de en
Nexia Ebner Stolz

Aktuelles

BGH zur Haftung für fehlerhaften Prospekt aus § 13 VerkProspG aF

Urteil des BGH vom 18. September 2012 – XI ZR 344/11
Der u.a. für die spe­zi­al­ge­setz­li­che Pro­spekt­haf­tung zuständige XI. Zi­vil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs (BGH) hat mit Ur­teil vom 18.09.2012 Tage grund­le­gend zu den Vor­aus­set­zun­gen ei­ner Haf­tung nach der seit dem 1. Ja­nuar 1991 in § 13 Verk­Pro­spG* und seit dem 1. Juni 2012 in­halts­gleich in § 22 des Wert­pa­pier­pro­spekt­ge­set­zes (WpPG) ko­di­fi­zier­ten Pro­spekt­haf­tung für außerbörs­lich ge­han­delte Wert­pa­piere Stel­lung ge­nom­men.
In dem der Ent­schei­dung zu­grun­de­lie­gen­den Fall be­gehrt der Kläger Rück­ab­wick­lung des Er­werbs von In­ha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen ei­ner mitt­ler­weile in­sol­ven­ten Ak­ti­en­ge­sell­schaft.
Die Woh­nungs­bau Leip­zig-West AG (nach­fol­gend: WBL) legte in den Jah­ren 1999 bis 2006 ins­ge­samt 25 In­ha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen ohne Börsen­zu­las­sung mit einem rech­ne­ri­schen Ge­samt­vo­lu­men von 565 Mio. € auf. Dazu gehörte auch die mit dem Pro­spekt "Aus­ge­wo­gene Kon­di­tio­nen" be­wor­bene und vom Kläger im April 2005 in Höhe von 5.000 € ge­zeich­nete An­leihe. Der Be­klagte war un­ter der Firma J.S. Im­mo­bi­li­en­be­tei­li­gun­gen e.K. zu 73% Mehr­heits­ak­tionär der WBL und auf Grund­lage ei­nes Ge­winn­abführungs- und Be­herr­schungs­ver­tra­ges herr­schen­der Un­ter­neh­mer. Auf Grund von Ein­zel­wei­sun­gen des Be­klag­ten er­folg­ten hohe Zah­lun­gen von der WBL an ihn. Mit sei­ner Klage be­gehrt der Kläger im We­sent­li­chen Rück­zah­lung des An­la­ge­be­tra­ges nebst Zin­sen.
Das Land­ge­richt hat die Klage ab­ge­wie­sen. Die da­ge­gen ge­rich­tete Be­ru­fung des Klägers hatte Er­folg. Der Bun­des­ge­richts­hof hat das der Klage statt­ge­bende Ur­teil des Be­ru­fungs­ge­richts bestätigt und die da­ge­gen ge­rich­tete Re­vi­sion des Be­klag­ten zurück­ge­wie­sen.
Der Pro­spekt "Aus­ge­wo­gene Kon­di­tio­nen" ist un­vollständig im Sinne von § 13 Abs. 1 Verk­Pro­spG aF, weil aus ihm nicht er­sicht­lich ist, dass der Be­klagte als Begüns­tig­ter des Ge­winn­abführungs- und Be­herr­schungs­ver­tra­ges dem Vor­stand der WBL nach­tei­lige Wei­sun­gen er­tei­len konnte, die nur dem Be­klag­ten oder an­de­ren Kon­zern­ge­sell­schaf­ten dien­ten. Zu den tatsäch­li­chen und recht­li­chen Verhält­nis­sen, die für die Be­ur­tei­lung der an­ge­bo­te­nen Wert­pa­piere not­wen­dig und da­her rich­tig und vollständig in einem Wert­pa­pier-Ver­kaufs­pro­spekt dar­zu­stel­len sind, gehört auch die Möglich­keit der Er­tei­lung der­ar­ti­ger nach­tei­li­ger Wei­sun­gen durch eine be­herr­schende Kon­zern­mut­ter­ge­sell­schaft an eine be­herrschte Kon­zern­toch­ter­ge­sell­schaft und die da­mit ver­bun­dene – erhöhte – Ge­fahr für die Rück­zah­lung der an die Kon­zern­toch­ter­ge­sell­schaft ge­zahl­ten An­le­ger­gel­der. Wen­det sich der Emit­tent – wie hier – ausdrück­lich auch an das un­kun­dige und börsen­un­er­fah­rene Pu­bli­kum, so be­stimmt sich der Empfänger­ho­ri­zont für Pro­spek­terklärun­gen nach den Fähig­kei­ten und Er­kennt­nismöglich­kei­ten ei­nes durch­schnitt­li­chen (Klein-)An­le­gers, der sich al­lein an­hand der Pro­spek­tan­ga­ben über die Ka­pi­tal­an­lage in­for­miert und über kei­ner­lei Spe­zi­al­kennt­nisse verfügt. Nach die­sen Maßstäben war selbst bei sorgfälti­ger und ein­ge­hen­der Lektüre des Pro­spekts nicht zu er­ken­nen, dass der Be­klagte auf­grund sei­nes Wei­sungs­rechts der WBL un­abhängig von de­ren Er­trags­lage zu sei­nem Vor­teil und zu ih­rem Nach­teil Ka­pi­tal ent­zie­hen konnte.
Der Be­klagte ist für den feh­ler­haf­ten Pro­spekt auch ver­ant­wort­lich. Pro­spekt­ver­an­las­ser gem. § 44 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BörsG** in der vom 1. Juli 2002 bis zum 31. Ok­to­ber 2007 gel­ten­den Fas­sung (aF) sind Per­so­nen, die ein ei­ge­nes wirt­schaft­li­ches In­ter­esse an der Emis­sion der Wert­pa­piere ha­ben und dar­auf hin­wir­ken, dass ein un­rich­ti­ger oder un­vollständi­ger Pro­spekt veröff­ent­licht wird. Durch diese Re­ge­lung soll eine Lücke bei den Haf­tungs­ver­pflich­te­ten ge­schlos­sen wer­den und sol­len ins­be­son­dere auch Kon­zern­mut­ter­ge­sell­schaf­ten in die Haf­tung ein­be­zo­gen wer­den, wenn eine Kon­zern­toch­ter­ge­sell­schaft Wert­pa­piere emit­tiert. Der Be­klagte hatte als Mehr­heits­ge­sell­schaf­ter der WBL und un­mit­tel­bar Begüns­tig­ter des Ge­winn­abführungs- und Be­herr­schungs­ver­tra­ges ei­ner­seits ein er­heb­li­ches wirt­schaft­li­ches Ei­gen­in­ter­esse an der Ein­wer­bung wei­te­rer An­le­ger­gel­der durch die Aus­gabe der In­ha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen und an­de­rer­seits nach den rechts­feh­ler­freien Fest­stel­lun­gen des Be­ru­fungs­ge­richts durch Er­tei­lung von Wei­sun­gen zu Zah­lungsflüssen tatsäch­lich in das Ge­schäft der Emit­ten­tin ein­ge­grif­fen. Rechts­feh­ler­frei hat das Be­ru­fungs­ge­richt aus die­sen Umständen ge­schluss­fol­gert, dass der Be­klagte einen be­herr­schen­den Ein­fluss auf die streit­ge­genständ­li­che Emis­sion ausübte und Kennt­nis vom In­ver­kehr­brin­gen des Pro­spekts hatte. In den In­stan­zen sind zahl­rei­che gleich ge­la­gerte Fälle anhängig, für die die heu­tige Ent­schei­dung rich­tungs­wei­send ist. * § 13 Verk­Pro­spG (Haf­tung bei feh­ler­haf­tem Pro­spekt) [in der vom 1. Juli 2002 bis zum 30. Juni 2005 gel­ten­den Fas­sung] (1) Sind für die Be­ur­tei­lung der Wert­pa­piere we­sent­li­che An­ga­ben in einem Ver­kaufs­pro­spekt un­rich­tig oder un­vollständig, so sind die Vor­schrif­ten der §§ 44** bis 47 des Börsen­ge­set­zes mit fol­gen­der Maßgabe ent­spre­chend an­zu­wen­den: … ** § 44 BörsG (Un­rich­ti­ger Börsen­pro­spekt) [in der vom 1. Juli 2002 bis zum 31. Ok­to­ber 2007 gel­ten­den Fas­sung] (1) Der Er­wer­ber von Wert­pa­pie­ren, die auf Grund ei­nes Pro­spekts zum Börsen­han­del zu­ge­las­sen sind, in dem für die Be­ur­tei­lung der Wert­pa­piere we­sent­li­che An­ga­ben un­rich­tig oder un­vollständig sind, kann 1.von den­je­ni­gen, die für den Pro­spekt die Ver­ant­wor­tung über­nom­men ha­ben und 2.von den­je­ni­gen, von de­nen der Er­lass des Pro­spekts aus­geht, als Ge­samt­schuld­nern die Über­nahme der Wert­pa­piere ge­gen Er­stat­tung des Er­werbs­prei­ses, so­weit die­ser den ers­ten Aus­ga­be­preis der Wert­pa­piere nicht über­schrei­tet, und der mit dem Er­werb ver­bun­de­nen übli­chen Kos­ten ver­lan­gen, … Quelle: Pres­se­mit­tei­lung des BGH Nr. 151/2012 vom 18.09.2012
19.09.2012 nach oben

Das könnte Sie auch interessieren

Zur Pro­spekt­haf­tung im wei­te­ren Sinne

Es ent­spricht der Le­bens­er­fah­rung, dass ein Pro­spekt­feh­ler auch ohne Kennt­nis­nahme des Pro­spekts durch den An­le­ger für die An­la­ge­ent­schei­dung ursäch­lich wird, wenn der Pro­spekt ent­spre­chend dem Ver­triebs­kon­zept der Fonds­ge­sell­schaft von den An­la­ge­ver­mitt­lern als Ar­beits­grund­lage ver­wen­det wird, weil dann die An­le­ger auf an­dere als die im Pro­spekt ge­nann­ten Ri­si­ken nicht hin­ge­wie­sen wer­den konn­ten. Diese Grundsätze können aber nicht auf Ausführun­gen im Pro­spekt über­tra­gen wer­den, die un­ter dem Ge­sichts­punkt ei­ner Haf­tung we­gen Ver­schul­dens bei Ver­trags­ver­hand­lun­gen we­gen der In­an­spruch­nahme persönli­chen Ver­trau­ens durch einen Ver­tre­ter, Drit­ten oder Sach­wal­ter zu be­wer­ten sind.  ...lesen Sie mehr


Ka­pi­tal­an­lage: Per­ma­nente Ak­tua­li­sie­rungs­pflicht bei Wer­be­pro­spek­ten

Bei­tritts­in­ter­es­sen­ten, die über keine ei­ge­nen In­for­ma­ti­ons­quel­len verfügen, müssen sich dar­auf ver­las­sen können, dass die im Wer­be­pro­spekt ent­hal­te­nen An­ga­ben rich­tig und vollständig sind. Verändern sich diese bis zum Ab­schluss des Bei­tritts­ver­tra­ges, so müssen die In­ter­es­sen­ten recht­zei­tig dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den. Da­mit un­ter­lie­gen die nach der Pro­spekt­haf­tung zu be­ur­tei­len­den Pro­spekte während der Dauer ih­res Ge­brauchs im Hin­blick auf den Ab­schluss des Er­werbs­ge­schäfts über die je­wei­lige An­lage ei­ner "per­ma­nen­ten Ak­tua­li­sie­rungs­pflicht".  ...lesen Sie mehr


Un­rich­tige Pro­spek­tan­ga­ben: Bei­tritt zu An­la­ge­ge­sell­schaft als Kom­man­di­tist

Ein An­le­ger, der durch un­rich­tige Pro­spek­tan­ga­ben be­wo­gen wurde, ei­ner An­la­ge­ge­sell­schaft als Kom­man­di­tist bei­zu­tre­ten, kann im Rah­men des Ver­trau­ens­scha­dens ent­we­der die Rück­ab­wick­lung sei­ner Be­tei­li­gung ver­lan­gen oder an sei­ner An­la­ge­ent­schei­dung fest­hal­ten und Er­satz des Be­tra­ges ver­lan­gen, um den er seine Be­tei­li­gung we­gen der un­rich­ti­gen Pro­spek­tan­ga­ben zu teuer er­wor­ben hat.  ...lesen Sie mehr


Un­ter­zeich­nen ei­nes Be­ra­tungs­do­ku­ments mit Ri­si­ko­hin­wei­sen der Ka­pi­tal­an­lage

Die Fest­stel­lung, ob grob fahrlässige Un­kennt­nis vor­liegt, wenn ein Ka­pi­tal­an­le­ger eine Be­ra­tungs­do­ku­men­ta­tion mit Ri­si­ko­hin­wei­sen blind un­ter­zeich­net, ist ein­zel­fall­abhängig. Ent­schei­dend sind etwa das Be­ste­hen ei­nes Ver­trau­ens­verhält­nis­ses zum Be­ra­ter oder Ab­lauf und In­halt des Be­ra­tungs­ge­sprächs.  ...lesen Sie mehr


Haf­tung des Treu­hand­kom­man­di­tis­ten ge­genüber Di­rekt­kom­man­di­tis­ten

Bei ei­ner Pu­bli­kums­per­so­nen­ge­sell­schaft haf­tet ein mit ei­ner ei­ge­nen Ka­pi­tal­ein­lage be­tei­lig­ter Treu­hand­kom­man­di­tist we­gen der Ver­let­zung von Aufklärungs­pflich­ten bei der An­bahnung des Auf­nah­me­ver­trags auch ge­genüber nach ihm ein­tre­ten­den Di­rekt­kom­man­di­tis­ten.  ...lesen Sie mehr