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BGH: Rechtsprechungsänderung bei Aufsichtspflichtverletzungen des Kindergartenpersonals

Urteil des BGH vom 13.12.2012 - III ZR 226/12

In Fällen, in de­nen Kin­der ei­ner Kin­der­ta­gesstätte Ei­gen­tum Drit­ter be­schädi­gen, kann sich der Ge­schädigte, der ge­gen die Ge­meinde als Träge­rin der Kin­der­ta­gesstätte Amts­haf­tungs­an­sprüche nach § 839 BGB i.V.m. Art. 34 GG gel­tend macht, auf die Be­weis­last­re­gel des § 832 BGB be­ru­fen. So­mit gibt der III. Se­nat seine frühere Recht­spre­chung auf, wo­nach er eine An­wen­dung des Ent­schul­di­gungs­be­wei­ses bei einem Zu­sam­men­tref­fen mit einem An­spruch aus § 839 BGB ab­ge­lehnt hat.

Der Sach­ver­halt:
Der Kläger ist Hand­wer­ker und hatte Juni 2010 sei­nen Fir­men­wa­gen im Ein­gangs­be­reich ei­nes Schul­gebäudes ge­parkt, in dem er einen Was­ser­scha­den be­sei­tigte. In dem Schul­gebäude be­fin­det sich auch eine Kin­der­ta­gesstätte, de­ren 20 x 25 Me­ter großer Außen­be­reich mit einem Git­ter­mat­ten­zaun aus Me­tall ein­gezäunt ist.

An dem be­sag­ten Tag war eine aus acht Kin­dern be­ste­hende Gruppe der Ta­gesstätte un­ter der Lei­tung ei­ner Er­zie­he­rin mit Gar­ten­ar­bei­ten be­schäftigt. Drei der Kin­der ent­fern­ten sich und war­fen meh­rere Kie­sel­steine, die als Zier­steine um das Gebäude der Ta­gesstätte la­gen, auf das Fahr­zeug des Klägers, das etwa zwei Me­ter von dem Außen­be­reich der Ta­gesstätte ent­fernt parkte.

Der Kläger war der An­sicht, die be­klagte Stadt hafte für die an sei­nem Fahr­zeug durch den Stein­wurf ent­stan­de­nen Lack­schäden we­gen Ver­let­zung der Auf­sichts­pflicht sei­tens der Er­zie­he­rin­nen der Kin­der­ta­gesstätte. So­weit die als Zeu­gin­nen ver­nom­me­nen Er­zie­he­rin­nen nichts Näheres zur Wahr­neh­mung der ih­nen ob­lie­gen­den Auf­sichts­pflicht be­kun­det hätten, gehe dies zu Las­ten der Be­klag­ten. Die be­klagte Stadt war hin­ge­gen der Auf­fas­sung, eine ständige Über­wa­chung der Kin­der "auf Schritt und Tritt" könne nicht ver­langt wer­den.

Das LG wies die Klage ab; das OLG gab ihr i.H.v. rund 1.125 € statt. Die Re­vi­sion der Be­klag­ten blieb vor dem BGH er­folg­los.

Die Gründe:
Der Kläger konnte ge­gen die Be­klagte einen Scha­dens­er­satz­an­spruch gem. § 839 Abs. 1 BGB i.V.m. Art. 34 GG gel­tend ma­chen.

Die Er­zie­he­rin­nen der Kin­der­ta­gesstätte wa­ren in Ausübung ei­nes öff­ent­li­chen Am­tes tätig ge­wor­den. Zwar wa­ren die Klein­kin­der nicht "auf Schritt und Tritt", aber doch in kurzen Abständen re­gelmäßig zu kon­trol­lie­ren. Dies galt auch des­halb, weil es auf­grund der Lage des Außen­geländes der Ta­gesstätte und der kon­kre­ten Tätig­keit der Kin­der die­ser Gruppe (Gar­ten­ar­bei­ten un­ter Zu­hil­fe­nahme von Gar­ten­geräten) nicht aus­ge­schlos­sen er­schien, dass die Kin­der selbst oder Dritte in Folge kind­li­chen Spiels und grup­pen­dy­na­mi­scher Pro­zesse gefähr­det wer­den konn­ten. Der Um­stand, dass sich drei Kin­der und da­mit ein ganz er­heb­li­cher Teil der zu be­auf­sich­ti­gen­den Gruppe von den Gar­ten­ar­bei­ten ent­fernt hat­ten, konnte der Er­zie­he­rin bei Be­ob­ach­tung der ihr ob­lie­gen­den Auf­sichts­pflicht nicht über einen länge­ren Zeit­raum ver­bor­gen ge­blie­ben sein.

Die Frage der Dar­le­gungs- und Be­weis­last für die Erfüllung der Auf­sichts­pflicht und die Ursäch­lich­keit ei­ner et­wai­gen Auf­sichts­pflicht­ver­let­zung für den Scha­den des Klägers war von ent­schei­den­der Be­deu­tung. Frag­lich war ins­be­son­dere, ob die Be­weis­last­re­gel des § 832 BGB im Rah­men der Amts­haf­tung nach § 839 BGB an­wend­bar ist. Dies ist in Recht­spre­chung und Li­te­ra­tur um­strit­ten. Der Se­nat hat sich nun un­ter Auf­gabe sei­ner früheren Recht­spre­chung der Auf­fas­sung an­ge­schlos­sen, die Be­weis­last­re­gel des § 832 BGB gelte auch im Rah­men der Haf­tung für die Ver­let­zung der öff­ent­lich-recht­li­chen Auf­sichts­pflicht nach § 839 BGB i.V.m. Art. 34 GG. Nach neu­erer BGH-Recht­spre­chung wer­den so­wohl bei der Haf­tung für Tiere als auch bei der Haf­tung für den Zu­stand von Gebäuden die Be­weis­last­re­geln des § 833 S. 2 BGB bzw. des § 836 Abs. 1 S. 2 BGB im Rah­men des § 839 BGB ent­spre­chend her­an­ge­zo­gen. Ein plau­si­bler Grund, wa­rum für § 832 Abs. 1 S. 2 BGB et­was an­de­res gel­ten soll, ist nicht zu er­ken­nen.

Die den Be­diens­te­ten ei­ner Kin­der­ta­gesstätte ob­lie­gende Auf­sichts­pflicht über die ih­nen an­ver­trau­ten Kin­der ist, so­weit sie der Ver­mei­dung von Schäden Drit­ter dient, eine be­son­dere Ausprägung der Ver­kehrs­si­che­rungs­pflich­ten, wie sie all­ge­mein von der Grundnorm des § 823 BGB er­fasst wer­den. Im Be­reich der pri­vat­recht­li­chen Haf­tung ist sie in § 832 BGB ge­re­gelt, der im Rah­men der §§ 823 ff BGB einen ei­genständi­gen Haf­tungs­tat­be­stand bil­det. Zwar ist für eine un­mit­tel­bare An­wen­dung der de­liktsrecht­li­chen Haf­tungs­tat­bestände der §§ 823 ff BGB im Fall von Amts­pflicht­ver­let­zun­gen grundsätz­lich kein Raum, weil § 839 BGB in­so­fern einen Son­der­tat­be­stand dar­stellt. Dies be­deu­tet in­des nicht, dass die be­son­de­ren Be­weis­last­re­geln der §§ 832, 833 S. 2 und § 836 BGB im Rah­men der Amts­haf­tung keine An­wen­dung fin­den können. Verdrängt wer­den durch den Son­der­tat­be­stand des § 839 BGB le­dig­lich die Haf­tungs­tat­bestände der §§ 823 ff BGB.

Link­hin­weis:
  • Der Voll­text der Ent­schei­dung ist auf der Home­page des BGH veröff­ent­licht.
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