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BFH: EuGH-Vorlage zur Steuerschuldnerschaft bei geschmuggelten Zigaretten

Entscheidung des BFH vom 12.12.2012 - VII R 44/11

Nach An­sicht des BGH ist § 19 TabStG da­hin­ge­hend zu deu­ten, dass Empfänger nur der­je­nige sein kann, der den Be­sitz an den Ta­bak­wa­ren vor Be­en­di­gung des Ver­brin­gungs- oder Ver­sen­dungs­vor­gangs er­langt hat. Nach Auf­fas­sung des BFH könnte Art. 9 Abs. 1 Richt­li­nie 92/12/EWG der vom BGH ge­trof­fe­nen Aus­le­gung ent­ge­gen­ste­hen.

Der Sach­ver­halt:
Der Kläger war mit rechtskräfti­gem Ur­teil we­gen ge­werbsmäßiger Steu­er­heh­lerei in vier Fällen zu ei­ner Frei­heits­strafe ver­ur­teilt wor­den. Dar­auf­hin nahm das Haupt­zoll­amt ihn ge­samt­schuld­ne­ri­sch mit drei wei­te­ren Schuld­nern we­gen Ta­bak­steuer nebst Zin­sen in An­spruch. Das FG wies die hier­ge­gen ge­rich­tete Klage ab. Es war der An­sicht, der Steu­er­an­spruch er­gebe sich aus § 19 S. 1 TabStG in der zur Tat­zeit (Ok­to­ber 2008) gel­ten­den Fas­sung. Nach­dem die Zi­ga­ret­ten in das Steu­er­ge­biet ver­bracht wor­den seien, habe der Kläger sie als Empfänger in Be­sitz ge­nom­men, so dass er nach § 19 S. 2 TabStG Steu­er­schuld­ner ge­wor­den sei.

Nach Art. 9 Abs. 1 Un­ter­abs. 1 der Richt­li­nie 92/12/EWG seien als Steu­er­schuld­ner beim Ver­brin­gen oder Ver­sen­den ei­ner ver­brauch­steu­er­pflich­ti­gen Ware in das inländi­sche Steu­er­ge­biet alle Per­so­nen an­zu­se­hen, die Herr­schaft über die Ware er­lang­ten. So­mit komme auch ein wei­te­rer Empfänger im Steu­er­ge­biet, etwa ein Zwi­schenhänd­ler oder ein Ab­neh­mer, als Steu­er­schuld­ner in Be­tracht. Diese Aus­le­gung stehe im Ein­klang mit der Fest­le­gung der Zoll­schuld­ner in Art. 202 und 203 des Zoll­ko­dex. Empfänger i.S.d. § 19 S. 2 TabStG könne so­mit auch eine Per­son sein, die den Be­sitz an den Ta­bak­wa­ren erst nach der Be­en­di­gung des Ver­brin­gungs- bzw. Ver­sen­dungs­vor­gangs er­lange. Der An­sicht des BGH, nach der Empfänger nicht mehr sein könne, wer den Be­sitz an den Ta­bak­wa­ren erst nach Be­en­di­gung des Ver­brin­gungs- bzw. Ver­sen­dungs­vor­gangs er­lange (Urt. v. 2.2.2010, Az.: 1 StR 635/09), könne nicht ge­folgt wer­den.

Auf die Re­vi­sion des Klägers hat der BFH das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem EuGH die Frage zur Ent­schei­dung vor­ge­legt, ob Art. 9 Abs. 1 Un­ter­abs. 2 der Richt­li­nie 92/12/EWG un­be­scha­det sei­nes sys­te­ma­ti­schen Zu­sam­men­hangs mit Art. 7 Abs. 3 der Richt­li­nie 92/12/EWG ei­ner ge­setz­li­chen Re­ge­lung ei­nes Mit­glied­staats ent­ge­gen­steht, nach der eine Per­son, die in einem an­de­ren Mit­glied­staat in den steu­er­recht­lich freien Ver­kehr über­geführte ver­brauch­steu­er­pflich­tige Wa­ren zu ge­werb­li­chen Zwecken in Be­sitz hält, nicht Steu­er­schuld­ner wird, wenn sie die Wa­ren erst nach Be­en­di­gung des Vor­gangs des Ver­brin­gens von ei­ner an­de­ren Per­son er­wor­ben hat.

Die Gründe:
Der vor­le­gende Se­nat hat Zwei­fel, ob Art. 9 Abs. 1 Richt­li­nie 92/12/EWG die steu­er­recht­li­che In­an­spruch­nahme le­dig­lich des Erst­be­sit­zers zulässt, oder ob nach den uni­ons­recht­li­chen Vor­ga­ben jede Per­son, die in einem Mit­glied­staat mit un­ver­steu­er­ten Wa­ren an­ge­trof­fen wird, die aus dem steu­er­recht­lich freien Ver­kehr ei­nes an­de­ren Mit­glied­staats stam­men, als Steu­er­schuld­ner in An­spruch ge­nom­men wer­den kann oder in An­spruch zu neh­men ist. Diese Zwei­fel er­ge­ben sich aus dem in Art. 9 Abs. 1 Richt­li­nie 92/12/EWG auf­ge­nom­me­nen Hin­weis, nach dem die Ver­brauch­steuer un­be­scha­det der Art. 6, 7 und 8 Richt­li­nie 92/12/EWG ent­steht.

Die Sys­te­ma­tik der uni­ons­recht­li­chen Vor­ga­ben und die EuGH-Recht­spre­chung schei­nen den steu­er­recht­li­chen Zu­griff auf Per­so­nen zu ver­lan­gen, de­nen un­ver­steu­erte Wa­ren ein­deu­tig zu­ge­ord­net wer­den können. Da­bei scheint es nach dem Wort­laut des Art. 9 Abs. 1 Richt­li­nie 92/12/EWG ohne Be­lang zu sein, ob die Ware in ei­ner Lie­fer­kette an meh­rere Per­so­nen wei­ter­ge­ge­ben wurde. Je­der, der mit der un­ver­steu­er­ten Ware an­ge­trof­fen wird, müsste da­her Steu­er­schuld­ner sein.

Nach An­sicht des BFH ist § 19 TabStG da­hin­ge­hend zu deu­ten, dass Empfänger nur der­je­nige sein kann, der den Be­sitz an den Ta­bak­wa­ren vor Be­en­di­gung des Ver­brin­gungs- oder Ver­sen­dungs­vor­gangs er­langt hat. Nach die­ser Auf­fas­sung ist eine Be­en­di­gung dann ge­ge­ben, wenn die Ta­bak­wa­ren in Si­cher­heit ge­bracht und "zur Ruhe ge­kom­men" sind, d.h. wenn die Ta­bak­wa­ren die "gefähr­li­che" Phase des Grenzüber­tritts pas­siert ha­ben, und der Ver­brin­ger oder Ver­sen­der sein Un­ter­neh­men ins­ge­samt er­folg­reich ab­ge­schlos­sen hat. Diese Aus­le­gung des Be­griffs "Empfänger" hat zur Folge, dass nur der Erst­be­sit­zer der ein­ge­schmug­gel­ten Wa­ren Steu­er­schuld­ner sein kann. Wer ein­ge­schmug­gelte Zi­ga­ret­ten von an­de­ren Per­so­nen über­nimmt, um sie so­dann wei­ter­zu­ver­kau­fen und hier­von sei­nen Le­bens­un­ter­halt zu be­strei­ten, kommt als Steu­er­schuld­ner nicht mehr in Be­tracht.

Da § 19 TabStG der Um­set­zung des Art. 9 Abs. 1 Un­ter­abs. 2 Richt­li­nie 92/12/EWG in na­tio­na­les Recht dient, ist bei der Aus­le­gung der Vor­schrift der Sinn und Zweck der ein­schlägi­gen Richt­li­ni­en­be­stim­mun­gen und die Recht­spre­chung des EuGH zu be­ach­ten. Nach Auf­fas­sung des vor­le­gen­den Ge­richts könnte Art. 9 Abs. 1 Richt­li­nie 92/12/EWG der vom BGH ge­trof­fe­nen Aus­le­gung ent­ge­gen­ste­hen.

Link­hin­weis:
  • Der Voll­text der Ent­schei­dung ist auf der Home­page des BFH veröff­ent­licht.
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