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Grenzen der Umsatzsteuerfreiheit ärztlicher Leistungen

FG Hamburg 25.11.2015, 6 K 205/14

Nach ständi­ger EuGH-Recht­spre­chung sind die Be­griffe, mit de­nen die in Art. 132 der MwSt­Sys­tRL vor­ge­se­he­nen Steu­er­be­frei­un­gen um­schrie­ben sind, eng aus­zu­le­gen. Die be­ra­tende Tätig­keit ei­nes Arz­tes für die Ab­tei­lung für me­di­zi­ni­sche Grund­satz­fra­gen ei­ner pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung ist dem­nach nicht um­satz­steu­er­frei.

Der Sach­ver­halt:
Der Kläger ist Arzt und be­trieb in den Streit­jah­ren 2006 bis 2009 eine Ein­zel­pra­xis. Von 1986 bis 2009 war er zu­dem für eine Ver­si­che­rung be­ra­tend tätig. Die Be­ra­tung er­folgte zwei­mal wöchent­lich für je­weils zwei Stun­den in den Ge­schäftsräumen des Un­ter­neh­mens ge­genüber Mit­ar­bei­tern der Ab­tei­lung für me­di­zi­ni­sche Grund­satz­fra­gen. Dem Kläger wur­den je­des Mal 30 bis 40 Ver­si­che­rungs­ak­ten vor­ge­legt. Er be­ur­teilte für die Mit­ar­bei­ter, ob Dia­gnos­tik- und Be­hand­lungs­me­tho­den dem Grunde und der Höhe nach me­di­zi­ni­sch not­wen­dig wa­ren und hin­sicht­lich be­an­trag­ter Heil- und Hilfs­mit­tel so­wie The­ra­pie­pro­gno­sen und -emp­feh­lun­gen schul­me­di­zi­ni­schen Stan­dards ent­spra­chen. Dafür er­hielt der Kläger eine mo­nat­li­che Pau­schale von 3.100 € bzw. 3.400 €.

Das Fi­nanz­amt be­ur­teilte die Umsätze aus der Tätig­keit des Klägers bei der Ver­si­che­rung als um­satz­steu­er­pflich­tige Leis­tun­gen, die ins­be­son­dere nicht der Steu­er­be­frei­ung gem. § 4 Nr. 14 UStG un­ter­fal­len. Ent­spre­chend änderte die Behörde die Um­satz­steu­er­fest­set­zun­gen für die Jahre 2006 bis 2009. Der Kläger hielt da­ge­gen, er habe die für die Ver­si­che­rung er­brach­ten Leis­tun­gen als Arzt er­bracht, wes­we­gen sie um­satz­steu­er­frei seien. Er habe keine Gut­ach­ten hin­sicht­lich der Kos­ten er­stellt, son­dern Be­hand­lungs­emp­feh­lun­gen er­teilt.

Das FG wies die Klage ab. Das Ur­teil ist rechtskräftig.

Die Gründe:
Diese Leis­tun­gen sind nicht gem. § 4 Nr. 14 UStG in der bis zum 31.12.2008 gel­ten­den Fas­sung bzw. gem. § 4 Nr. 14a UStG in der ab dem 1.1.2009 gel­ten­den Fas­sung um­satz­steu­er­frei. Den Re­ge­lun­gen lie­gen Art. 13 Teil A Abs. 1c der Richt­li­nie 77/388/EWG bzw. Art. 132 Abs. 1c der MwSt­Sys­tRL zu Grunde.

Nach ständi­ger EuGH-Recht­spre­chung sind die Be­griffe, mit de­nen die in Art. 132 der MwSt­Sys­tRL vor­ge­se­he­nen Steu­er­be­frei­un­gen um­schrie­ben sind, eng aus­zu­le­gen. Zwar gilt, dass wenn die "Heil­be­hand­lun­gen im Be­reich der Hu­man­me­di­zin" auch einen the­ra­peu­ti­schen Zweck ha­ben müssen, dar­aus doch nicht zwangsläufig folgt, dass die­ser Be­griff eine be­son­ders enge Aus­le­gung ver­langt. Dem­ge­genüber kom­men die ärzt­li­chen Leis­tun­gen, die zu einem an­de­ren Zweck als dem des Schut­zes ein­schließlich der Auf­recht­er­hal­tung oder Wie­der­her­stel­lung der mensch­li­chen Ge­sund­heit er­bracht wer­den, nach der EuGH-Recht­spre­chung für eine Steu­er­be­frei­ung nach Art. 13 Teil A Abs. 1c der Richt­li­nie 77/388/EWG bzw. Art. 132 Abs. 1c der MwSt­Sys­tRL nicht in Be­tracht.

Be­steht die Leis­tung in ei­ner gut­ach­ter­li­chen Stel­lung­nahme oder ei­ner Be­ra­tungs­leis­tung, ist das Haupt­ziel, auch wenn die Er­brin­gung der Leis­tung An­for­de­run­gen an die me­di­zi­ni­sche Kom­pe­tenz des Er­brin­gers stellt - was bei ärzt­li­chen Stel­lung­nah­men stets der Fall ist - und für den Arzt­be­ruf ty­pi­sche Tätig­kei­ten wie die Prüfung sei­ner Kran­ken­ge­schichte um­fas­sen kann, nicht der Schutz ein­schließlich der Auf­recht­er­hal­tung oder Wie­der­her­stel­lung der Ge­sund­heit der Per­son, zu der die gut­ach­ter­li­che Stel­lung­nahme oder die Be­ra­tungs­leis­tung er­folgt. Eine sol­che Leis­tung, die die von einem Drit­ten als Auf­trag­ge­ber ge­stell­ten Fra­gen be­ant­wor­ten soll, soll die­sem viel­mehr den Er­lass ei­ner Ent­schei­dung ermögli­chen, die ge­genüber dem Be­trof­fe­nen oder an­de­ren Per­so­nen Rechts­wir­kun­gen er­zeugt.

Von die­sen Grundsätzen aus­ge­hend, kann der Kläger für die Er­brin­gung der streit­ge­genständ­li­chen Be­ra­tungs­leis­tun­gen ge­genüber Mit­ar­bei­tern der Ab­tei­lung für me­di­zi­ni­sche Grund­satz­fra­gen keine Um­satz­steu­er­be­frei­ung be­an­spru­chen. We­der un­ter­suchte der Kläger die Ver­si­cher­ten selbst noch hatte er persönli­chen Kon­takt zu ih­nen. Dass er da­bei keine grund­le­gende ärzt­li­che Tätig­keit ausübte, zeigt auch der zeit­li­che Auf­wand. Haupt­zweck sei­ner Be­ra­tungs­leis­tung war da­her, der Kran­ken­ver­si­che­rung eine Ent­schei­dung darüber zu ermögli­chen, ob der Ver­si­cherte gemäß den kran­ken­ver­si­che­rungs­ver­trag­li­chen Vor­aus­set­zun­gen An­spruch auf Kos­ten­er­satz hatte. Der Kläger griff we­der durch ei­gene Ver­ord­nung von Heil- oder Vor­sor­gemaßnah­men noch durch Emp­feh­lun­gen be­stimm­ter Heil- oder Vor­sor­gemaßnah­men in die Heil­be­hand­lung ei­nes Ver­si­cher­ten ein.

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