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BGH zur Patentierung neuraler Vorläuferzellen

Urteil des BGH vom 27.11.2012 - X ZR 58/07

Ein Pa­tent, das sog. neu­rale Vorläufer­zel­len und ihre Ver­wen­dung zur The­ra­pie von neu­ra­len De­fek­ten bei Tie­ren und Men­schen be­trifft, ist nich­tig, so­weit Vorläufer­zel­len aus mensch­li­chen em­bryo­na­len Stamm­zel­len um­fasst sind, bei de­ren Ge­win­nung Em­bryo­nen zerstört wor­den sind. Der Pa­tent­schutz bleibt je­doch be­ste­hen, so­weit mensch­li­che em­bryo­nale Stamm­zel­len durch an­dere Me­tho­den ge­won­nen wer­den.

Der Sach­ver­halt:
Das streit­ge­genständ­li­che Pa­tent wurde im De­zem­ber 1997 an­ge­mel­det und vom Deut­schen Pa­tent- und Mar­ken­amt im April 1999 er­teilt. Es be­trifft sog. neu­rale Vorläufer­zel­len und ihre Ver­wen­dung zur The­ra­pie von neu­ra­len De­fek­ten bei Tie­ren und Men­schen. Nach den Ausführun­gen in der Pa­tent­schrift stellt die Be­hand­lung mit Vorläufer­zel­len eine Al­ter­na­tive zu der im Stand der Tech­nik be­kann­ten Trans­plan­ta­tion von Ner­ven­zel­len dar, die vor­wie­gend aus dem em­bryo­na­len Ge­hirn ge­won­nen wer­den.

Als Aus­gangs­ma­te­rial für die vom Pa­tent ge­schütz­ten Vorläufer­zel­len die­nen dem­ge­genüber em­bryo­nale Stamm­zel­len. Diese können laut Pa­tent­schrift u.a. aus Em­bryo­nen in einem frühen Ent­wick­lungs­sta­dium ge­won­nen wer­den. Die Em­bryo­nen wer­den da­bei zerstört. Der Kläger, Green­peace e.V., er­hob ge­gen den Pa­tent­in­ha­ber Prof. Dr. Brüstle Nich­tig­keits­klage im Hin­blick auf Zel­len, die aus mensch­li­chen em­bryo­na­len Stamm­zel­len ge­won­nen wer­den. Der Be­klagte ist der Klage ent­ge­gen­ge­tre­ten.

Das BPatG gab der Klage gestützt auf § 2 Abs. 2 PatG und die gleich­lau­tende Re­ge­lung in Art. 6 der Richt­li­nie 98/44/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes über den Schutz bio­tech­no­lo­gi­scher Er­fin­dun­gen über­wie­gend statt und erklärte das Pa­tent für nich­tig, so­weit es Zel­len um­fasst, die aus em­bryo­na­len Stamm­zel­len von mensch­li­chen Em­bryo­nen ge­won­nen wer­den. Ge­gen die Ent­schei­dung legte der Pa­tent­in­ha­ber Be­ru­fung ein.

Der BGH holte zur Aus­le­gung von Art. 6 der Richt­li­nie eine Vor­ab­ent­schei­dung des EuGH ein. Die­ser ent­schied mit Ur­teil vom 18.10.2011 (C-34/10) u.a., dass jede mensch­li­che Ei­zelle vom Sta­dium ih­rer Be­fruch­tung an ein "mensch­li­cher Em­bryo" im Sinne der Richt­li­nie ist, dass der Pa­ten­tie­rungs­aus­schluss sich auch auf die Ver­wen­dung von mensch­li­chen Em­bryo­nen zu Zwecken der wis­sen­schaft­li­chen For­schung be­zieht und dass eine Er­fin­dung nach Art. 6 der Richt­li­nie auch dann von der Pa­ten­tie­rung aus­ge­schlos­sen ist, wenn in der Be­schrei­bung der be­an­spruch­ten tech­ni­schen Lehre die Ver­wen­dung mensch­li­cher Em­bryo­nen nicht erwähnt ist, die tech­ni­sche Lehre, die Ge­gen­stand des Pa­tent­an­trags ist, aber die vor­her­ge­hende Zerstörung mensch­li­cher Em­bryo­nen oder de­ren Ver­wen­dung als Aus­gangs­ma­te­rial er­for­dert.

Der Pa­tent­in­ha­ber ver­tei­digte sein Pa­tent auch nach die­ser Ent­schei­dung in vol­lem Um­fang. Hilfs­weise be­an­tragte er, das Pa­tent in ge­rin­ge­rem Um­fang für nich­tig zu erklären, als das BPatG dies ge­tan hat. Der BGH gab dem Hilfs­an­trag des Pa­tent­in­ha­bers statt und wies die wei­ter­ge­hende Be­ru­fung zurück.

Die Gründe:
Das Pa­tent ist nich­tig, so­weit Vorläufer­zel­len aus mensch­li­chen em­bryo­na­len Stamm­zel­len um­fasst sind, bei de­ren Ge­win­nung Em­bryo­nen zerstört wor­den sind. Der Pa­tent­schutz bleibt je­doch be­ste­hen, so­weit mensch­li­che em­bryo­nale Stamm­zel­len durch an­dere Me­tho­den ge­won­nen wer­den.

Das Pa­tent hat im Hin­blick auf die Ent­schei­dung des EuGH in der er­teil­ten Fas­sung kei­nen Be­stand, weil an­de­ren­falls der mit § 2 PatG nicht ver­ein­bare Ein­druck ver­mit­telt würde, die in der Be­schrei­bung mehr­fach erwähnte Ge­win­nung von mensch­li­chen em­bryo­na­len Stamm­zel­len aus Em­bryo­nen sei von der Pa­ten­tie­rung mit um­fasst und werde da­durch vom Staat ge­bil­ligt.

Die mit dem Hilfs­an­trag ver­tei­digte ein­ge­schränkte Fas­sung ist hin­ge­gen nicht von der Pa­ten­tie­rung aus­ge­schlos­sen. Hierfür ist als aus­rei­chend an­zu­se­hen, dass es Me­tho­den gibt, mit der mensch­li­che em­bryo­nale Stamm­zel­len ohne Zerstörung von Em­bryo­nen ge­won­nen wer­den können. In die­sem Kon­text ist es zulässig, dass der Pa­tent­in­ha­ber den Pa­tent­an­spruch mit ei­ner all­ge­mein ge­fass­ten Ein­schränkung ver­sieht, ohne dass es näherer Klärung be­darf, ob es noch wei­tere gang­bare Wege gibt, auf de­nen mensch­li­che em­bryo­nale Stamm­zel­len ohne Zerstörung von Em­bryo­nen ge­won­nen wer­den können.

Der Ein­satz von mensch­li­chen em­bryo­na­len Stamm­zel­len als sol­chen ist nicht als Ver­wen­dung von Em­bryo­nen im Sinne der Richt­li­nie zu qua­li­fi­zie­ren. Stamm­zel­len wei­sen nicht die Fähig­keit auf, den Pro­zess der Ent­wick­lung ei­nes Men­schen in Gang zu set­zen. Dass sie un­ter Umständen durch Kom­bi­na­tion mit be­stimm­ten an­de­ren Zel­len in einen Zu­stand ver­setzt wer­den können, in dem sie über die ge­nannte Fähig­keit verfügen, reicht nicht aus, um sie schon vor ei­ner sol­chen Be­hand­lung als Em­bryo­nen an­se­hen zu können.

Link­hin­weis:
  • Der Voll­text der Ent­schei­dung wird demnächst auf den Web­sei­ten des BGH veröff­ent­licht.
  • Für die Pres­se­mit­tei­lung des BGH kli­cken Sie bitte hier.
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