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BGH zur Frage der Höhe des Schadenersatzes für entgangene Anlagezinsen: Verzinsung von Geldbeträgen zumindest in Höhe des gesetzlichen Zinssatzes von 4 Prozent nicht wahrscheinlich

BGH 24.4.2012, XI ZR 360/11

Nach dem gewöhn­li­chen Lauf der Dinge kann nicht mit Wahr­schein­lich­keit er­war­tet wer­den, dass sich ein zur Verfügung ste­hen­der Geld­be­trag zu­min­dest in Höhe des ge­setz­li­chen Zins­sat­zes von 4 Pro­zent ver­zinst. Es ent­spricht schon nicht dem gewöhn­li­chen Lauf der Dinge, dass eine Geld­an­lage über­haupt Ge­winn ab­wirft.

Der Sach­ver­halt:
Die Kläge­rin nimmt die be­klagte Spar­kasse als Pro­spekt­ver­ant­wort­li­che und An­la­ge­be­ra­te­rin im Zu­sam­men­hang mit der Be­tei­li­gung an einem ge­schlos­se­nen Im­mo­bi­li­en­fonds auf Scha­dens­er­satz in An­spruch.

Die Kläge­rin, eine langjährige Kun­din der Be­klag­ten, hatte bis zum Jahre 2000 wie­der­holt Geld in Sparbüchern, Fest­geld­an­la­gen und Spar­kas­sen­brie­fen an­ge­legt. Als ein sol­cher Spar­kas­sen­brief i.H.v. 105.000 DM fällig wurde, führte sie im No­vem­ber 2000 ein Be­ra­tungs­ge­spräch mit einem Mit­ar­bei­ter der Be­klag­ten. Die­ser emp­fahl ihr eine Be­tei­li­gung an dem Im­mo­bi­li­en­fonds "I. KG", der ein Fach­markt­zen­trum so­wie ein Büro­gebäude be­wirt­schaf­tet. Die Kläge­rin be­tei­ligte sich dar­auf­hin am sel­ben Tage i.H.v. 100.000 DM zzgl. 5 Pro­zent Agio an die­sem Fonds, den die Be­klagte als Gründungs­kom­man­di­tis­tin im Jahre 1999 in­iti­iert hatte.

Die Kläge­rin stützt ihre Klage u.a. dar­auf, dass das Al­ter des Fach­markt­zen­trums im An­la­ge­pro­spekt un­zu­tref­fend dar­ge­stellt wor­den sei. Sie be­gehrte des­halb erst­in­stanz­lich die Rück­zah­lung ih­res An­la­ge­ka­pi­tals so­wie des Agios ab­zgl. er­hal­te­ner Aus­schüttun­gen, ins­ge­samt rd. 39.000 € nebst Zin­sen, Zug um Zug ge­gen die Über­tra­gung der Fonds­be­tei­li­gung, die Er­stat­tung vor­ge­richt­li­cher An­walts­kos­ten so­wie die Fest­stel­lung des An­nah­me­ver­zu­ges der Be­klag­ten.

Das LG wies die Klage ab. Mit ih­rer Be­ru­fung ver­folgte die Kläge­rin ihre erst­in­stanz­li­chen Anträge wei­ter und for­derte darüber hin­aus ins­bes. die Er­stat­tung ent­gan­ge­ner An­la­ge­zinsen i.H.v. rd. 24.000 € für die Zeit zwi­schen Fonds­bei­tritt und Rechtshängig­keit. Das OLG gab der Klage im Um­fang des erst­in­stanz­li­chen Kla­ge­be­geh­rens statt, die in zwei­ter In­stanz gel­tend ge­mach­ten, wei­ter­ge­hen­den An­sprüche wies es je­doch ab. Die hier­ge­gen ge­rich­tete Re­vi­sion der Kläge­rin, mit der sie ihr zweit­in­stanz­li­ches Be­geh­ren hin­sicht­lich der ent­gan­ge­nen An­la­ge­zinsen wei­ter­ver­folgte, hatte vor dem BGH kei­nen Er­folg.

Die Gründe:
Das OLG hat den von der Kläge­rin in zwei­ter In­stanz erst­mals gel­tend ge­mach­ten An­spruch auf Er­stat­tung ent­gan­ge­ner An­la­ge­zinsen i.H.v. 24.000 € zu Recht ver­neint.

Der Scha­dens­er­satz­an­spruch we­gen schuld­haf­ter Ver­let­zung des Be­ra­tungs­ver­tra­ges und feh­ler­haf­ter Pro­spek­tan­ga­ben, den das OLG der Kläge­rin dem Grunde nach rechtskräftig zu­ge­spro­chen hat, um­fasst nach § 252 S. 1 BGB auch den ent­gan­ge­nen Ge­winn. Dazu gehören zwar grundsätz­lich auch ent­gan­gene An­la­ge­zinsen. Nach der Recht­spre­chung des BGH ist einem Ka­pi­tal­an­le­ger, der durch un­rich­tige An­ga­ben dazu be­wo­gen wor­den ist, ei­ner Pu­bli­kums­ge­sell­schaft bei­zu­tre­ten, da­her nicht nur seine Ein­lage in diese Ge­sell­schaft, son­dern auch der Scha­den zu er­set­zen, der sich ty­pi­scher­weise dar­aus er­gibt, dass das Ei­gen­ka­pi­tal des An­le­gers in die­ser Höhe er­fah­rungs­gemäß nicht un­ge­nutzt ge­blie­ben, son­dern zu einem all­ge­mein übli­chen Zins­satz an­ge­legt wor­den wäre.

Ent­ge­gen der An­sicht der Re­vi­sion hat das OLG je­doch die Er­stat­tung von Wie­der­an­la­ge­zinsen in Höhe der für Spar­briefe oder Bun­des­wert­pa­piere durch­schnitt­lich er­ziel­ba­ren Zinssätze ebenso rechts­feh­ler­frei ab­ge­lehnt wie die von der Kläge­rin hilfs­weise be­gehrte Er­stat­tung ei­nes Min­dest­scha­dens in Höhe des ge­setz­li­chen Zins­sat­zes von 4 Pro­zent p.a. Dafür, dass und in wel­cher Höhe ihm durch das schädi­gende Er­eig­nis ein sol­cher Ge­winn ent­gan­gen ist, ist der Ge­schädigte dar­le­gungs- und be­weis­pflich­tig. Vor­lie­gend hat die Kläge­rin zwar vor­ge­tra­gen, dass sie sich bei ei­ner ord­nungs­gemäßen Be­ra­tung bzw. Pro­spek­tin­for­ma­tion nicht für einen Im­mo­bi­lien-fonds, son­dern - wie zu­vor - für eine Geld­an­lage in Form ei­nes fest­ver­zins­li­chen Spar­brie­fes bzw. ei­nes Bun­des­wert­pa­piers ent­schie­den hätte.

Die­sen Vor­trag hat das OLG je­doch nach dem Er­geb­nis der von ihm durch­geführ­ten Be­weis­auf­nahme als nicht be­wie­sen an­ge­se­hen. Viel­mehr hat es das OLG auf­grund der An­ga­ben des Zeu­gen M, des Be­ra­ters der Be­klag­ten, zu den An­la­ge­zie­len der Kläge­rin als na­he­lie­gend an­ge­se­hen, dass die Kläge­rin eine an­dere An­lage gewählt hätte, die die glei­chen Vor­teile wie die Fonds­be­tei­li­gung ge­bo­ten hätte, nämlich eine höhere Ren­dite und eine steuer-recht­lich güns­ti­gere Über­trag­bar­keit.

Ohne Er­folg be­ruft sich die Re­vi­sion dem­ge­genüber auf § 252 S. 2 Fall 1 BGB, wo­nach als ent­gan­gen der Ge­winn gilt, wel­cher nach dem gewöhn­li­chen Lauf der Dinge mit Wahr­schein­lich­keit er­war­tet wer­den konnte. Zu Recht ist das OLG in­so­weit nicht der Auf­fas­sung des Thürin­ger OLG Jena ge­folgt, nach dem gewöhn­li­chen Lauf der Dinge könne mit Wahr­schein­lich­keit er­war­tet wer­den, dass sich ein zur Verfügung ste­hen­der Geld­be­trag zu­min­dest in Höhe des ge­setz­li­chen Zins­sat­zes von 4 Pro­zent p.a. (§ 246 BGB) ver­zinse. Wie der Se­nat aus zahl­rei­chen Ver­fah­ren weiß, ent­spricht es schon nicht dem gewöhn­li­chen Lauf der Dinge, dass eine Geld­an­lage über­haupt Ge­winn ab­wirft. Erst recht gilt das für eine Ver­zin­sung von 4 Pro­zent p.a.

Link­hin­weis:
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