent­ver­let­zungs­klage ge­gen zwei Ge­sell­schaf­ten der in­ter­na­tio­na­len ZTE-Gruppe. Diese Gruppe ver­treibt in Deutsch­land Pro­dukte, die nach dem Long Term Evo­lu­tion-Stan­dard ar­bei­ten, und be­nutzt so­mit das Pa­tent von Hua­wei, zahlt je­doch an die­ses Un­ter­neh­men keine Li­zenz­gebühren. Mit ih­rer Klage machte Hua­wei Un­ter­las­sung, Rück­ruf, Rech­nungs­le­gung und Scha­dens­er­satz gel­tend. Zu­vor hat­ten Hua­wei und ZTE Ge­spräche über die Pa­tent­ver­let­zung und die Möglich­keit ei­ner Li­zenz­er­tei­lung zu FRAND-Be­din­gun­gen geführt, wa­ren je­doch nicht zu ei­ner Ei­ni­gung ge­langt.

Das LG setzte dar­auf­hin das Ver­fah­ren aus und bat den EuGH darum, die Be­din­gun­gen zu präzi­sie­ren, un­ter de­nen ein Un­ter­neh­men in markt­be­herr­schen­der Stel­lung wie Hua­wei diese Stel­lung da­durch miss­braucht, dass es eine Pa­tent­ver­let­zungs­klage er­hebt. Der EuGH un­ter­schied in sei­nem Ur­teil zwi­schen Kla­gen auf Un­ter­las­sung oder Rück­ruf und Kla­gen auf Rech­nungs­le­gung und Scha­dens­er­satz.

Die Gründe:
Beim ers­ten Typ von Kla­gen ist da­von aus­zu­ge­hen, dass der In­ha­ber ei­nes für einen von ei­ner Stan­dar­di­sie­rungs­or­ga­ni­sa­tion nor­mier­ten Stan­dard es­sen­zi­el­len Pa­tents, der sich ge­genüber die­ser Or­ga­ni­sa­tion un­wi­der­ruf­lich ver­pflich­tet hat, je­dem Drit­ten Li­zen­zen zu FRAND-Be­din­gun­gen zu er­tei­len, seine markt­be­herr­schende Stel­lung nicht da­durch miss­braucht, dass er eine Pa­tent­ver­let­zungs­klage auf Un­ter­las­sung der Be­einträch­ti­gung sei­nes Pa­tents oder auf Rück­ruf der Pro­dukte, für de­ren Her­stel­lung diese Pa­tent be­nutzt wurde, er­hebt, wenn

  • er zum einen den an­geb­li­chen Ver­let­zer vor Er­he­bung der Klage auf die Pa­tent­ver­let­zung, die ihm vor­ge­wor­fen wird, hin­ge­wie­sen hat und da­bei das frag­li­che Pa­tent be­zeich­net und an­ge­ge­ben hat, auf wel­che Weise es ver­letzt wor­den sein soll, und zum an­de­ren dem Pa­tent­ver­let­zer, nach­dem die­ser sei­nen Wil­len zum Aus­druck ge­bracht hat, einen Li­zenz­ver­trag zu FRAND-Be­din­gun­gen zu schließen, ein kon­kre­tes schrift­li­ches Li­zenz­an­ge­bot zu die­sen Be­din­gun­gen un­ter­brei­tet und ins­be­son­dere die Li­zenz­gebühr so­wie die Art und Weise ih­rer Be­rech­nung an­ge­ge­ben hat und
  • die­ser Pa­tent­ver­let­zer, während er das be­tref­fende Pa­tent wei­ter be­nutzt, auf die­ses An­ge­bot nicht mit Sorg­falt, gemäß den in dem be­tref­fen­den Be­reich an­er­kann­ten ge­schäft­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten und nach Treu und Glau­ben rea­giert hat, was auf der Grund­lage ob­jek­ti­ver Ge­sichts­punkte zu be­stim­men ist und u.a. im­pli­ziert, dass keine Verzöge­rungs­tak­tik ver­folgt wird.

Der an­geb­li­che Pa­tent­ver­let­zer, der das An­ge­bot des SEP-In­ha­bers nicht an­ge­nom­men hat, kann sich auf den missbräuch­li­chen Cha­rak­ter ei­ner Un­ter­las­sungs- oder Rück­ruf­klage nur be­ru­fen, wenn er dem In­ha­ber des SEP in­ner­halb ei­ner kurzen Frist schrift­lich eine kon­kre­tes Ge­gen­an­ge­bot macht, das den FRAND-Be­din­gun­gen ent­spricht.

Beim zwei­ten Typ von Kla­gen ist da­von aus­zu­ge­hen, dass das Ver­bot, eine markt­be­herr­schende Stel­lung zu miss­brau­chen, ein Un­ter­neh­men in be­herr­schen­der Stel­lung, das In­ha­ber ei­nes für einen von ei­ner Stan­dar­di­sie­rungs­or­ga­ni­sa­tion nor­mier­ten Stan­dard es­sen­zi­el­len Pa­tents ist und sich ge­genüber der Stan­dar­di­sie­rungs­or­ga­ni­sa­tion ver­pflich­tet hat, Drit­ten zu FRAND-Be­din­gun­gen Li­zen­zen für die­ses Pa­tent zu er­tei­len, un­ter Umständen wie den vor­lie­gen­den nicht hin­dert, ge­gen den an­geb­li­chen Ver­let­zer sei­nes Pa­tents eine Ver­let­zungs­klage auf Rech­nungs­le­gung bezüglich der ver­gan­ge­nen Be­nut­zungs­hand­lun­gen in Be­zug auf das Pa­tent oder auf Scha­dens­er­satz we­gen die­ser Hand­lun­gen zu er­he­ben. Diese Kla­gen ha­ben nämlich keine un­mit­tel­ba­ren Aus­wir­kun­gen dar­auf, ob dem Stan­dard ent­spre­chende, von Wett­be­wer­bern her­ge­stellte Pro­dukte auf den Markt ge­lan­gen oder auf dem Markt blei­ben.

Link­hin­weis:

Für den auf den Web­sei­ten des EuGH veröff­ent­lich­ten Voll­text der Ent­schei­dung kli­cken Sie bitte hier.

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