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Steuerberatung

Umfang der Haftung der Organgesellschaft für Steuern des Organträgers

FG Düsseldorf 22.2.2018, 9 K 280/15 H(U)

Eine Or­gan­ge­sell­schaft haf­tet für sol­che Steu­ern des Or­ganträgers, für wel­che die Or­gan­schaft zwi­schen ih­nen steu­er­lich von Be­deu­tung ist. Die Haf­tung der im Or­gankreis un­ter­ge­ord­ne­ten Or­gan­ge­sell­schaft für Steu­er­schul­den des die Or­gan­ge­sell­schaft be­herr­schen­den Or­ganträgers soll die steu­er­li­chen Ri­si­ken aus­glei­chen, die mit der Ver­la­ge­rung der steu­er­li­chen Rechts­zuständig­keit auf den Or­ganträger ver­bun­den sind.

Der Sach­ver­halt:
er Kläger ist In­sol­venz­ver­wal­ter der A-GmbH i.L. (vor­mals A Ver­sand AG). Diese wird als Ge­samt­rechts­nach­fol­ge­rin der B-GmbH durch Haf­tungs­be­scheid vom 24.9.2010 gestützt auf §§ 191, 73 AO für Um­satz­steuer 2003 der C-AG i.L. (vor­mals D-AG), so­weit durch Leis­tungs­be­zie­hun­gen der B-GmbH ver­ur­sacht, i.H.v. 114 € in An­spruch ge­nom­men. Da­ge­gen rich­tete sich die Klage.

Die be­tei­lig­ten Ge­sell­schaf­ten gin­gen von ei­ner um­satz­steu­er­li­chen or­gan­schaft­li­chen Ver­bun­den­heit zwi­schen der D-AG (später: C-AG i.L) als Or­ganträge­rin, der D Ver­sand GmbH (später: E-GmbH) als Toch­ter­ge­sell­schaft und der A Ver­sand AG (später: A-GmbH i.L.) als En­kel­ge­sell­schaft so­wie der B-GmbH (Ur­en­kel­ge­sell­schaft) aus. In­fol­ge­des­sen wur­den die Umsätze der B-GmbH un­wi­der­spro­chen in den Um­satz­steu­er­erklärun­gen der D-AG er­fasst und die Jah­res­ab­schlüsse der Ge­sell­schaf­ten ent­spre­chend tes­tiert. Die A-GmbH i.L. wurde durch Ver­schmel­zung zum 1.1.2007 Ge­samt­rechts­nach­fol­ge­rin der B-GmbH (Ver­trag vom 21.8.2007).

Das Fi­nanz­amt war der An­sicht, dass auch die En­kel- bzw. Ur­en­kel­ge­sell­schaft in­ner­halb der um­satz­steu­er­li­chen Or­gan­schaft für die von der Mut­ter­ge­sell­schaft ge­schul­dete Um­satz­steuer (mit-) haf­tet, je­doch dem Um­fang nach be­grenzt auf die durch die Or­gan­ge­sell­schaft nach­weis­lich höchs­tens ver­an­lasste Steuer. In­fol­ge­des­sen hafte die A-GmbH i.L. als Rechts­nach­fol­ge­rin der B-GmbH für die durch die B-GmbH ver­ur­sachte Um­satz­steuer. Der Haf­tungs­be­trag re­sul­tiert aus der Dif­fe­renz zwi­schen bei der B-GmbH ver­buch­ter und in­so­weit an­ge­mel­de­ter Vor­steuer.

Das FG wies die hier­ge­gen ge­rich­tete Klage ab. Al­ler­dings wurde we­gen grundsätz­li­cher Be­deu­tung der Rechts­sa­che die Re­vi­sion zum BFH zu­ge­las­sen.

Die Gründe:
Das Fi­nanz­amt hat so­wohl dem Grunde als auch der Höhe nach zu Recht an­ge­nom­men, dass der Haf­tungs­tat­be­stand erfüllt ist.

Nach § 73 S. 1 AO haf­tet eine Or­gan­ge­sell­schaft für sol­che Steu­ern des Or­ganträgers, für wel­che die Or­gan­schaft zwi­schen ih­nen steu­er­lich von Be­deu­tung ist. Diese Vor­aus­set­zun­gen sind im Fall des Klägers erfüllt. Denn die Haf­tung der im Or­gankreis un­ter­ge­ord­ne­ten Or­gan­ge­sell­schaft für Steu­er­schul­den des die Or­gan­ge­sell­schaft be­herr­schen­den Or­ganträgers soll die steu­er­li­chen Ri­si­ken aus­glei­chen, die mit der Ver­la­ge­rung der steu­er­li­chen Rechts­zuständig­keit auf den Or­ganträger ver­bun­den sind. Durch den haf­tungs­recht­li­chen Zu­griff auf das Vermögen der Or­gan­ge­sell­schaft sol­len bei Zah­lungs­unfähig­keit des Or­ganträgers Steu­er­ausfälle ver­mie­den wer­den, die in­folge von Vermögens­ver­la­ge­run­gen in­ner­halb des Or­gankrei­ses ent­ste­hen könn­ten. In­so­weit wurde in der Begründung des Ge­setz­ent­wurfs zur AO 1977 aus­geführt, die Haf­tungs­vor­schrift finde ihre Recht­fer­ti­gung darin, "dass bei steu­er­li­cher An­er­ken­nung ei­ner Or­gan­schaft die vom Or­ganträger zu zah­lende Steuer auch die Beträge um­fasst, die ohne diese Or­gan­schaft von der Or­gan­ge­sell­schaft ge­schul­det wor­den wären".

Im Übri­gen heißt es, man habe sich der öster­rei­chi­schen Re­ge­lung, wo­nach die Haf­tung auf sol­che Steu­ern be­schränkt wird, die auf den Be­trieb des be­herrsch­ten Un­ter­neh­mens ent­fal­len, nicht an­ge­schlos­sen. In die­sem Zu­sam­men­hang wird auf die Not­wen­dig­keit ei­ner prak­ti­ka­blen Re­ge­lung ver­wie­sen; darüber hin­aus könne es "durch­aus als sach­ge­recht an­ge­se­hen wer­den, den Or­gankreis als ein­heit­li­ches Gan­zes zu be­trach­ten". Dem ent­spricht auch die In­an­spruch­nahme der B-GmbH und ih­rer Rechts­nach­fol­ge­rin in dem durch den Be­klag­ten be­stimm­ten Um­fang. An­ders als bei der körper­schafts­steu­er­li­chen Or­gan­schaft spricht auch der Wort­laut des § 73 S. 1 AO nicht ge­gen eine In­an­spruch­nahme im Rah­men ei­ner um­satz­steu­er­li­chen Or­gan­schaft.

Dem­ge­genüber wird ein körper­schaft­steu­er­li­ches Or­gan­schafts­verhält­nis (§ 14 Abs. 1 S. 1 u. Nr. 3 KStG) im­mer nur zwi­schen zwei Körper­schaft­steu­er­sub­jek­ten ge­bil­det. In einem Mut­ter-Toch­ter-En­kel usw. Verhält­nis lie­gen da­her aus körper­schaft­steu­er­li­cher Sicht ge­nau ge­nom­men meh­rere Or­gan­schafts­verhält­nisse vor. Das in­di­vi­du­ell zu er­mit­telnde steu­er­li­che Er­geb­nis ei­ner Or­gan­ge­sell­schaft ("Ein­kom­men der Or­gan­ge­sell­schaft") wird für er­trag­steu­er­li­che Zwecke der je­wei­li­gen un­mit­tel­ba­ren Ober­ge­sell­schaft zu­ge­rech­net (kon­so­li­diert), ohne dass sie ihre Selbständig­keit ver­liert. Die Rechts­folge ist dar­auf be­schränkt, dass das Ein­kom­men der Or­gan­ge­sell­schaft dem Or­ganträger "zu­zu­rech­nen" ist.

Die­ser Un­ter­schied recht­fer­tigt es, die Or­gan­ge­sell­schaft für die durch sie ver­ur­sach­ten Um­satz­steu­er­schul­den gem. § 73 AO in An­spruch zu neh­men. In­so­fern erfährt die In­an­spruch­nahme be­reits auf der Tat­be­stands­ebene eine Ein­schränkung des Haf­tungs­um­fangs auf die Steu­er­schul­den, "so­weit" die Or­gan­schaft zwi­schen ih­nen von steu­er­li­cher Be­deu­tung ist. An­ders als der BFH zur Haf­tung der körper­schaft­steu­er­li­chen Or­gan­schaft ent­schie­den hat (31.5.2017, Az.: I R 54/15,), ist die um­satz­steu­er­li­che Or­gan­schaft zwi­schen al­len an der Or­gan­schaft be­tei­lig­ten Ge­sell­schaf­ten von un­mit­tel­ba­rer steu­er­li­cher Be­deu­tung, weil diese wie ein ein­heit­li­ches Un­ter­neh­men be­han­delt wer­den.

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