de en
Nexia Ebner Stolz

Aktuelles

BGH: Zum urheberrechtlichen Schutz einer literarischen Figur

Urteil des BGH vom 17.7.2013, I ZR 52/12

Der Schutz ei­ner li­te­ra­ri­schen Fi­gur (hier: Pipi Lang­strumpf) als Sprach­werk kommt in Be­tracht, wenn diese Fi­gur durch eine un­ver­wech­sel­bare Kom­bi­na­tion äußerer Merk­male, Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten, Fähig­kei­ten und ty­pi­schen Ver­hal­tens­wei­sen be­schrie­ben wird. Das Ur­he­ber­recht an ei­ner sol­chen Fi­gur wird nicht schon da­durch ver­letzt, dass le­dig­lich we­nige äußere Merk­male über­nom­men wer­den, die für sich ge­nom­men den Ur­he­ber­rechts­schutz nicht begründen könn­ten.

Der Sach­ver­halt:
Die Be­klagte be­treibt Ein­zel­han­delsmärkte. Um für ihre Kar­ne­vals­kostüme zu wer­ben, ver­wandte sie in Ver­kaufs­pro­spek­ten im Ja­nuar 2010 die Fo­to­gra­fien ei­nes etwa fünfjähri­gen Mädchens und ei­ner jun­gen Frau, die als Pippi Lang­strumpf ver­klei­det wa­ren. So­wohl das Mädchen als auch die junge Frau tru­gen eine rote Perücke mit ab­ste­hen­den Zöpfen und ein T-Shirt so­wie Strümpfe mit ro­tem und grünem Rin­gel­mus­ter.

Die Fo­to­gra­fien wa­ren bun­des­weit in Ver­kaufs­pro­spek­ten, auf Vor­ankündi­gungs­pla­ka­ten in den Fi­li­almärk­ten so­wie in Zei­tungs­an­zei­gen ab­ge­druckt und über die In­ter­net­seite der Be­klag­ten ab­ruf­bar. Darüber hin­aus wa­ren die Ab­bil­dun­gen den je­wei­li­gen Kostümsets bei­gefügt, von de­nen die Be­klagte ins­ge­samt mehr als 15.000 Stück ver­kaufte.

Die Kläge­rin, die für sich in An­spruch nimmt, In­ha­be­rin der ur­he­ber­recht­li­chen Nut­zungs­rechte am künst­le­ri­schen Schaf­fen von As­trid Lind­gren zu sein, ist der Auf­fas­sung, die Be­klagte habe mit ih­rer Wer­bung die ur­he­ber­recht­li­chen Nut­zungs­rechte an der li­te­ra­ri­schen Fi­gur "Pippi Lang­strumpf" ver­letzt. Diese ge­nieße für sich ge­nom­men ur­he­ber­recht­li­chen Schutz. Die Be­klagte habe sich in den ver­wen­de­ten Ab­bil­dun­gen an diese Fi­gur an­ge­lehnt. Aus die­sem Grund stehe ihr Scha­dens­er­satz in Höhe ei­ner fik­ti­ven Li­zenz­gebühr von 50.000 € zu.

LG und OLG ga­ben der Klage an­trags­gemäß statt. Der Kläge­rin stehe der gel­tend ge­machte An­spruch nach § 97 Abs. 2 UrhG zu. Die Fi­gur "Pippi Lang­strumpf" ge­nieße Ur­he­ber­rechts­schutz als Sprach­werk i.S.d. § 2 Abs. 1 Nr. 1 UrhG. Sie sei eine ein­ma­lige Fi­gur, die sich auf­grund ih­rer We­senszüge und ih­rer äußeren Merk­male von den bis da­hin be­kann­ten Fi­gu­ren deut­lich ab­hebe. Die von der Be­klag­ten ver­wen­de­ten Ab­bil­dun­gen zur Be­wer­bung der Kostüme seien i.S.d. § 23 UrhG un­freie Be­ar­bei­tun­gen der Fi­gur "Pippi Lang­strumpf", weil bei der vor­zu­neh­men­den Ge­samt­be­trach­tung die ei­gen­schöpfe­ri­schen Züge der "Pippi Lang­strumpf" darin deut­lich sicht­bar seien und es sich nicht um eine neues und ei­genständi­ges Werke han­dele.

Auf die Re­vi­sion der Be­klag­ten hob der BGH das Be­ru­fungs­ur­teil auf und wies die Klage ab, so­weit sie auf An­sprüche aus dem Ur­he­ber­recht gestützt ist. Im Hin­blick auf hilfs­weise gel­tend ge­machte wett­be­werbs­recht­li­che An­sprüche, über die das OLG noch nicht be­fun­den hatte, ver­wies der BGH die Sa­che zur neuen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das OLG zurück.

Die Gründe:
Die von As­trid Lind­gren in ih­ren Kin­derbüchern ge­schaf­fene Fi­gur der "Pippi Lang­strumpf" ge­nießt als Sprach­werk i.S.d. § 2 Abs. 1 Nr. 1 UrhG Ur­he­ber­rechts­schutz. Vor­aus­set­zung für den Schutz ei­nes fik­ti­ven Cha­rak­ters ist es, dass der Au­tor die­ser Fi­gur durch die Kom­bi­na­tion von aus­geprägten Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten und be­son­de­ren äußeren Merk­ma­len eine un­ver­wech­sel­bare Persönlich­keit ver­leiht. Dies ist bei der Fi­gur der "Pippi Lang­strumpf" der Fall.

Schon die äußeren Merk­male fal­len aus dem Rah­men (ka­rot­ten­far­bene Haare, die zu zwei ab­ste­hen­den Zöpfen ge­floch­ten sind, eine Nase vol­ler Som­mer­spros­sen, die die Form ei­ner klei­nen Kar­tof­fel hat, brei­ter la­chen­der Mund, gel­bes Kleid, dar­un­ter eine blaue Hose, ein schwar­zer und ein ge­rin­gel­ter Strumpf, viel zu große Schuhe). Dazu tre­ten ganz be­son­dere Persönlich­keits­merk­male: Trotz schwie­ri­ger fa­miliärer Verhält­nisse ist Pippi Lang­strumpf stets fröhlich; sie zeich­net sich durch eine aus­geprägte Furcht- und Re­spekt­lo­sig­keit, ge­paart mit Fan­ta­sie und Wort­witz, aus und verfügt über über­mensch­li­che Kräfte.

Al­ler­dings fehlt es vor­lie­gend an ei­ner Ver­let­zung des Ur­he­ber­rechts. Zwar er­kennt der Be­trach­ter, dass es sich bei den Fi­gu­ren in der Wer­bung der Be­klag­ten um Pippi Lang­strumpf han­deln soll. Das ändert aber nichts daran, dass diese in der Wer­bung ver­wen­de­ten Fi­gu­ren nur we­nige Merk­male über­neh­men, die für den ur­he­ber­recht­li­chen Schutz der li­te­ra­ri­schen Fi­gur der Pippi Lang­strumpf maßgeb­lich sind. Der Schutz ei­ner li­te­ra­ri­schen Fi­gur als Sprach­werk kommt in Be­tracht, wenn diese Fi­gur durch eine un­ver­wech­sel­bare Kom­bi­na­tion äußerer Merk­male, Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten, Fähig­kei­ten und ty­pi­schen Ver­hal­tens­wei­sen be­schrie­ben wird. Das Ur­he­ber­recht an ei­ner sol­chen Fi­gur wird nicht schon da­durch ver­letzt, dass le­dig­lich we­nige äußere Merk­male über­nom­men wer­den, die für sich ge­nom­men den Ur­he­ber­rechts­schutz nicht begründen könn­ten.

Nach den Fest­stel­lun­gen des OLG hat die Be­klagte für die Fi­gu­ren in den an­ge­grif­fe­nen Ab­bil­dun­gen le­dig­lich die Haare in Farbe und Form, die Som­mer­spros­sen und - ganz all­ge­mein - den Klei­dungs­til der Pippi Lang­strumpf über­nom­men. Diese Ele­mente mögen zwar aus­rei­chen, um As­so­zia­tio­nen an Pippi Lang­strumpf zu we­cken und um zu er­ken­nen, dass es sich um ein Pippi-Lang­strumpf-Kostüm han­deln soll. Sie genügen aber nicht, um den Ur­he­ber­rechts­schutz an der Fi­gur der Pippi Lang­strumpf zu begründen und neh­men da­her auch nicht iso­liert am Schutz der li­te­ra­ri­schen Fi­gur teil.

Link­hin­weis:
  • Der Voll­text der Ent­schei­dung wird demnächst auf den Web­sei­ten des BGH veröff­ent­licht.
  • Für die Pres­se­mit­tei­lung des BGH kli­cken Sie bitte hier
nach oben