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EuGH-Vorlage zur Umsatzsteuerbefreiung für Blutplasma

FG Münster 18.4.2016, 5 K 572/13 U

Das FG Müns­ter hat dem EuGH die Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt, ob auch die Lie­fe­rung von aus mensch­li­chem Blut ge­won­ne­nem Blut­plasma um­satz­steu­er­frei ist. Für den Fall der Be­ja­hung die­ser Frage möchte das FG zu­dem wis­sen, ob dies auch für Blut­plasma gilt, dass nicht un­mit­tel­bar für the­ra­peu­ti­sche Zwecke, son­dern aus­schließlich zur Her­stel­lung von Arz­nei­mit­teln be­stimmt ist.

Der Sach­ver­halt:
Die Kläge­rin be­treibt meh­rere Blut­spen­de­zen­tren. Nach Auf­tei­lung des ge­spen­de­ten Blu­tes in seine ein­zel­nen Kom­po­nen­ten wurde das Blut­plasma zu etwa 10 Pro­zent un­mit­tel­bar im Rah­men von Heil­be­hand­lun­gen und zu ca. 90 Pro­zent als Aus­gangs­stoff für die Her­stel­lung von Arz­nei­mit­teln ver­wen­det.

Für den letzt­ge­nann­ten Zweck lie­ferte die Kläge­rin Plasma an Arz­nei­mit­tel­her­stel­ler in Ita­lien, Öster­reich und der Schweiz. Sie machte den mit die­sen Lie­fe­run­gen im Zu­sam­men­hang ste­hen­den Vor­steu­er­ab­zug gel­tend, weil sie die Umsätze als steu­er­freie in­ner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­run­gen bzw. Aus­fuhr­lie­fe­run­gen be­han­delte. Das Fi­nanz­amt ver­sagte hin­ge­gen den Vor­steu­er­ab­zug, da die Aus­gangs­umsätze be­reits als Lie­fe­run­gen von mensch­li­chem Blut gem. § 4 Nr. 17 Buchst. a UStG steu­er­frei seien, was einen Vor­steu­er­ab­zug aus­schließe.

Das FG setzte das Ver­fah­ren aus und legte dem EuGH fol­gende Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor:

  1. Ist Art. 132 Abs. 1 Buchst. d der MwSt­Sys­tRL da­hin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass die Lie­fe­rung von mensch­li­chem Blut auch die Lie­fe­rung von aus mensch­li­chem Blut ge­won­ne­nem Blut­plasma um­fasst?
  2. Falls die Frage zu 1 be­jaht wird: Gilt dies auch für Blut­plasma, dass nicht un­mit­tel­bar für the­ra­peu­ti­sche Zwecke, son­dern aus­schließlich zur Her­stel­lung von Arz­nei­mit­teln be­stimmt ist?
  3. Falls die Frage zu 2 ver­neint wird: Kommt es für die Ein­ord­nung als Blut al­lein auf die ge­trof­fene Zweck­be­stim­mung oder auch auf die ab­strakt be­ste­hende Ver­wen­dungsmöglich­keit des Blut­plas­mas an?
  4. Falls die Fra­gen zu 1 und 2 be­jaht wer­den: Führt ein Um­satz, der nach Art. 132 Abs. 1 Buchst. d der MwSt­Sys­tRL in­ner­halb ei­nes Mit­glied­staats von der Mehr­wert­steuer be­freit ist, un­ge­ach­tet der im Dritt­land an­wend­ba­ren Mehr­wert­steu­er­re­ge­lung, zum Aus­schluss des Vor­steu­er­ab­zugs nach Art. 168 MwSt­Sys­tRL, selbst wenn es sich um eine Aus­fuhr­lie­fe­rung han­delt, für die nach Art. 169 Buchst. b MwSt­Sys­tRL i.V.m. Art. 146 Abs. 1 MwSt­Sys­tRL der Vor­steu­er­ab­zug eröff­net ist?

Das Ver­fah­ren ist beim EuGH un­ter dem Az. C-238/16 anhängig.

Die Gründe:
Sollte der EuGH ent­schei­den, dass die Lie­fe­rung von Blut­plasma un­abhängig von de­ren Ver­wen­dungs­zweck eine Lie­fe­rung von Blut i.S.d. Art 132 Abs. 1 Buchst. d MwSt­Sys­tRL dar­stellt und zu­dem hin­sicht­lich des Vor­steu­er­ab­zugs die Vor­schrift des Art. 132 Abs. 1 Buchst. d MwSt­Sys­tRL der all­ge­mei­nen Steu­er­be­frei­ung nicht nur für in­ner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­run­gen, son­dern auch für Aus­fuhr­lie­fe­run­gen vor­ge­hen würde, wäre der von der Kläge­rin be­gehrte Vor­steu­er­ab­zug zu ver­sa­gen. Sollte der EuGH da­ge­gen zu der Über­zeu­gung ge­lan­gen, die im Streit­fall von der Kläge­rin durch­geführ­ten Plas­ma­lie­fe­run­gen seien nicht als "Lie­fe­rung von Blut" steu­er­be­freit, so stünde der Kläge­rin für ihre in­ner­ge­mein­schaft­li­chen Lie­fe­run­gen und Aus­fuhr­lie­fe­run­gen von Frak­tio­nie­rungs­plasma der Vor­steu­er­ab­zug zu.

Für den Fall, dass der EuGH die ers­ten bei­den Vor­la­ge­fra­gen be­jaht und ent­schei­det, dass die Lie­fe­rung von zur Her­stel­lung von Arz­nei­mit­teln be­stimm­tem Blut­plasma un­ter die Steu­er­be­frei­ung des Art 132 Abs. 1 Buch­stabe d MwSt­Sys­tRL fällt, stellt sich die Frage, ob der Kläge­rin im Zu­sam­men­hang mit ih­ren Aus­fuhr­lie­fe­run­gen von Blut­plasma in die Schweiz (Dritt­land) der Vor­steu­er­ab­zug zu ver­sa­gen ist. Hin­sicht­lich der 4. Vor­la­ge­frage geht das FG un­ter An­wen­dung der vom EuGH in sei­ner Ent­schei­dung "Eu­ro­den­tal" auf­ge­stell­ten Grundsätze und im Ein­klang mit der Recht­spre­chung des BFH da­von aus, dass die spe­zi­elle Be­frei­ungs­vor­schrift des Art. 132 Abs. 1 Buchst. d MwSt­Sys­tRL (wort­gleich § 4 Nr. 17 Buchst. a UStG) der all­ge­mei­nen Steu­er­be­frei­ung für in­ner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­run­gen vor­geht mit der Folge, dass die im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren in Rede ste­hen­den Blut­plas­ma­lie­fe­run­gen, wenn sie im In­land ei­nes Mit­glieds­staa­tes aus­geführt wer­den oder in­ner­ge­mein­schaft­li­chen Cha­rak­ter ha­ben, nicht zu einem Vor­steu­er­ab­zug führen.

Der BFH hat in sei­ner Ent­schei­dung vom 22.8.2013 (V R 30/12) aber ausdrück­lich of­fen­ge­las­sen, ob die Grundsätze des EuGH-Ur­teils Eu­ro­den­tal auch auf Aus­fuhr­lie­fe­run­gen über­tra­gen wer­den können. Wen­det man die Grundsätze in der Ent­schei­dung Eu­ro­den­tal ent­spre­chend auch auf Aus­fuhr­lie­fe­run­gen an, so können bei grenzüber­schrei­ten­den Umsätzen in ein Dritt­land Kon­stel­la­tio­nen ent­ste­hen, die für den be­trof­fe­nen Un­ter­neh­mer bei feh­len­dem Vor­steu­er­ab­zugs­recht die Ge­fahr ei­ner "Dop­pel­be­steue­rung" ber­gen.

Da aber auch die Har­mo­ni­sie­rung in­ner­halb der EU noch nicht ab­ge­schlos­sen ist und für ein­zelne in Art. 132 Abs. 1 MwSt­Sys­tRL ge­re­gelte Steu­er­be­frei­un­gen (z.B. Art. 132 Abs. 1 Buchst. e MwSt­Sys­tRL) ohne Möglich­keit des Vor­steu­er­ab­zugs nach Art. 168 MwSt­Sys­tRL eine Ermäch­ti­gung in Art. 370 i.V.m. An­hang X Teil A Nr. 1 MwSt­Sys­tRL be­steht, ab­wei­chend hier­von eine vor­mals na­tio­nal ge­re­gelte Be­steue­rung der Umsätze fort­zuführen, können auch bei in­ner­ge­mein­schaft­li­chen Umsätzen der­ar­tige Dop­pel­be­steue­run­gen oder Nicht­be­steue­run­gen auf­tre­ten. Gleich­wohl hat der EuGH in der Eu­ro­den­tal-Ent­schei­dung auch für die­sen Son­der­fall den spe­zi­fi­schen Steu­er­be­frei­un­gen des Art. 132 MwSt­Sys­tRL Vor­rang vor den all­ge­mei­nen Steu­er­be­frei­un­gen ein­geräumt und ausdrück­lich nicht nach der im je­wei­li­gen Be­stim­mungs­mit­glied­staat gel­ten­den Mehr­wert­steu­er­re­ge­lung dif­fe­ren­ziert und im Er­geb­nis den Vor­steu­er­ab­zug ver­sagt.

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