deen
Nexia Ebner Stolz

BaFin-Leitfaden zur Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte

Ab 1.1.2019 gilt der BaFin-Leitfaden zur aufsichtlichen Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte.

Euro­päi­sche Ent­wick­lun­gen in der Ban­k­auf­sicht geben Anlass zur Neu­aus­rich­tung

Im Januar 2016 ver­öf­f­ent­lichte die Euro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB) erst­mals ihre Erwar­tun­gen an die Aus­ge­stal­tung des inter­nen Pro­zes­ses zur Beur­tei­lung der Ange­mes­sen­heit der Kapi­tal­aus­stat­tung (Inter­nal Capi­tal Ade­qu­acy Assess­ment Pro­cess, ICAAP) und des inter­nen Pro­zes­ses zur Beur­tei­lung der Ange­mes­sen­heit der Liqui­di­tät (Inter­nal Liqui­dity Ade­qu­acy Assess­ment Pro­cess, ILAAP) für von ihr beauf­sich­tigte bedeu­tende Kre­di­t­in­sti­tute. Diese Erwar­tun­gen wur­den 2017 durch die EZB über­ar­bei­tet, wei­ter aus­ge­baut und am 2.3.2018 in Form zweier Leit­fä­den zur Kon­sul­ta­tion ges­tellt. Mit Wir­kung zum 1.1.2019 sol­len diese Leit­fä­den die EZB-Erwar­tun­gen an den ICAAP und den ILAAP aus dem Jahr 2016 erset­zen.

BaFin-Leitfaden zur Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte© Thinkstock

Hin­weis

Die Not­wen­dig­keit zur Schaf­fung eines ein­heit­li­chen Ver­ständ­nis­ses ins­be­son­dere bei der Anwen­dung des ICAAP im Rah­men des SREP (Super­vi­sory Review and Eva­lua­tion Pro­cess) ergab sich, nach­dem eine hohe Hete­ro­geni­tät in den ICAAP-Kon­zep­tio­nen inn­er­halb des SSM-Raums (Anwen­dungs­raum des Single Super­vi­sory Mecha­nism) erkannt wurde.

In Anleh­nung an die von der EZB ver­öf­f­ent­li­chen Erwar­tun­gen an die Aus­ge­stal­tung des ICAAP für bedeu­tende Kre­di­t­in­sti­tute hatte die BaFin seit Sep­tem­ber 2017 den Ent­wurf eines über­ar­bei­te­ten Leitfa­dens zu „Auf­sicht­li­che Beur­tei­lung bank­in­ter­ner Risi­ko­trag­fähig­keits­kon­zepte und deren pro­zes­sua­ler Ein­bin­dung in die Gesamt­bank­steue­rung („ICAAP“) – Neu­aus­rich­tung“ (RTF-Leitfa­den) kon­sul­tiert. Ein wei­te­rer Grund für die Neu­aus­rich­tung des RTF-Leitfa­dens war die in den EBA-Leit­li­nien zu SREP (EBA/GL/2014/13) vor­ge­schrie­bene Über­prü­fung des ICAAP sowie die Bewer­tung des­sen Inte­g­ra­tion in das Gesam­t­ri­si­ko­ma­na­ge­ment und das stra­te­gi­sche Mana­ge­ment des Insti­tuts.

Mit der Neu­aus­rich­tung des RTF-Leitfa­dens hat die BaFin die von der EZB ein­ge­führte nor­ma­tive Per­spek­tive sowie eine Nach­jus­tie­rung der öko­no­mi­schen Per­spek­tive von bank­in­ter­nen Risi­ko­trag­fähig­keits­kon­zep­ten in die deut­sche Auf­sichts­pra­xis für die durch sie beauf­sich­tig­ten Kre­di­t­in­sti­tute über­nom­men und zug­leich die Anfor­de­rung in AT 4.1 Tz. 2 MaRisk spe­zi­fi­ziert.

Dabei sind künf­tig beide Betrach­tungs­per­spek­ti­ven zwin­gend abzu­bil­den. Hier­bei gel­ten der Pro­por­tio­na­li­täts­grund­satz und die Metho­den­f­rei­heit (grund­sätz­lich nur für die öko­no­mi­sche Per­spek­tive). Alter­na­tiv zu den bei­den Betrach­tungs­per­spek­ti­ven ist die Wei­ter­füh­rung der sog. Going-Con­cern-Ansätze „alter Prä­g­ung“ ent­sp­re­chend des bis­he­ri­gen BaFin-Leitfa­dens aus dem Jahr 2011 mög­lich.

Hin­weis

Die bis auf wei­te­res alter­na­tiv zu den neuen Per­spek­ti­ven von der BaFin gewährte Fort­füh­rung der Going-Con­cern-Ansätze „alter Prä­g­ung“ stellt für die von der BaFin beauf­sich­tig­ten Kre­di­t­in­sti­tute zumin­dest eine vor­über­ge­hende Öff­nungs­klau­sel dar. Auf die für diese Kon­zepte modi­fi­zier­ten bzw. aktua­li­sier­ten Anfor­de­run­gen, die im Annex zum RTF-Leitfa­den auf­ge­nom­men wor­den sind, gehen wir am Ende die­ses Bei­trags ein.

Die finale Fas­sung des RTF-Leitfa­dens wurde nun am 24.5.2018 ver­öf­f­ent­licht. Für die Umset­zung der aktua­li­sier­ten Grund­sätze und Ver­fah­ren ist keine Frist vor­ge­se­hen. Ein Grund hier­für ist sicher­lich die zuläs­sige Wei­ter­füh­rung der Going-Con­cern-Ansätze „alter Prä­g­ung“.

Hin­weis

Der RTF-Leitfa­den ist aus­sch­ließ­lich auf Kre­di­t­in­sti­tute zuge­schnit­ten. Eine Über­trag­bar­keit der Grund­sätze und Kri­te­rien auf Finanz­di­enst­leis­tungs­in­sti­tute ist nicht ohne wei­te­res mög­lich und nicht gebo­ten. Finanz­di­enst­leis­ter müs­sen daher an den jewei­li­gen Geschäfts­ak­ti­vi­tä­ten aus­ge­rich­tete indi­vi­du­elle Lösungs­an­sätze zur Umset­zung der Anfor­de­run­gen des AT 4.1 MaRisk ent­wi­ckeln.

Die nor­ma­tive Per­spek­tive

Die nor­ma­tive Per­spek­tive erst­reckt sich über die Gesamt­heit aller regu­la­to­ri­schen und auf­sicht­li­chen sowie auf die dar­auf basie­ren­den inter­nen Anfor­de­run­gen. Damit wird die in AT 4.1 Tz. 2 MaRisk vor­ge­ge­bene Ziel­set­zung einer Fort­füh­rung des Insti­tuts umge­setzt.

Hin­weis

Die nor­ma­tive Per­spek­tive ähnelt dem bis­her übli­chen Going-Con­cern-Ansatz, kann aber mit die­sem auf Grund gewis­ser Aus­wei­tun­gen und Ver­schär­fun­gen, auf die im Fol­gen­den näher ein­ge­gan­gen wird, nicht gleich­ge­setzt wer­den.

Rele­vante Steue­rungs­grö­ßen sind die Kapi­tal­grö­ßen Kern­ka­pi­tal­an­for­de­rung, SREP-Gesamt­ka­pi­tal­an­for­de­rung, die kom­bi­nierte Puf­fer­an­for­de­rung und die Eigen­mit­tel­ziel­kenn­zif­fer (EMZK) sowie sämt­li­che Struk­tur­an­for­de­run­gen hin­sicht­lich des Kapi­tals. Wesent­li­che Kom­po­nen­ten sind dabei eine Betrach­tung auf Jah­res­ba­sis und eine Kapi­tal­pla­nung, die sich auf min­des­tens drei Jahre erst­reckt und min­des­tens jähr­lich fort­zu­sch­rei­ben ist.

Das Risi­ko­de­ckungs­po­ten­tial (RDP) setzt sich aus den jeweils zur Unter­le­gung der Min­dest­ka­pi­tal­an­for­de­run­gen bzw. Stress­ka­pi­tal­an­for­de­run­gen zuge­las­se­nen Instru­men­ten zusam­men. Für die Ermitt­lung der zur Ver­fü­gung ste­hen­den regu­la­to­ri­schen Eigen­mit­tel in spä­te­ren Pla­nungs­pe­rio­den sind die ent­sp­re­chen­den Posi­tio­nen der Gewinn- und Ver­lu­st­rech­nung zu pla­nen. Hier­bei ist das Vor­sicht­s­prin­zip zu beach­ten.

Die Risi­ko­quan­ti­fi­zie­rung für Adres­sen­aus­fall-, Markt­preis- und ope­ra­tio­nelle Risi­ken hat sich an den Anfor­de­run­gen der CRR (Capi­tal Requi­re­ments Regu­la­tion) aus­zu­rich­ten. Der Risi­ko­ho­ri­zont ist somit auf­sicht­lich auf ein Jahr deter­mi­niert, so dass nur noch eine rol­lie­rende Risi­ko­trag­fähig­keits­be­trach­tung mög­lich ist. Die Risi­ko­in­ven­tur hat den­noch (auch für die öko­no­mi­sche Betrach­tung) Risi­ken zu berück­sich­ti­gen, die sich ggf. erst nach Ablauf des ein­jäh­ri­gen Risi­ko­be­trach­tungs­ho­ri­zonts mate­ria­li­sie­ren bzw. mate­ria­li­sie­ren kön­nen (z. B. Zins­än­de­rungs­ri­si­ken). Alle sich aus der Risi­ko­in­ven­tur erge­ben­den wesent­li­chen Risi­ken sowie die Aus­wir­kun­gen von Risi­ken, die nur in der öko­no­mi­schen Per­spek­tive sicht­bar wer­den (z. B. Mig­ra­ti­ons­ri­si­ken oder aus der ver­lust­f­reien Bewer­tung des Zins­buchs gemäß IDW RS BFA 3), sind auch in der nor­ma­ti­ven Per­spek­tive quan­ti­ta­tiv zu berück­sich­ti­gen. Dies soll auf der Basis inter­ner Ver­fah­ren im Rah­men der Kapi­tal­pla­nung erfol­gen.

Die Kapi­tal­pla­nung hat sich über einen Zei­traum von min­des­tens drei Jah­ren zu erst­re­cken. In ihr ist wei­ter­hin zwi­schen Basis-/Plans­ze­na­rio und (min­des­tens einem) adver­sen Sze­na­rio zu unter­schei­den. Im Basis-/Plans­ze­na­rio sind erwar­tete Ver­än­de­run­gen der Geschäft­stä­tig­keit oder der stra­te­gi­schen Ziele (stra­te­gi­sche Pla­nung), Ver­än­de­run­gen des Markt- und Wett­be­werb­s­um­felds sowie bin­dende oder bereits besch­los­sene recht­li­che/regu­la­to­ri­sche Ände­run­gen zu berück­sich­ti­gen. In die­sem Sze­na­rio erwar­tet die Auf­sicht, dass ins­be­son­dere die Kapi­tal­grö­ßen Kern­ka­pi­tal­an­for­de­rung, SREP-Gesamt­ka­pi­tal­an­for­de­rung, kom­bi­nierte Puf­fer­an­for­de­rung und Höchst­ver­schul­dungs­quote ein­ge­hal­ten wer­den (siehe „erwar­te­ter Wert“ in Über­sicht 2).

Hin­weis

Die EMZK stellt zwar keine ver­bind­li­che Kapi­tal­an­for­de­rung dar, soll jedoch als auf­sicht­li­che Erwar­tungs­größe für Stress­pha­sen eine gewisse Leit­wir­kung dahin­ge­hend haben, dass sie die Gesamt­ka­pi­tal­aus­stat­tung auf­zeigt, die die BaFin bei Ein­tritt von bestimm­ten adver­sen Sze­na­rien als erfor­der­lich ansieht.

Das adverse Sze­na­rio der Kapi­tal­pla­nung ist das zen­trale Risi­kos­ze­na­rio der nor­ma­ti­ven Per­spek­tive. Hier erwar­tet die Auf­sicht, dass min­des­tens die SREP-Gesamt­ka­pi­tal­an­for­de­rung auch unter adver­sen Bedin­gun­gen ein­ge­hal­ten wird (siehe „Min­dest­wert“ in Über­sicht 2). Die Nut­zung regu­la­to­ri­scher Eigen­ka­pi­ta­l­e­le­mente zur Risi­ko­de­ckung in adver­sen Sze­na­rien muss kon­sis­tent zur Schwere der ange­nom­me­nen Sze­na­rien und dem Risi­ko­ap­pe­tit des Insti­tuts sein. Zudem sind die Risi­ken aus der öko­no­mi­schen Per­spek­tive sowohl in der Gewinn- und Ver­lu­st­rech­nung, den regu­la­to­ri­schen Eigen­mit­teln, als auch in den risi­ko­ge­wich­te­ten Posi­ti­ons­be­trä­gen des Kre­di­t­in­sti­tuts quan­ti­ta­tiv zu berück­sich­ti­gen. Bei einer sich im adver­sen Sze­na­rio erge­ben­den even­tu­el­len Unter­de­ckung ist im Ein­klang mit der Geschäfts- und Risi­ko­st­ra­te­gie und dem ggf. beste­hen­den Sanie­rungs­plan des Kre­di­t­in­sti­tuts ein plau­si­bel umsetz­ba­rer Maß­nah­men­ka­ta­log zur Wie­der­her­stel­lung der Ein­hal­tung aller regu­la­to­ri­schen Eigen­ka­pi­tal­an­for­de­run­gen zu ers­tel­len.

Hin­weis

Ins­ge­s­amt stellt die Umset­zung der nor­ma­ti­ven Per­spek­tive eine Her­aus­for­de­rung für die Kre­di­t­in­sti­tute dar. Dabei wird der in AT 4.1 Tz. 11 MaRisk ver­an­kerte Kapi­tal­pla­nung­s­pro­zess und des­sen Ver­knüp­fung mit der Risi­ko­trag­fähig­keit sowie des­sen engen Ver­bin­dung mit der stra­te­gi­schen und ope­ra­ti­ven Geschäfts­pla­nung des Kre­di­t­in­sti­tuts deut­lich auf­ge­wer­tet. Künf­tig ist somit auf eine stär­kere Nut­zung inte­grier­ter Modelle zur Kapi­tal­pla­nung sowie der Ana­lyse, Steue­rung und Wei­ter­ent­wick­lung der Geschäfts­mo­delle des Kre­di­t­in­sti­tuts unter dem Aspekt der Risi­ko­trag­fähig­keit abzu­s­tel­len. Auch in Bezug auf die Risi­ko­quan­ti­fi­zie­rung ist die Erwar­tung der Auf­sicht zu erwäh­nen, dass in der nor­ma­ti­ven Per­spek­tive alle wesent­li­chen Risi­ken i. S. d. MaRisk Berück­sich­ti­gung fin­den sol­len.

Die öko­no­mi­sche Per­spek­tive

Ziel der öko­no­mi­schen Per­spek­tive ist die Sub­stanz­si­che­rung des Kre­di­t­in­sti­tuts und der Schutz vor Ver­lus­ten. Dabei sol­len alle Risi­ken mit Aus­wir­kung auf die wirt­schaft­li­che Über­le­bens­fähig­keit des Kre­di­t­in­sti­tuts mit Kapi­tal gedeckt wer­den. Vor die­sem Hin­ter­grund ist das RDP grund­sätz­lich los­ge­löst von der han­dels­recht­li­chen Rech­nungs­le­gung und den regu­la­to­ri­schen Vor­ga­ben abzu­lei­ten. Die Risi­ko­quan­ti­fi­zie­rung hat sich aus­sch­ließ­lich an Markt­p­rei­sen bzw. an Bewer­tun­gen, die sich den tat­säch­li­chen Markt­p­rei­sen annäh­ern, zu ori­en­tie­ren.

Hin­weis

Die öko­no­mi­sche Per­spek­tive ist der deut­schen Bank­pra­xis bis­her als „Liqui­da­ti­ons­an­satz“ bzw. „Gone-Con­cern-Ansatz“ bekannt, der dem in AT 4.1 Tz. 2 MaRisk defi­nier­ten Gläu­bi­ger­schutz Rech­nung trägt.

Maß­ge­bend ist die interne Ermitt­lungs­me­tho­dik des Kre­di­t­in­sti­tuts. Dabei soll sowohl bei der Risi­ko­quan­ti­fi­zie­rung als auch bei der RDP-Ermitt­lung auf eine kon­sis­tente und in sich schlüs­sige Betrach­tung geach­tet wer­den. Der RTF-Leitfa­den unter­schei­det in drei Arten von Model­lie­run­gen der Risi­ko­mes­sung und trägt dadurch dem Pro­por­tio­na­li­tät­s­prin­zip und dem Metho­den­f­rei­heits­ge­dan­ken Rech­nung.

Wird das RDP z. B. bar­wer­tig abge­lei­tet (Bar­wert sämt­li­cher Ver­mö­gens­werte, Ver­bind­lich­kei­ten und außer­bi­lan­zi­el­ler Posi­tio­nen), so sind die Risi­ken eben­falls bar­wer­tig zu mes­sen (bar­wer­tige RTF). Dar­über hin­aus ist auch eine perio­di­sche oder auf­sicht­li­che Betrach­tung für die RDP-Ablei­tung zuläs­sig. Eine Ber­ei­ni­gung um markt­ver­zer­rende Effekte (wie z.B. stille Las­ten/Reser­ven) ist in sol­chen Fäl­len Pflicht, wobei die Genau­ig­keit der Kor­rek­tu­ren von insti­tuts­in­di­vi­du­el­len Pro­por­tio­na­li­täts­über­le­gun­gen abhängt. Die Risi­ko­quan­ti­fi­zie­rung hat dann gemäß der sog. bar­wert­na­hen RTF zu erfol­gen. Dabei kann z. B. sowohl für die Kor­rek­tur markt­ver­zeh­ren­der Effekte bei der RDP-Ablei­tung als auch für die Mes­sung bestimm­ter Risi­ken auf das Ver­fah­ren im Jah­res­ab­schluss zur ver­lust­f­reien Bewer­tung des Zins­buchs (IDW RS BFA 3) zurück­ge­grif­fen wer­den.

Hin­weis

Das Wahl­recht in Bezug auf die Anwen­dung zwi­schen der bar­wer­ti­gen RTF bzw. der bar­wert­na­hen RTF hat (anders als ursprüng­lich vor­ge­se­hen) unab­hän­gig vom Pro­por­tio­na­li­täts­grund­satz zu erfol­gen.

Unter Berück­sich­ti­gung des Pro­por­tio­na­li­tät­s­prin­zips dür­fen aller­dings sehr kleine und wenig kom­plexe Insti­tute eine ver­ein­fachte Risi­ko­mes­sung anwen­den, bei wel­cher zu den Risi­ko­wer­ten der Säule 1 quan­ti­fi­zierte Risi­ko­werte für nicht hin­rei­chend in Säule 1 berück­sich­tigte und wei­tere wesent­li­che Risi­koar­ten hin­zu­ad­diert wer­den (sog. „Säule 1 +“-RTF).

Hin­weis

Anknüp­fungs­punkte für die Ermitt­lung nicht hin­rei­chend in Säule 1 berück­sich­tig­ter Risi­ko­werte im Rah­men der „Säule 1+“-RTF kön­nen sich z. B. aus den Zins­schocks gemäß dem BaFin-Rund­sch­rei­ben 9/2018 „Zins­än­de­rungs­ri­si­ken im Anla­ge­buch“ oder auch aus den Risi­ko­be­trä­gen auf Basis einer Plau­si­bi­li­sie­rung nach AT 4.1 Tz. 5 MaRisk (Erfah­rungs­werte, Ver­g­leichs­maß­s­täbe, Exper­ten­schät­zung) erge­ben.

Auf der RDP-Seite sind auch erwar­tete Ver­luste bei der Ermitt­lung des Bar­werts akti­vi­scher Posi­tio­nen abzu­bil­den, nicht jedoch geplante Werte (z. B. Plan­ge­winn, Neu­ge­schäft). Hin­sicht­lich der Risi­ko­quan­ti­fi­zie­rung bei wesent­li­chen Risi­ken sind neben den erwar­te­ten Ver­lus­ten, die grund­sätz­lich noch nicht bereits im Rah­men der RDP-Ablei­tung abge­bil­det wor­den sind, auch uner­war­tete Ver­luste zu berück­sich­ti­gen. Die Risi­ken sind über einen ein­heit­lich lan­gen künf­ti­gen Zei­traum zu ermit­teln (rol­lie­rende Ein­jah­res­be­trach­tung). Der Ansatz für die Risi­ko­mes­sung soll zwi­schen den ein­zel­nen Risi­koar­ten kon­sis­tent sein und sich bei allen Metho­den zur Risi­ko­be­ur­tei­lung ins­ge­s­amt am Niveau der inter­nen Modelle der Säule 1 (in etwa dem Kon­fi­denz­ni­veau von 99,9 %) ori­en­tie­ren. Grund­sätz­lich wird eine Brut­to­be­trach­tung bei der Risi­ko­er­mitt­lung erwar­tet, ohne risi­ko­m­in­dernde Diver­si­fi­ka­ti­on­s­ef­fekte inn­er­halb oder zwi­schen ein­zel­nen Risi­koar­ten; sol­che Effekte dür­fen nur unter den Vor­aus­set­zun­gen gemäß AT 4.1 Tz. 6 und 7 MaRisk berück­sich­tigt wer­den.

Hin­weis

Auch für die Umset­zung der öko­no­mi­schen Per­spek­tive ist aus­ge­hend von den bis­her genutz­ten inter­nen Model­len eine umfas­sende Ana­lyse der ggf. erfor­der­li­chen Anpas­sung vor­zu­neh­men. Auf­grund des nun fest­ge­leg­ten Kon­ser­va­ti­vi­täts­ni­ve­aus für die Risi­ko­mes­sung ist ins­be­son­dere bei Kre­di­t­in­sti­tu­ten, die bis­her einen Going-Con­cern-Ansatz mit einem rela­tiv nie­d­ri­gem Kon­fi­denz­ni­veau (z. B. 95 %) nut­zen, zu ana­ly­sie­ren, in wel­chem Umfang die neuen Anfor­de­run­gen ggf. zu höhe­ren öko­no­mi­schen Kapi­tal­an­for­de­run­gen füh­ren könn­ten.

Stress­tests

Stress­tests sind gemäß AT 4.3.3 Tz. 1 MaRisk zunächst regel­mä­ßig für die wesent­li­chen Risi­koar­ten aber auch gemäß AT 4.3.3 Tz. 3 MaRisk für das Gesam­t­ri­si­ko­pro­fil des Kre­di­t­in­sti­tuts durch­zu­füh­ren.

Der RTF-Leitfa­den gibt zwei kon­k­re­ti­sie­rende Anfor­de­run­gen hin­sicht­lich der durch­zu­füh­r­en­den Stress­tests vor. So erfül­len Kre­di­t­in­sti­tute, die ihre Kapi­tal­pla­nung im Rah­men der adver­sen Betrach­tung in der nor­ma­ti­ven Per­spek­tive iden­tisch einem schwe­ren kon­junk­tu­rel­len Abschwung i. S. d. AT 4.3.3 Tz. 3 MaRisk aus­ge­stal­tet haben (sofern die­ses Sze­na­rio für das jewei­lige Insti­tut einen spür­ba­ren Ein­fluss auf die Kapi­tal­aus­stat­tung und -pla­nung auf­weist), sämt­li­che Min­de­st­an­for­de­run­gen an Stress­tests für das Gesam­t­ri­si­ko­pro­fil gemäß AT 4.3.3 Tz. 3 MaRisk.

Stress­tests sind auch im Rah­men der öko­no­mi­schen Per­spek­tive durch­zu­füh­ren, die los­ge­löst von den der Risi­ko­mess­ver­fah­ren zugrun­de­lie­gen­den Prä­mis­sen poten­zi­elle bis­her nicht bzw. nicht hin­rei­chend abge­bil­dete Ereig­nisse berück­sich­ti­gen sol­len.

Hin­weis

Die Abbil­dung von Stress­tests unter den stren­gen Para­me­ter­an­for­de­run­gen der öko­no­mi­schen Per­spek­tive (bar­wer­tig, Kon­fi­denz­ni­veau 99,9 %) stellt ins­be­son­dere für Kre­di­t­in­sti­tute, die bis­her Stress­tests in einem perio­di­schen Going-Con­cern-Ansatz mit gerin­gen Kon­fi­denz­ni­veau (z. B. 95 %) betrach­tet haben, eine Her­aus­for­de­rung dar.

Zusam­men­wir­kung bei­der Per­spek­ti­ven

Nun haben Kre­di­t­in­sti­tute zwin­gend beide Per­spek­ti­ven abzu­bil­den, die unter­schied­li­che Blick­win­kel auf die Risi­ko­trag­fähig­keit des Kre­di­t­in­sti­tu­tes bie­ten. Diese sind aller­dings nicht los­ge­löst von ein­an­der zu betrach­ten. Die Infor­ma­tio­nen der öko­no­mi­schen Per­spek­tive müs­sen in die nor­ma­tive Per­spek­tive ein­ge­bun­den wer­den, um eine ein­heit­li­che Steue­rung zu gewähr­leis­ten. So sind bei­spiels­weise die Aus­wir­kun­gen wesent­li­cher Risi­ken aus der öko­no­mi­schen Per­spek­tive zu ana­ly­sie­ren und in der nor­ma­ti­ven Per­spek­tive quan­ti­ta­tiv zu berück­sich­ti­gen. Gemäß AT 4.3.2. Tz. 1 MaRisk sind zudem beide Per­spek­ti­ven kon­sis­tent über alle Risi­koar­ten hin­weg in die Gesamt­bank­steue­rung ein­zu­bin­den. Eine Doku­men­ta­tion, wie beide Per­spek­ti­ven in der prak­ti­zier­ten Gesamt­bank­steue­rung berück­sich­tigt wer­den, wird sei­tens der Auf­sicht erwar­tet.

Hin­weis

Auf­grund der vor­ge­ge­be­nen engen Ver­knüp­fung bei­der Per­spek­ti­ven und sich erge­ben­der Wech­sel­wir­kun­gen wird eine detail­lierte Auf­nahme sämt­li­cher Risi­koar­ten (im Rah­men der Risi­ko­in­ven­tur) für eine gleich­ge­rich­tete Steue­rung uner­läss­lich.

Aktua­li­sierte Prin­zi­pien und Kri­te­rien für die Nut­zung der Going-Con­cern-Ansätze „alter Prä­g­ung“

Die Anwen­dung der Going-Con­cern-Ansätze „alter Prä­g­ung“ steht als Alter­na­tive zu den bei­den neuen Sicht­wei­sen. Der Annex des RTF-Leitfa­dens wie­der­holt und präz­i­siert die aus dem nun auf­ge­ho­be­nen BaFin-Leitfa­den zur „Auf­sicht­li­chen Beur­tei­lung bank­in­ter­ner Risi­ko­trag­fähig­keits­kon­zep­te“ vom 7.12.2011 bekann­ten Anfor­de­run­gen.

Ände­run­gen bzw. Kon­k­re­ti­sie­run­gen erge­ben sich u. a. in Bezug auf:

  • Risi­ko­in­ven­tur - es sind auch Risi­ken zu berück­sich­ti­gen, die sich u. U. erst im Zei­t­ablauf, d. h. nach Ablauf des ein­jäh­ri­gen Risi­ko­be­trach­tungs­ho­ri­zonts der Risi­ko­trag­fähig­keits­rech­nung mate­ria­li­sie­ren bzw. mate­ria­li­sie­ren kön­nen (z. B. Zins­än­de­rungs­ri­si­ken),
  • Anfor­de­run­gen, unter wel­chen der Son­der­pos­ten nach § 340e Abs. 4 HGB als RDP ange­setzt wer­den darf,
  • Berück­sich­ti­gung der § 340f HGB-Reserve als RDP, sofern diese nicht bereits den regu­la­to­ri­schen Eigen­mit­teln hin­zu­ge­rech­net ist,
  • keine Berück­sich­ti­gung von zins­in­du­zier­ten stil­len Las­ten von Wert­pa­pie­ren des Anla­ge­be­stands, sofern diese Wert­pa­piere in die ver­lust­f­reie Bewer­tung des Zins­buchs nach IDW RS BFA 3 ein­f­lie­ßen,
  • Eli­mi­nie­rung akti­ver laten­ter Steu­ern und des Good­wills gemäß den CRR-Vor­schrif­ten, sofern freie Eigen­mit­tel als RDP ange­setzt wer­den,
  • bei der Ermitt­lung des Zins­än­de­rungs­ri­si­kos ist ein etwai­ger Rück­stel­lungs­be­darf im Rah­men der ver­lust­f­reien Bewer­tung des Zins­buchs nach IDW RS BFA 3 grund­sätz­lich zu berück­sich­ti­gen,
  • gemäß AT 4.1 Tz. 3 MaRisk ist die über den Bilanz­stich­tag hin­aus­ge­hende Risi­ko­be­trach­tung (Jah­re­s­ende-Sicht bzw. ab Jah­res­mitte die Jah­re­s­ende-Sicht des Fol­ge­jah­res) wei­ter­hin zuläs­sig.

Hin­weis

Die Anwen­dung der Going-Con­cern-Ansätze „alter Prä­g­ung“ ist bis auf wei­te­res zuläs­sig. Auf­grund der vor­an­sch­rei­ten­den Har­mo­ni­sie­rungs­be­st­re­bun­gen inn­er­halb des SSM-Rau­mes und der mög­li­chen künf­ti­gen Erwar­tun­gen auch an weni­ger bedeu­tende Insti­tute könnte die Dul­dung der Wei­ter­füh­rung der Going-Con­cern-Ansätze „alter Prä­g­ung“ früher oder spä­ter weg­fal­len. Vor die­sem Hin­ter­grund emp­fiehlt es sich auch für Kre­di­t­in­sti­tute, die sich für eine Fort­füh­rung der Going-Con­cern-Ansätze „alter Prä­g­ung“ ent­schei­den, paral­lel zu deren Anwen­dung kon­k­rete Über­le­gun­gen (z. B. Aus­wir­kungs­ana­ly­sen, Pro­zess­an­pas­sungs­be­darf) über die Inte­g­ra­tion der neuen Ansätze in ihre RTF-Kon­zepte anzu­s­tel­len.


nach oben