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EuGH: Ausschließliche Besteuerung der an gebietsfremde OGAW ausgeschütteten Dividenden inländischer Herkunft unzulässig

Urteiel des EuGH vom 10.5.2012 - C-338/11 u.a.

Das EU-Recht steht französi­schen Rechts­vor­schrif­ten ent­ge­gen, die für Di­vi­den­den inländi­scher Her­kunft, die von ge­biets­ansässi­gen und ge­biets­frem­den Or­ga­nis­men für ge­mein­same An­la­gen in Wert­pa­pie­ren (OGAW) be­zo­gen wer­den, eine un­ter­schied­li­che steu­er­li­che Re­ge­lung ein­geführt ha­ben. Diese Be­schränkung ist auch nicht nach den Be­stim­mun­gen über den freien Ka­pi­tal­ver­kehr ge­recht­fer­tigt.

Hin­ter­grund:
Das EU-Recht ver­bie­tet alle Be­schränkun­gen des Ka­pi­tal­ver­kehrs zwi­schen den Mit­glied­staa­ten so­wie zwi­schen den Mit­glied­staa­ten und drit­ten Ländern. Die­ses Ver­bot berührt nicht das Recht der Mit­glied­staa­ten, die ein­schlägi­gen Vor­schrif­ten ih­res Steu­er­rechts an­zu­wen­den, die Steu­er­pflich­tige mit un­ter­schied­li­chem Wohn­ort oder Ka­pi­tal­an­la­ge­ort un­ter­schied­lich be­han­deln. Diese Vor­schrif­ten dürfen je­doch we­der ein Mit­tel zur willkürli­chen Dis­kri­mi­nie­rung noch eine ver­schlei­erte Be­schränkung des freien Ka­pi­tal- und Zah­lungs­ver­kehrs dar­stel­len.

Der Sach­ver­halt:
Den ver­bun­de­nen Rechts­sa­chen lie­gen Strei­tig­kei­ten über die französi­sche steu­er­li­che Re­ge­lung für Di­vi­den­den zu­grunde, die von ei­ner in Frank­reich ansässi­gen Ge­sell­schaft an Or­ga­nis­men für ge­mein­same An­la­gen in Wert­pa­pie­ren (OGAW), die nicht in die­sem Staat ansässig sind, aus­ge­schüttet wer­den.

Die OGAW (In­vest­ment­fonds, die von ei­ner Ver­wal­tungs- oder In­vest­ment­ge­sell­schaft ver­wal­tet wer­den) er­lau­ben einem An­le­ger (An­teils­in­ha­ber), die Ver­wal­tung sei­nes Ka­pi­tals einem Fach­mann an­zu­ver­trauen, der sich um die In­ves­ti­tion sei­nes Ka­pi­tals auf einem oder meh­re­ren be­stimm­ten Fi­nanzmärk­ten kümmert. Nach der französi­schen Steu­er­re­ge­lung un­ter­lie­gen die Di­vi­den­den, die an nicht in Frank­reich ansässige OGAW aus­ge­schüttet wer­den, ei­ner Quel­len­steuer von 25 Pro­zent, während sol­che Di­vi­den­den nicht be­steu­ert wer­den, wenn sie an einen ge­biets­ansässi­gen OGAW aus­ge­schüttet wer­den.

Zehn bel­gi­sche, deut­sche, spa­ni­sche und US ame­ri­ka­ni­sche OGAW, die ins­bes. in Ak­tien französi­scher Ge­sell­schaf­ten in­ves­tie­ren und aus die­sen In­ves­ti­tio­nen Di­vi­den­den be­zie­hen, die der Quel­len­steuer un­ter­lie­gen, foch­ten die französi­sche Re­ge­lung an. Sie ma­chen eine Dis­kri­mi­nie­rung im Hin­blick auf die vom Uni­ons­recht gewähr­leis­tete Ka­pi­tal­ver­kehrs­frei­heit gel­tend.

Das mit die­sen Kla­gen be­fasste Ge­richt in Frank­reich hat sich mit der Frage an den EuGH ge­wen­det, ob das Recht der Union der französi­schen Re­ge­lung ent­ge­gen­steht, die die Di­vi­den­den inländi­scher Her­kunft, die an OGAW aus­ge­schüttet wer­den, je nach dem Ort, an dem der die Di­vi­den­den be­zie­hende Or­ga­nis­mus ansässig ist, steu­er­lich un­ter­schied­lich be­han­delt.

Die Gründe:
Das Uni­ons­recht steht der französi­schen Re­ge­lung ent­ge­gen, die die Di­vi­den­den inländi­scher Her­kunft ei­ner Quel­len­steuer un­ter­wirft, wenn sie von in einem an­de­ren Staat ansässi­gen OGAW be­zo­gen wer­den, während sol­che Di­vi­den­den, die von im ers­ten Staat ansässi­gen OGAW be­zo­gen wer­den, von der Steuer be­freit sind.

Zu den Maßnah­men, die nach dem Recht der Union als Be­schränkun­gen des Ka­pi­tal­ver­kehrs ver­bo­ten sind, gehören sol­che, die ge­eig­net sind, Ge­biets­fremde von In­ves­ti­tio­nen in an­de­ren Staa­ten ab­zu­hal­ten. Eine un­ter­schied­li­che steu­er­li­che Be­hand­lung der Di­vi­den­den, je nach­dem, wo der OGAW sei­nen Sitz hat, ist ge­eig­net, ge­biets­fremde OGAW von In­ves­ti­tio­nen in Ge­sell­schaf­ten, die in Frank­reich ansässig sind, und in Frank­reich ansässige An­le­ger vom Er­werb von An­tei­len an ge­biets­frem­den OGAW ab­zu­hal­ten. Die französi­sche Re­ge­lung stellt da­her eine nach dem Recht der Union grundsätz­lich ver­bo­tene Be­schränkung des freien Ka­pi­tal­ver­kehrs dar.

Diese Be­schränkung ist auch nicht nach den Be­stim­mun­gen über den freien Ka­pi­tal­ver­kehr ge­recht­fer­tigt. Eine Un­gleich­be­hand­lung kann nur dann als mit dem EU-Recht ver­ein­bar an­ge­se­hen wer­den, wenn sie Si­tua­tio­nen be­trifft, die nicht ob­jek­tiv mit­ein­an­der ver­gleich­bar sind, oder durch einen zwin­gen­den Grund des All­ge­mein­in­ter­es­ses ge­recht­fer­tigt ist. Hin­sicht­lich der Ver­gleich­bar­keit der Si­tua­tion stellt sich die Frage, ob die Si­tua­tion der An­teils­in­ha­ber zu­sam­men mit der­je­ni­gen der OGAW zu berück­sich­ti­gen ist. Dies hat der EuGH vor­lie­gend ver­neint. Ent­schei­dend ist in­so­weit die Einführung ei­nes maßgeb­li­chen Un­ter­schei­dungs­kri­te­ri­ums, das auf den Ort des Sit­zes des OGAW ab­stellt. So­mit kann die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung der ge­biets­ansässi­gen OGAW und der ge­biets­frem­den OGAW nicht durch einen er­heb­li­chen in der Si­tua­tion begründe­ten Un­ter­schied ge­recht­fer­tigt wer­den.

Die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung ist auch nicht aus zwin­gen­den Gründen des All­ge­mein­in­ter­es­ses ge­recht­fer­tigt. Eine Un­gleich­be­hand­lung kann zwar zulässig sein, wenn mit der na­tio­na­len Re­ge­lung Ver­hal­tens­wei­sen ver­hin­dert wer­den sol­len, die ge­eig­net sind, das Recht des Mit­glied­staats auf Ausübung sei­ner Steu­er­ho­heit für die in sei­nem Ho­heits­ge­biet durch­geführ­ten Tätig­kei­ten zu gefähr­den. Hat sich je­doch ein Mit­glied­staat dafür ent­schie­den, die ge­biets­ansässi­gen OGAW, die Di­vi­den­den inländi­scher Her­kunft be­zie­hen, nicht zu be­steu­ern, kann er sich nicht auf die Not­wen­dig­keit ei­ner aus­ge­wo­gene Auf­tei­lung der Steu­er­ho­heit zwi­schen den Mit­glied­staa­ten be­ru­fen, um die Be­steue­rung der ge­biets­frem­den OGAW, die der­ar­tige Einkünfte ha­ben, zu recht­fer­ti­gen.

Ebenso kann die französi­sche Re­ge­lung nicht mit der Not­wen­dig­keit ge­recht­fer­tigt wer­den, die Wirk­sam­keit der steu­er­li­chen Kon­trolle zu gewähr­leis­ten, da die Be­steue­rung nur und spe­zi­fi­sch Ge­biets­fremde trifft. Und schließlich kann die durch die französi­sche Re­ge­lung ein­geführte un­ter­schied­li­che Be­hand­lung auch nicht durch die Not­wen­dig­keit der Wah­rung der Kohärenz der Steu­er­re­ge­lung ge­recht­fer­tigt wer­den, da zwi­schen der Be­frei­ung der von einem ge­biets­ansässi­gen OGAW be­zo­ge­nen Di­vi­den­den inländi­scher Her­kunft von der Quel­len­steuer und der Be­steue­rung die­ser Di­vi­den­den als Einkünfte der An­teils­in­ha­ber die­ses OGAW kein un­mit­tel­ba­rer Zu­sam­men­hang be­steht.

Link­hin­weis:
Für die auf den Web­sei­ten des EuGH veröff­ent­lichte PM zu die­ser Ent­schei­dung kli­cken Sie bitte hier.

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