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BFH zum Kindergeldanspruch für ein Kind mit eigenem nichtehelichen Kind im gemeinsamen Haushalt mit dem Kindsvater

Urteil des BFH vom 11.4.2013 - III R 24/12

Le­ben die El­tern­teile ei­nes nicht­ehe­li­chen Kin­des in einem ge­mein­sa­men Haus­halt, kann bei ei­ner not­wen­di­gen Schätzung von ge­genüber dem be­treu­en­den El­tern­teil er­brach­ten Un­ter­halts­leis­tun­gen des an­de­ren El­tern­teils nicht von dem Er­fah­rungs­satz aus­ge­gan­gen wer­den, dass sich die El­tern­teile das Ein­kom­men des al­lein­ver­die­nen­den El­tern­teils oder ihr ge­mein­sa­mes verfügba­res Ein­kom­men hälf­tig tei­len. Es ist im Ein­zel­nen zu er­mit­teln, ob und ggf. in wel­chem Um­fang ge­genüber dem be­treu­en­den El­tern­teil im je­wei­li­gen An­spruchs­zeit­raum Bar- oder Na­tu­ral­leis­tun­gen durch den an­de­ren El­tern­teil oder durch einen Drit­ten er­bracht wur­den.

Der Sach­ver­halt:
Die Kläge­rin ist die Mut­ter der im April 1984 ge­bo­re­nen T. Im Ja­nuar 2006 ge­bar T. selbst ein Kind. Des­sen Va­ter er­bringt zwar für das Kind, al­ler­dings nicht für T. Un­ter­halts­zah­lun­gen. T. lebt seit 2006 zu­sam­men mit ih­rem Sohn und dem Kinds­va­ter im Haus der Mut­ter des Kinds­va­ters, die bis zu ih­rem Tod im April 2011 eben­falls dort wohnte. Seit März 2008 be­sucht der Sohn einen Kin­der­gar­ten.

Die T. stu­dierte zunächst ab dem Win­ter­se­mes­ter 2002/2003. In den Win­ter­se­mes­tern 2005/2006 und 2006/2007 nahm sie je­weils ein Ur­laubs­se­mes­ter. In den Jah­ren 2006 bis 2008 stellte T. ver­schie­dene Bemühun­gen um einen Aus­bil­dungs­platz an. Im Sep­tem­ber 2008 be­gann sie eine Be­rufs­aus­bil­dung im Jus­tiz­dienst. Der Kinds­va­ter er­zielte 2006 ein zu ver­steu­ern­des Ein­kom­men i.H.v. 21.106 €. Im Jahr 2007 wa­ren es 23.237 €. Im Jahr 2008 er­hielt er Brut­to­ein­nah­men i.H.v. 28.309 € und es ent­stan­den ihm Wer­bungs­kos­ten i.H.v. 3.519 €.

Die Fa­mi­li­en­kasse hob die zu­guns­ten der Kläge­rin er­folgte Kin­der­geld­fest­set­zung für T. ab Ja­nuar 2006 auf und for­derte das für Ja­nuar 2006 bis De­zem­ber 2008 be­reits aus­be­zahlte Kin­der­geld i.H.v. 5.544 € von der Kläge­rin zurück. Die Behörde ging da­bei da­von aus, dass ein Kin­der­geld­an­spruch der Kläge­rin aus­ge­schlos­sen sei, weil ge­genüber der T. nach § 1615 Abs. 1 BGB vor­ran­gig der Kinds­va­ter des ge­mein­sa­men Soh­nes un­ter­halts­pflich­tig sei.

Das FG wies die hier­ge­gen ge­rich­tete Klage ab. Auf die Re­vi­sion der Kläge­rin hob der BFH das Ur­teil auf und wies die Sa­che zur er­neu­ten Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das FG zurück.

Die Gründe:
Die Fest­stel­lun­gen des FG ließen keine Ent­schei­dung darüber zu, ob ein Kin­der­geld­an­spruch der Kläge­rin aus­ge­schlos­sen ist.

Die Frage, ob ein Kind trotz ei­ner ge­genüber der Un­ter­halts­pflicht der El­tern vor­ran­gi­gen Un­ter­halts­ver­pflich­tung des Ehe­gat­ten oder nach § 1615 Abs. 1 BGB des an­de­ren El­tern­teils ei­nes nicht­ehe­li­chen Kin­des wei­ter­hin beim Kin­der­frei­be­trag oder beim Kin­der­geld berück­sich­tigt wer­den kann, ist nicht im Rah­men der Berück­sich­ti­gungs­tat­bestände des § 32 Abs. 4 S. 1 EStG zu prüfen. Der Se­nat hat be­reits in sei­nen Ent­schei­dun­gen zur Berück­sich­ti­gung von Kin­dern während ei­ner Voll­zeit­er­werbstätig­keit aus­geführt, dass eine ty­pi­sche Un­ter­halts­si­tua­tion kein un­ge­schrie­be­nes Tat­be­stands­merk­mal der ein­zel­nen Berück­sich­ti­gungs­tat­bestände ist. § 32 Abs. 4 S. 2 EStG setzt für einen Kin­der­geld­an­spruch der Kläge­rin vor­aus, dass die Einkünfte und Bezüge der T., die zur Be­strei­tung des Un­ter­halts oder der Be­rufs­aus­bil­dung be­stimmt oder ge­eig­net sind, nicht mehr als 7.680 € im Ka­len­der­jahr be­tra­gen ha­ben.

Für den Fall, dass die El­tern ei­nes nicht­ehe­li­chen Kin­des nicht in einem ge­mein­sa­men Haus­halt le­ben, hat der Se­nat be­reits ent­schie­den, dass Un­ter­halts­leis­tun­gen we­gen des auch bei der Er­mitt­lung der Bezüge zu be­ach­ten­den Zu­fluss­prin­zips nur dann an­zu­set­zen sind, wenn sie dem un­ter­halts­be­rech­tig­ten Ehe­gat­ten oder dem an­de­ren El­tern­teil auch tatsäch­lich zu­ge­flos­sen sind, so­fern der Un­ter­halts­be­rech­tigte nicht i.S.d. § 32 Abs. 4 S. 9 EStG auf die Gel­tend­ma­chung sei­nes Un­ter­halts­an­spruchs ver­zich­tet hat. Le­ben kin­der­lose Ehe­gat­ten in einem ge­mein­sa­men Haus­halt, ist hin­sicht­lich der not­wen­di­gen Schätzung der Un­ter­halts­leis­tun­gen da­von aus­zu­ge­hen, dass dem nicht ver­die­nen­den Ehe­part­ner von einem Al­lein­ver­die­ner mit einem durch­schnitt­li­chen Net­to­ein­kom­men in etwa die Hälfte des Net­to­ein­kom­mens in Form von Geld- und Sach­leis­tun­gen als Un­ter­halt zu­fließt, so­weit dem un­ter­halts­ver­pflich­te­ten Ehe­part­ner ein verfügba­res Ein­kom­men in Höhe des steu­er­recht­li­chen Exis­tenz­mi­ni­mums ver­bleibt.

Diese für zu­sam­men­le­bende kin­der­lose Ehe­gat­ten gel­ten­den Grundsätze las­sen sich al­ler­dings nicht auf die - wie hier - in einem ge­mein­sa­men Haus­halt le­ben­den El­tern­teile ei­nes nicht­ehe­li­chen Kin­des über­tra­gen. In sol­chen Fällen kann bei nicht von dem Er­fah­rungs­satz aus­ge­gan­gen wer­den, dass sich die El­tern­teile das Ein­kom­men des al­lein­ver­die­nen­den El­tern­teils oder ihr ge­mein­sa­mes verfügba­res Ein­kom­men hälf­tig tei­len. Viel­mehr ist denk­bar, dass der un­ter­halts­ver­pflich­tete El­tern­teil Un­ter­halt nur in Höhe sei­ner zi­vil­recht­li­chen Ver­pflich­tung er­bringt, frei­wil­lig Leis­tun­gen er­bringt, zu de­nen er zi­vil­recht­lich nicht ver­pflich­tet ist, oder -z.B. auf­grund der Si­cher­stel­lung des Un­ter­halts durch frei­wil­lige Leis­tun­gen Drit­ter - we­ni­ger an Un­ter­halt leis­tet, als er zi­vil­recht­lich leis­ten müsste. We­gen der Gel­tung des Zu­fluss­prin­zips ist da­her im Ein­zel­nen zu er­mit­teln, ob und ggf. in wel­chem Um­fang ge­genüber dem be­treu­en­den El­tern­teil im je­wei­li­gen An­spruchs­zeit­raum Bar- oder Na­tu­ral­leis­tun­gen durch den an­de­ren El­tern­teil oder durch einen Drit­ten er­bracht wur­den.

Link­hin­weis:
  • Der Voll­text der Ent­schei­dung ist auf der Home­page des BFH veröff­ent­licht.
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