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Kindergeld: Ausbildungseinheit bei Weiterbildung zum Industriemeister?

Niedersächsisches FG 13.11.2017, 2 K 155/17

Die Aus­bil­dung zum Elek­tro­ni­ker und eine neun Mo­nate nach de­ren Ab­schluss be­gon­nene Wei­ter­bil­dung zum In­dus­trie­meis­ter Elek­tro­tech­nik stel­len nicht not­wen­dig eine Aus­bil­dungs­ein­heit dar. Das gilt je­den­falls dann, wenn der zweite Aus­bil­dungs­ab­schnitt eine be­rufs­prak­ti­sche Er­fah­rung nach Ab­schluss der ers­ten Aus­bil­dung vor­aus­setzt, die Klam­mer zwi­schen den bei­den Aus­bil­dungs­ab­schnit­ten nicht durch den An­bie­ter des Aus­bil­dungs­gan­ges, son­dern durch das Kind selbst ge­setzt wird, und es auf­grund ob­jek­ti­ver Be­weis­an­zei­chen nicht er­kenn­bar ist, dass das in der Zwi­schen­zeit voll er­werbstätige Kind die für sein an­ge­streb­tes Be­rufs­ziel er­for­der­li­che Aus­bil­dung nicht be­reits mit dem ers­ten er­lang­ten Ab­schluss be­en­det hat.

Der Sach­ver­halt:
Die Be­tei­lig­ten strei­ten darüber, ob der Kläge­rin ab De­zem­ber 2016 Kin­der­geld für ih­ren Sohn A (ge­bo­ren 1993) zu gewähren ist. A be­stand im Fe­bruar 2016 in B die Prüfung im Aus­bil­dungs­be­ruf "Elek­tro­ni­ker". Ab Ende Fe­bruar 2016 wurde er von sei­nem Aus­bil­dungs­be­trieb in B als Ar­beit­neh­mer über­nom­men mit ei­ner ver­ein­bar­ten wöchent­li­chen Ar­beits­zeit von 38 Stun­den. Seit De­zem­ber 2016 be­sucht A den Abend­lehr­gang "In­dus­trie­meis­ter Elek­tro­tech­nik IHK" der Y in de­ren Bil­dungs­zen­trum in B. Der Lehr­gang wird bis No­vem­ber 2018 an­dau­ern. Im Fe­bruar 2016 hob die Fa­mi­li­en­kasse die Fest­set­zung des Kin­der­gel­des für A ab dem Mo­nat März 2016 auf und begründete dies mit dem Ende sei­ner Be­rufs­aus­bil­dung im Mo­nat Fe­bruar 2016. Ein Kin­der­geld­an­spruch be­stehe bis zum Ende der ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Aus­bil­dungs­zeit.

Die Kläge­rin stellte im Fe­bruar 2017 bei der Fa­mi­li­en­kasse einen An­trag auf Kin­der­geld für A ab De­zem­ber 2016. Die Kläge­rin führt aus, A habe das an­ge­strebte Be­rufs­ziel mit der Aus­bil­dung zum Elek­tro­ni­ker in der Fach­rich­tung En­er­gie- und Gebäude­tech­nik noch nicht er­reicht. Er habe die Ge­sel­lenprüfung im Fe­bruar 2016 ab­ge­legt, um im An­schluss hieran den Meis­ter­kurs "In­dus­trie­meis­ter Elek­tro­tech­nik" zu be­le­gen. Der Meis­ter­kurs ab De­zem­ber 2016 sei der er­ste an­ge­bo­tene Kurs die­ser Fach­rich­tung nach Ab­le­gung der Ge­sel­lenprüfung. Da­mit sei ein en­ger sach­li­cher und zeit­li­cher Zu­sam­men­hang im Sinne ei­ner mehr­ak­ti­gen Be­rufs­aus­bil­dung ge­ge­ben. A be­finde sich da­mit im­mer noch in der Erst­aus­bil­dung, so dass die Ar­beits­zeit von über 20 Stun­den un­schädlich für den Kin­der­geld­an­spruch sei.

Laut Ver­merk des Sach­be­ar­bei­ters der Fa­mi­li­en­kasse habe ein Te­le­fo­nat mit Y er­ge­ben, dass der von A be­suchte Abend­kurs nur an zwei Aben­den pro Wo­che statt­finde. Le­dig­lich eine Wo­che vor der Prüfung werde in Voll­zeit un­ter­rich­tet. Mit dem Kurs habe be­reits am im Sep­tem­ber 2016 in B be­gon­nen wer­den können. Dar­auf­hin lehnte die Fa­mi­li­en­kasse den An­trag der Kläge­rin auf Kin­der­geld ab dem Mo­nat De­zem­ber 2016 ab mit der Begründung, die Fort­bil­dung ab De­zem­ber 2016 sei keine Aus­bil­dung im Sinne des EStG.

Das FG wies die Klage ab.

Die Gründe:
Die Kläge­rin hat für den Zeit­raum ab De­zem­ber 2016 kei­nen Kin­der­geld­an­spruch.

Die Berück­sich­ti­gung des Soh­nes der Kläge­rin ist ab März 2016 aus­ge­schlos­sen, weil A eine erst­ma­lige Be­rufs­aus­bil­dung ab­ge­schlos­sen hatte und während sei­ner nach­fol­gen­den (Zweit-)Aus­bil­dung mehr als 20 Stun­den in der Wo­che ar­bei­tete (§ 32 Abs. 4 S. 2 EStG). Für die Frage, ob be­reits der er­ste (ob­jek­tiv) be­rufs­qua­li­fi­zie­rende Ab­schluss in einem öff­ent­lich-recht­lich ge­ord­ne­ten Aus­bil­dungs­gang zum Ver­brauch der Erst­aus­bil­dung führt oder ob bei ei­ner mehr­ak­ti­gen Aus­bil­dung auch ein nach­fol­gen­der Ab­schluss in einem öff­ent­lich-recht­lich ge­ord­ne­ten Aus­bil­dungs­gang Teil der Erst­aus­bil­dung sein kann, ist nach nun­mehr ständi­ger Recht­spre­chung dar­auf ab­zu­stel­len, ob sich der er­ste Ab­schluss als in­te­gra­ti­ver Be­stand­teil ei­nes ein­heit­li­chen Aus­bil­dungs­gangs dar­stellt.

In­so­weit kommt es vor al­lem dar­auf an, ob die Aus­bil­dungs­ab­schnitte in einem en­gen sach­li­chen Zu­sam­men­hang (z.B. die­selbe Be­rufs­sparte, der­selbe fach­li­che Be­reich) zu­ein­an­der­ste­hen und in en­gem zeit­li­chem Zu­sam­men­hang durch­geführt wer­den. Hierfür ist auch er­for­der­lich, dass auf­grund ob­jek­ti­ver Be­weis­an­zei­chen er­kenn­bar wird, dass das Kind die für sein an­ge­streb­tes Be­rufs­ziel er­for­der­li­che Aus­bil­dung nicht be­reits mit dem ers­ten er­lang­ten Ab­schluss be­en­det hat. Nach die­sen Grundsätzen ist im Er­geb­nis eine ein­heit­li­che Aus­bil­dung zu ver­nei­nen und da­mit der Lehr­gang an der Y ab De­zem­ber 2016 nicht mehr als Erst­aus­bil­dung i.S.d. § 32 Abs. 4 S. 2 EStG an­zu­se­hen.

Zwar ist der von A ver­folgte Ab­schluss als In­dus­trie­meis­ter als fach­li­che Ergänzung oder Ver­tie­fung sei­ner Aus­bil­dung als Elek­tro­ni­ker an­zu­se­hen. Es han­delt sich um die­selbe Be­rufs­sparte und den­sel­ben fach­li­chen Be­reich: Die im Fe­bruar 2016 er­folg­reich ab­ge­schlos­sene Aus­bil­dung zum Elek­tro­ni­ker und die Teil­nahme an dem am im De­zem­ber 2016 be­gin­nen­den, be­rufs­be­glei­ten­den Haupt­un­ter­richt an der Y zum Er­werb des Ab­schlus­ses In­dus­trie­meis­ter stel­len vor­lie­gend je­doch nicht not­wen­dig eine Aus­bil­dungs­ein­heit dar.

Das gilt des­halb, weil der zweite Aus­bil­dungs­ab­schnitt eine be­rufs­prak­ti­sche Er­fah­rung nach Ab­schluss der ers­ten Aus­bil­dung vor­aus­setzt, die Klam­mer zwi­schen den bei­den Aus­bil­dungs­ab­schnit­ten nicht durch den An­bie­ter des Aus­bil­dungs­gan­ges, son­dern durch A selbst ge­setzt wurde, und es auf­grund ob­jek­ti­ver Be­weis­an­zei­chen nicht er­kenn­bar ist, dass das in der Zwi­schen­zeit voll er­werbstätige Kind die für sein an­ge­streb­tes Be­rufs­ziel er­for­der­li­che Aus­bil­dung nicht be­reits mit dem ers­ten er­lang­ten Ab­schluss be­en­det hat.

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