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BFH zur Steuerfreiheit und Steuerbarkeit der Vermögensverwaltung mit Wertpapieren

Urteil des BFH vom 11.10.2012 - V R 9/10

Die Vermögens­ver­wal­tung mit Wert­pa­pie­ren, bei der ein Steu­er­pflich­ti­ger auf­grund ei­ge­nen Er­mes­sens über den Kauf und Ver­kauf von Wert­pa­pie­ren ent­schei­det und diese Ent­schei­dung durch den Kauf und Ver­kauf der Wert­pa­piere voll­zieht, ist eine ein­heit­li­che und im In­land steu­er­pflich­tige Leis­tung. Wird diese Vermögens­ver­wal­tung an im Dritt­lands­ge­biet ansässige Pri­vat­an­le­ger er­bracht, ist sie nach Art. 56 Abs. 1e der Richt­li­nie 2006/112/EG am Empfänger­ort zu be­steu­ern.

Der Sach­ver­halt:
Die Kläge­rin ist eine Bank. Sie er­brachte im Streit­jahr 2008 Leis­tun­gen an Pri­vat­kun­den. So be­auf­trag­ten die An­le­ger sie, Wert­pa­piere un­ter Berück­sich­ti­gung der vom Kun­den aus­gewähl­ten Stra­te­gie­va­ri­ante nach ei­ge­nem Er­mes­sen und ohne vor­he­rige Ein­ho­lung ei­ner Wei­sung des An­le­gers zu ver­wal­ten so­wie alle Maßnah­men zu tref­fen, die zweckmäßig er­schie­nen. Die Kläge­rin war be­rech­tigt, über die Vermögens­werte im Na­men und für Rech­nung des An­le­gers zu verfügen.

Als Vergütung mus­ste der An­le­ger pro Jahr eine sog. Teil­pau­schal­vergütung i.H.v. 1,8 % des Werts des ver­wal­te­ten Vermögens zah­len. Dies um­fasste auch die Konto- und De­potführung so­wie die Aus­ga­be­auf­schläge für den Er­werb von In­vest­ment­an­tei­len ein­schließlich der In­vest­ment­an­teile an Fonds, die durch Un­ter­neh­men der Kläge­rin ver­wal­tet wur­den. Je­weils zum Ende ei­nes Ka­len­der­vier­tel­jah­res so­wie zum Jah­res­ende er­hielt der Kunde einen Be­richt über den Ver­lauf der Vermögens­ver­wal­tung. Der Kunde hatte das Recht, den Auf­trag je­der­zeit mit so­for­ti­ger Wir­kung zu be­en­den.

Bei Ab­gabe ih­rer Um­satz­steuer-Vor­an­mel­dung für das Streit­jahr ging die Kläge­rin da­von aus, dass ihre Leis­tun­gen nach § 4 Nr. 8e UStG bei Leis­tun­gen an An­le­ger im In­land und im übri­gen Ge­mein­schafts­ge­biet steu­er­frei und bei Leis­tun­gen an An­le­ger im Dritt­lands­ge­biet als nach § 3a Abs. 4 Nr. 6a UStG nicht steu­er­bar seien. Das Fi­nanz­amt folgte dem nicht und er­ließ einen Um­satz­steu­er­vor­aus­zah­lungs­be­scheid, in dem es die Umsätze der Vermögens­ver­wal­tung mit Wert­pa­pie­ren für Pri­vat­kun­den als steu­er­bar und steu­er­pflich­tig be­han­delte.

Das FG gab der hier­ge­gen ge­rich­te­ten Klage statt. Auf die Re­vi­sion des Fi­nanz­am­tes setzte der BFH das Ver­fah­ren aus und legte die Sa­che dem EuGH mit der Frage zur Ent­schei­dung vor, ob Ban­ken und an­dere Vermögens­ver­wal­ter, die für ein­zelne An­le­ger Wert­pa­pier­vermögen ver­wal­ten (sog. in­di­vi­du­elle Port­fo­lio­ver­wal­tung), mit die­sen Leis­tun­gen der Um­satz­steuer un­ter­lie­gen. Der EuGH hat in sei­nem Ur­teil vom 19.7.2012 (Rs.: C-44/11) fol­gen­dermaßen ent­schie­den:

  • Eine Leis­tung der Vermögens­ver­wal­tung mit Wert­pa­pie­ren wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Rede ste­hende, d.h. eine ent­gelt­li­che Tätig­keit, bei der ein Steu­er­pflich­ti­ger auf­grund ei­ge­nen Er­mes­sens über den Kauf und Ver­kauf von Wert­pa­pie­ren ent­schei­det und diese Ent­schei­dung durch den Kauf und Ver­kauf der Wert­pa­piere voll­zieht, be­steht aus zwei Ele­men­ten, die so eng mit­ein­an­der ver­bun­den sind, dass sie ob­jek­tiv eine ein­zige wirt­schaft­li­che Leis­tung bil­den.
  • Art. 135 Abs. 1f bzw. g der Richt­li­nie 2006/112/EG ist da­hin aus­zu­le­gen, dass eine Vermögens­ver­wal­tung mit Wert­pa­pie­ren wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Rede ste­hende nicht gemäß die­ser Be­stim­mung von der Mehr­wert­steuer be­freit ist.
  • Art. 56 Abs. 1e der Richt­li­nie 2006/112 ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er nicht nur die in Art. 135 Abs. 1a bis g die­ser Richt­li­nie ge­nann­ten Leis­tun­gen um­fasst, son­dern auch die Leis­tun­gen der Vermögens­ver­wal­tung mit Wert­pa­pie­ren.

Dar­auf­hin hat der BFH das erst­in­stanz­li­che Ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sa­che zur er­neu­ten Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das FG zurück­ver­wie­sen.

Die Gründe:
Die Kläge­rin kann für die im In­land er­brach­ten Leis­tun­gen bei der Vermögens­ver­wal­tung mit Wert­pa­pie­ren keine Steu­er­frei­heit in An­spruch neh­men.

Nach dem im Streit­fall er­gan­ge­nen EuGH-Ur­teil steht fest, dass die durch die Kläge­rin er­brach­ten Leis­tun­gen als ein­heit­li­che Leis­tung an­zu­se­hen sind. Der EuGH hat in­so­weit die in dem BMF-Schrei­ben vom 9.12.2008 ver­tre­tene Rechts­auf­fas­sung bestätigt. Nach dem EuGH-Ur­teil steht außer­dem fest, dass die im In­land er­brach­ten Leis­tun­gen bei der Vermögens­ver­wal­tung mit Wert­pa­pie­ren nicht nach Art. 135 Abs. 1f der Richt­li­nie 2006/112/EG und da­mit auch nicht nach § 4 Nr. 8e UStG steu­er­frei, son­dern steu­er­pflich­tig sind. Der EuGH hat auch in­so­weit die in dem BMF-Schrei­ben vom 9.12.2008 ver­tre­tene Rechts­auf­fas­sung bestätigt. Der Se­nat hält da­her in­so­weit an sei­nem Ur­teil vom 11.10.2007 (Az.: V R 22/04) nicht fest.

Der Se­nat konnte al­ler­dings nicht ab­schließend in der Sa­che ent­schei­den, da das FG keine Fest­stel­lun­gen zum Um­fang der Leis­tun­gen ge­trof­fen hat, die die Kläge­rin ge­genüber im Dritt­lands­ge­biet ansässi­gen An­le­gern er­bracht hatte. Die Kläge­rin ist aber be­rech­tigt, sich auf das für sie güns­ti­gere Uni­ons­recht zu be­ru­fen. In­so­weit ist an dem Se­nats­ur­teil vom 11.10.2007, mit dem der BFH be­reits ent­schie­den hat, dass § 3a Abs. 4 Nr. 6a UStG das Uni­ons­recht nicht zu­tref­fend um­setzt, ent­ge­gen dem BMF-Schrei­ben vom 9.12.2008 wei­ter­hin fest­zu­hal­ten.

Link­hin­weis:
  • Der Voll­text der Ent­schei­dung ist auf der Home­page des BFH veröff­ent­licht.
  • Um di­rekt zum Voll­text zu ge­lan­gen, kli­cken Sie bitte hier.
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