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FG Münster: Wahl der Lohnsteuerklassen für eingetragene Lebenspartner vorläufig zulässig

FG Münster 16.1.2012, 6 V 4218/11 E

Es ist ernst­lich zwei­fel­haft, ob der Aus­schluss von Per­so­nen, die in ein­ge­tra­ge­ner Le­bens­part­ner­schaft zu­sam­men le­ben, von der Zu­sam­men­ver­an­la­gung bzw. von der Steu­er­klas­sen­kom­bi­na­tion III und V mit dem Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG ver­ein­bar ist. Nach der zum ErbStG er­gan­ge­nen Ent­schei­dung des BVerfG vom 21.7.2010 (1 BvR 611/07, 1 BvR 2464/07) ist bei ei­ner mit der se­xu­el­len Ori­en­tie­rung zu­sam­menhängen­den Dif­fe­ren­zie­rung eine strenge Gleich­heitsprüfung vor­zu­neh­men.

Der Sach­ver­halt:
Die An­trag­stel­ler, Part­ner ei­ner ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­ner­schaft, be­an­trag­ten beim Fi­nanz­amt einen Wech­sel von ih­rer bis­he­ri­gen Lohn­steu­er­klasse I in die für sie güns­ti­gere Steu­er­klas­sen­kom­bi­na­tion III und V. Das Fi­nanz­amt lehnte den An­trag mit der Begründung ab, dass die Kom­bi­na­tion der Steu­er­klas­sen III und V gem. § 38b EStG ver­hei­ra­te­ten un­be­schränkt steu­er­pflich­ti­gen Per­so­nen vor­be­hal­ten sei. Da­bei könne eine Ehe nur zwi­schen Per­so­nen un­ter­schied­li­chen Ge­schlechts ein­ge­gan­gen wer­den. Le­bens­part­nern i.S.d. Le­bens­part­ner­schafts­ge­set­zes stehe ein Wech­sel in die Steu­er­klas­sen III und V nicht of­fen.

Im Rah­men des Ein­spruchs­ver­fah­rens ge­gen den Ab­leh­nungs­be­scheid be­an­trag­ten die An­trag­stel­ler - ver­geb­lich - die Aus­set­zung der Voll­zie­hung bei Ge­richt und mach­ten die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der vom Fi­nanz­amt an­geführ­ten Norm gel­tend. § 38b EStG sei im Hin­blick auf den Fa­mi­li­en­stand der Le­bens­part­ner­schaft lücken­haft, weil dort der Fa­mi­li­en­stand "ver­part­nert" nicht ge­re­gelt sei. Die vor­han­dene Lücke müsse ver­fas­sungs­kon­form da­hin­ge­hend ge­schlos­sen wer­den, dass die für ver­hei­ra­tete gel­ten­den Re­ge­lun­gen An­wen­dung fänden, weil die Le­bens­part­ner­schaft in ein­kom­men­steu­er­recht­li­cher Hin­sicht ei­ner Ehe ent­spre­che.

Das FG gab dem An­trag statt. Die Be­schwerde zum BFH wurde zu­ge­las­sen.

Die Gründe:
Nach der ge­bo­te­nen sum­ma­ri­schen Prüfung be­ste­hen ernst­li­che Zwei­fel an der Rechtmäßig­keit der Ab­leh­nung der Ände­rung der Steu­er­klas­sen.

Of­fen blei­ben kann, ob § 38b EStG in Be­zug auf ver­part­nerte Steu­er­pflich­tige plan­wid­rig lücken­haft ist; auch wenn ei­ni­ges dafür spricht, dass keine plan­wid­rige Lücke be­steht, son­dern der Ge­setz­ge­ber diese Lücke be­wusst in Kauf ge­nom­men hat. Denn es be­steht zu­min­dest die Möglich­keit, dass § 38b EStG we­gen der Un­gleich­be­hand­lung von ver­hei­ra­te­ten und ver­part­ner­ten Steu­er­pflich­ti­gen ge­gen Art. 3 Abs. 1 GG verstößt.

Nach der zum ErbStG er­gan­ge­nen Ent­schei­dung des BVerfG vom 21.7.2010 (1 BvR 611/07, 1 BvR 2464/07) ist bei ei­ner mit der se­xu­el­len Ori­en­tie­rung zu­sam­menhängen­den Dif­fe­ren­zie­rung eine strenge Gleich­heitsprüfung vor­zu­neh­men. Auch der be­son­dere Schutz von Ehe und Fa­mi­lie (Art. 6 Abs. 1 GG) recht­fer­tigt eine Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Ehe und ein­ge­tra­ge­ner Le­bens­part­ner­schaft im Hin­blick auf steu­er­recht­li­che Vor­schrif­ten nicht. Der Ver­sor­gungs­cha­rak­ter bei­der Le­bens­for­men er­for­dert viel­mehr eine Gleich­be­hand­lung.

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