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BFH zum Kindergeld: Antrags auf Leistungen nach dem SGB II kann gleichzeitig Meldung als Arbeitsuchender sein

Urteil des BFH vom 26.7.2012 - VI R 98/10

In Fällen, in de­nen ein Kind nach Ende ei­ner Be­rufs­aus­bil­dung ar­beits­los wird und dies im Rah­men des An­trags auf Be­zug von Leis­tun­gen nach dem SGB II der dafür zuständi­gen Stelle mit­teilt, ist gleich­zei­tig eine Mel­dung als Ar­beit­su­chen­der i.S.d. § 122 SGB III an­zu­neh­men. § 32 Abs. 4 S. 1 Nr. 1 EStG ver­langt nicht zusätz­lich eine "ausdrück­li­che" Mel­dung als Ar­beit­su­chende.

Der Sach­ver­halt:
Die Kläge­rin hatte bis Juli 2006 für ihre heute 24-jährige Toch­ter Kin­der­geld be­zo­gen. Diese ab­sol­vierte von Au­gust 2004 bis Juli 2006 eine Aus­bil­dung zur staat­lich geprüften Kos­me­ti­ke­rin ohne Aus­bil­dungs­vergütung. Im Fe­bruar 2006 be­wil­ligte ARGE der Toch­ter Leis­tun­gen zur Si­che­rung des Le­bens­un­ter­halts nach dem SGB II, und zwar be­fris­tet bis zum 31.8.2006. We­gen Weg­falls der bis zum 31.7.2006 eben­falls gewähr­ten Leis­tun­gen nach dem BAföG be­wil­ligte die ARGE erhöhte Leis­tun­gen für die Zeit ab 1.8.2006 bzw. 1.9.2006 bis 31.8.2006 bzw. 30.11.2006.

Am 4.9. bzw. 6.11.2006 be­an­tragte die Kläge­rin die Fest­set­zung von Kin­der­geld für ab Au­gust 2006. Dies lehnte die Fa­mi­li­en­kasse, nach­dem die ARGE mit­ge­teilt hatte, dass die Toch­ter dort nicht ar­beit­su­chend ge­mel­det sei. Auf den Ein­spruch der Kläge­rin setzte die Fa­mi­li­en­kasse Kin­der­geld ab No­vem­ber 2006 fest. Hin­sicht­lich des Zeit­raums Au­gust bis Ok­to­ber 2006 blieb es da­ge­gen bei der Ab­leh­nung.

Das FG gab der hier­ge­gen ge­rich­te­ten Klage statt. Die Fa­mi­li­en­kasse sah darin eine feh­ler­hafte An­wen­dung des § 32 Abs. 4 S. 1 Nr. 1 EStG. Ihre Re­vi­sion vor dem BFH blieb al­ler­dings er­folg­los.

Die Gründe:
Der Kläge­rin steht für den Streit­zeit­raum Au­gust bis Ok­to­ber 2006 ein Kin­der­geld­an­spruch für ihre Toch­ter zu.

Seit der Neu­fas­sung des § 32 Abs. 4 S. 1 Nr. 1 EStG im De­zem­ber 2002 genügt die Mel­dung als Ar­beit­su­chen­der bei ei­ner Agen­tur für Ar­beit. Die übri­gen Merk­male der Ar­beits­lo­sig­keit i.S.d. § 119 Abs. 1SGB III, wie Ei­gen­bemühun­gen und Verfügbar­keit, müssen nicht mehr nach­ge­wie­sen wer­den. Ne­ben der Be­schei­ni­gung der Mel­dung als Ar­beit­su­chen­der durch die Agen­tur für Ar­beit dient auch der Nach­weis der Ar­beits­lo­sig­keit oder des Be­zugs von Ar­beits­lo­sen­geld nach dem SGB III als Nach­weis der Mel­dung als Ar­beit­su­chen­der.

Zwar wer­den Leis­tun­gen nach dem SGB II nur auf An­trag er­bracht. Auch ist für den Be­zug die­ser Leis­tun­gen keine ausdrück­li­che Ar­beits­mel­dung i.S.d. § 122 Abs. 1 SGB III er­for­der­lich. Viel­mehr muss mit dem An­trag nur zum Aus­druck ge­bracht wer­den, dass Leis­tun­gen vom Träger der Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chende be­gehrt wer­den. Den­noch kann sich an­ge­sichts der Auf­gabe und des Ziels des SGB II zu­min­dest aus den Umständen des Ein­zel­falls er­ge­ben, dass der erwähnte An­trag die Mel­dung als Ar­beit­su­chen­der ein­schließt. Als Ar­beit­su­chen­der ge­mel­det ist nämlich, wer ge­genüber der zuständi­gen Agen­tur für Ar­beit oder ARGE persönlich die Tat­sa­che ei­ner künf­ti­gen oder ge­genwärti­gen Ar­beits­lo­sig­keit an­zeigt. Da­von war im Streit­fall aus­zu­ge­hen.

Die Toch­ter der Kläge­rin hatte im Zu­sam­men­hang mit der An­trag­stel­lung im Mai 2006 die ARGE über ihre Be­schäfti­gungs­lo­sig­keit nach Aus­bil­dungs­ende "persönlich" in Kennt­nis ge­setzt und sich da­mit als ar­beit­su­chend ge­mel­det. Die ARGE war ab die­sem Zeit­punkt in der Lage, ih­rer Ver­pflich­tung gem. § 3 Abs. 2 SGB II nach­zu­kom­men und Ver­mitt­lungs­bemühun­gen zu star­ten, um die Ar­beits­lo­sig­keit möglichst ra­sch zu be­sei­ti­gen. Die Mit­tei­lung erfüllte durch­aus die Vor­aus­set­zun­gen des § 122 SGB III. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Fa­mi­li­en­kasse ver­langt § 32 Abs. 4 S. 1 Nr. 1 EStG nämlich nicht zusätz­lich eine "ausdrück­li­che" Mel­dung als Ar­beit­su­chende. Es war Auf­gabe der ARGE, die An­zeige der Ar­beits­lo­sig­keit der Fa­mi­li­en­kasse mit­zu­tei­len. Dass dies un­ter­blieb war, konnte nicht der Kläge­rin an­ge­las­tet wer­den.

Link­hin­weis:
  • Der Voll­text der Ent­schei­dung ist auf der Home­page des BFH veröff­ent­licht.
  • Um di­rekt zum Voll­text zu ge­lan­gen, kli­cken Sie bitte hier.
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