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Internetseiten von Tageszeitungen keine audiovisuellen Mediendienste i.S.d. Unionsrechts

EuGH, C-347/14 u.a.: Schlussanträge des Generalanwalts vom 1.7.2015

Nach An­sicht des Ge­ne­ral­an­walts Maciej Sz­punar ist eine In­ter­net­seite ei­ner Ta­ges­zei­tung, die au­dio­vi­su­el­les Ma­te­rial enthält, kein au­dio­vi­su­el­ler Me­di­en­dienst i.S.d. Uni­ons­rechts. Mögli­che Schwie­rig­kei­ten, die da­durch ent­ste­hen, dass die na­tio­na­len Re­gu­lie­rungs­behörden den Cha­rak­ter der auf dem Markt vor­han­de­nen Dienste prüfen müssen, recht­fer­ti­gen es nicht, die Richt­li­nie über au­dio­vi­su­elle Me­di­en­dienste auf prak­ti­sch alle au­dio­vi­su­el­len In­halte im In­ter­net an­zu­wen­den.

Hin­ter­grund:
Die Richt­li­nie 2010/131 legt ins­be­son­dere fest, dass ein au­dio­vi­su­el­ler Me­di­en­dienst eine Dienst­leis­tung ist, für die ein Me­di­en­diens­te­an­bie­ter die re­dak­tio­nelle Ver­ant­wor­tung trägt und de­ren Haupt­zweck die Be­reit­stel­lung von Sen­dun­gen zur In­for­ma­tion, Un­ter­hal­tung oder Bil­dung der all­ge­mei­nen Öff­ent­lich­keit über elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netze ist. Bei die­sen au­dio­vi­su­el­len Me­di­en­diens­ten han­delt es sich ent­we­der um Fern­seh­pro­gramme oder um nicht­li­neare au­dio­vi­su­elle Me­di­en­dienste (Dienste auf Ab­ruf).

Der Sach­ver­halt:
Die New Me­dia On­line GmbH, eine Ge­sell­schaft öster­rei­chi­schen Rechts, be­treibt die als "Ti­ro­ler Ta­ges­zei­tung On­line" be­zeich­nete In­ter­net­seite der Ti­ro­ler Ta­ges­zei­tung. Ne­ben an­de­ren In­hal­ten fin­det sich auf die­ser Seite ein be­son­de­rer Link mit der Be­zeich­nung "Vi­deo", der zu einem Ka­ta­log führt, der zum Zeit­punkt des dem Rechts­streit zu­grunde lie­gen­den Sach­ver­halts etwa 300 Vi­deos ent­hielt. Diese Vi­deos, von ei­ni­gen Se­kun­den bis zu ein paar Mi­nu­ten lang, stan­den mehr oder we­ni­ger im the­ma­ti­schen Be­zug zu dem übri­gen In­halt der In­ter­net­seite und stamm­ten aus ver­schie­de­nen Quel­len (Ei­gen­ma­te­rial, Sen­dun­gen des lo­ka­len Fern­se­hens, von den Nut­zern der In­ter­net­seite ein­ge­sandte Vi­deos usw.).

2012 stellte die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­behörde Aus­tria fest, dass es sich bei dem "Vi­deo"-Link auf der In­ter­net­seite "Ti­ro­ler Ta­ges­zei­tung On­line" um einen au­dio­vi­su­el­len Me­di­en­dienst auf Ab­ruf han­dele, der an­zei­ge­pflich­tig sei. New Me­dia On­line legte ge­gen diese Fest­stel­lung Be­ru­fung ein. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof, bei dem die Be­schwerde ge­gen die die Be­ru­fung ab­wei­sende Ent­schei­dung anhängig ist, hat den EuGH er­sucht, im Wege der Vor­ab­ent­schei­dung die Frage zu be­ant­wor­ten, wel­che Kri­te­rien die Ein­stu­fung ei­ner Dienst­leis­tung als au­dio­vi­su­el­len Me­di­en­dienst im Sinne der Richt­li­nie 2010/13 er­lau­ben.

Zu den Schlus­santrägen des Ge­ne­ral­an­walts:
Der Haupt­zweck ei­nes au­dio­vi­su­el­len Me­di­en­diens­tes be­steht in der Be­reit­stel­lung von Sen­dun­gen, also Ele­men­ten ei­nes tra­di­tio­nel­len Fern­seh­pro­gramms. Im Fall ei­nes nicht­li­nea­ren Diens­tes wer­den diese Sen­dun­gen nicht zu ei­ner be­stimm­ten Zeit be­reit­ge­stellt wer­den, son­dern auf Ab­ruf des Nut­zers. Zu­dem hat der Uni­ons­ge­setz­ge­ber in den "Erwägungsgründen der Richt­li­nie deut­lich - ob­wohl auf eine im Hin­blick auf den ge­genwärti­gen Ent­wick­lungs­grad der In­ter­net­tech­no­lo­gie nicht zeit­gemäße Weise - dar­auf hin­ge­wie­sen, dass er nicht be­ab­sich­tigt, In­for­ma­ti­ons­por­tale im In­ter­net dem An­wen­dungs­be­reich der Richt­li­nie zu un­ter­wer­fen.

Ein In­ter­net­por­tal wie das der "Ti­ro­ler Ta­ges­zei­tung On­line" erfüllt in­so­weit nicht die Kri­te­rien, da­mit es als ein au­dio­vi­su­el­ler Me­di­en­dienst im Sinne der Richt­li­nie an­ge­se­hen wer­den kann. Das Auf­kom­men von mul­ti­me­dia­len In­ter­net­por­ta­len, die ne­ben schrift­li­chen und fo­to­gra­fi­schen In­hal­ten auch Au­dio- und au­dio­vi­su­el­les Ma­te­rial ent­hal­ten, ist keine Folge der tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung des Fern­se­hens, son­dern eine ganz neue Er­schei­nung, die vor al­lem mit der Erhöhung der Band­breite der Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­netze zu­sam­menhängt. Der mul­ti­me­diale Cha­rak­ter von der­ar­ti­gen Por­ta­len er­laubt es nicht, die dort be­reit­ge­stell­ten au­dio­vi­su­el­len In­halte zu prüfen, ohne den Rest des Por­tals zu berück­sich­ti­gen, und zwar auch dann nicht, wenn die­sem au­dio­vi­su­el­len Ma­te­rial ein ge­trenn­ter Be­reich im Rah­men des Por­tals zu­ge­wie­sen wurde. Ge­rade die Ver­bin­dung ver­schie­de­ner For­men der Über­tra­gung - Wort, Bild und Ton - ist für die mul­ti­me­dia­len Dienste we­sent­lich.

Ein sol­ches mul­ti­me­dia­les In­ter­net­por­tal ent­spricht ge­genwärtig dem, was der Ge­setz­ge­ber noch während der Ar­bei­ten an der Richt­li­nie über die au­dio­vi­su­el­len Me­di­en­dienste als "elek­tro­ni­sche Aus­ga­ben von Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten" be­zeich­nen konnte. We­der die In­ter­net­seite ei­ner Ta­ges­zei­tung, die au­dio­vi­su­el­les Ma­te­rial enthält, noch ir­gend­ein Teil­be­reich die­ser In­ter­net­seite ist in­so­fern als ein au­dio­vi­su­el­ler Me­di­en­dienst im Sinne die­ser Richt­li­nie an­zu­se­hen. Die Befürch­tun­gen, nach de­nen diese Aus­le­gung der Richt­li­nie Wirt­schafts­teil­neh­mern, die tatsäch­lich au­dio­vi­su­elle Me­di­en­dienste an­bie­ten, er­lau­ben wird, sich als In­for­ma­ti­ons­por­tale aus­zu­ge­ben und da­durch die für die­sen Be­reich gel­ten­den Ge­setze zu um­ge­hen, über­zeugt nicht.

Der Um­stand, dass es in der Theo­rie Schwie­rig­kei­ten be­rei­tet, den au­dio­vi­su­el­len Me­di­en­dienst ab­strakt zu de­fi­nie­ren, be­deu­tet nicht, dass er auch in der Pra­xis schwer zu iden­ti­fi­zie­ren ist. Der größte Teil der Dienste die­ser Art be­ruht nämlich dar­auf, dass auf In­ter­net­sei­ten Lang­spiel­filme, Fern­seh­se­rien, Sportüber­tra­gun­gen usw. an­ge­bo­ten wer­den. Es han­delt sich also um For­men von Sen­dun­gen, die leicht als ty­pi­sche Fern­seh­sen­dun­gen ein­ge­stuft wer­den können. Tau­chen je­doch Zwei­fel auf, ist im Ein­klang mit dem Ziel der Richt­li­nie über die au­dio­vi­su­el­len Me­di­en­dienste in der Weise zu ent­schei­den, dass sie auf mul­ti­me­diale In­ter­net­sei­ten keine An­wen­dung fin­det.

Als au­dio­vi­su­elle Me­di­en­dienste dürfen da­her nur die­je­ni­gen In­ter­net­sei­ten an­ge­se­hen wer­den, die zwei­fels­frei alle Kri­te­rien die­ses Diens­tes erfüllen. Das be­deu­tet al­ler­dings nicht, dass In­ter­ne­tin­halte, auch au­dio­vi­su­el­ler Art, nicht recht­lich ge­re­gelt wer­den können oder dürfen, ins­be­son­dere durch Vor­schrif­ten des Uni­ons­rechts, die sol­che Be­rei­che wie den Schutz von Min­derjähri­gen und der öff­ent­li­chen Ord­nung, die Wer­bung oder die Grundsätze der Über­tra­gung wich­ti­ger Er­eig­nisse be­tref­fen. Diese Vor­schrif­ten müssen aber an die Be­son­der­hei­ten des In­ter­nets, ins­be­son­dere sei­nen mul­ti­me­dia­len Cha­rak­ter, an­ge­passt wer­den.

Link­hin­weis:

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