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Vorrangiger Kindergeldanspruch des im anderen EU-Mitgliedstaat wohnenden Elternteils

BFH 28.4.2016, III R 68/13

Der Kin­der­geld­an­spruch ei­nes in Deutsch­land wohn­haf­ten El­tern­teils für sein in Spa­nien im Haus­halt des an­de­ren El­tern­teils le­ben­des Kind wird nach § 64 Abs. 2 S. 1 EStG i.V.m. Art. 67 der VO Nr. 883/2004, Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009 durch den vor­ran­gi­gen Kin­der­geld­an­spruch des an­de­ren El­tern­teils verdrängt. Der Be­griff der "be­tei­lig­ten Per­so­nen" i.S.d. Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009 ist im Hin­blick auf das Kin­der­geld nach dem EStG nach Art. 1 Buchst. i Nr. 1 Buchst. i und nicht nach Art. 1 Buchst. i Nr. 2 der VO Nr. 883/2004 zu be­stim­men.

Der Sach­ver­halt:
Strei­tig ist der Kin­der­geld­an­spruch für den Zeit­raum März 2012 bis März 2013. Der Kläger ist der Va­ter der vier Kin­der A (geb. 1996), S (1999), D (2002) und F (2003). Er ist seit dem 1.3.2010 in Deutsch­land nicht­selbständig tätig. D und F le­ben seit 2004 bei ih­rer Mut­ter in Spa­nien, die dort er­werbstätig ist. A und S le­ben beim Kläger.

Die be­klagte Fa­mi­li­en­kasse lehnte den An­trag des Klägers, ihm Kin­der­geld für D und F zu gewähren, ab März 2012 mit der Begründung ab, dass die Kinds­mut­ter nach § 64 Abs. 2 S. 1 EStG we­gen der Haus­halts­auf­nahme von D und F den vor­ran­gi­gen Kin­der­geld­an­spruch habe. Mit der hier­ge­gen ge­rich­te­ten Klage be­gehrte der Kläger Dif­fe­renz­kin­der­geld für den Zeit­raum ab März 2012 i.H.v. rd. 170 € für D und i.H.v. rd. 190 EUR für F.

Das FG gab der Klage in vol­lem Um­fang statt. Auf die Re­vi­sion der Fa­mi­li­en­kasse hob der BFH das Ur­teil des FG auf und wies die Klage ab.

Die Gründe:
Das FG hat zu Un­recht ent­schie­den, dass der An­spruch auf Kin­der­geld (vor­ran­gig) dem Kläger zu­steht. Der Kläger ist zwar nach na­tio­na­lem Recht (§§ 62 ff. EStG) an­spruchs­be­rech­tigt. Der Kinds­mut­ter steht aber nach § 64 Abs. 2 S. 1 EStG ein vor­ran­gi­ger Kin­der­geld­an­spruch zu.

Der Kläger erfüllt die An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen nach § 62 Abs. 1 Nr. 1 i.V.m. § 63 EStG. Al­ler­dings ist die Kinds­mut­ter nach § 64 Abs. 2 S. 1 EStG vor­ran­gig an­spruchs­be­rech­tigt. Denn sie hat D und F in ih­ren Haus­halt auf­ge­nom­men und gem. Art. 67 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/2004 zur Ko­or­di­nie­rung der Sys­teme der so­zia­len Si­cher­heit - VO Nr. 883/2004 (Grund­ver­ord­nung) - i.V.m. Art. 60 Abs. 1 S. 2 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 987/2009 zur Fest­le­gung der Mo­da­litäten für die Durchführung der VO Nr. 883/2004 Grund­ver­ord­nung - VO Nr. 987/2009 (Durchführungs­ver­ord­nung) - ist zu un­ter­stel­len, dass sie mit D und F in Deutsch­land wohnt.

Nach § 64 Abs. 1 EStG wird für je­des Kind nur einem Be­rech­tig­ten Kin­der­geld ge­zahlt. Bei meh­re­ren Be­rech­tig­ten wird das Kin­der­geld dem­je­ni­gen ge­zahlt, der das Kind in sei­nen Haus­halt auf­ge­nom­men hat (§ 64 Abs. 2 S. 1 EStG). Vor­lie­gend er­gibt sich die An­spruchs­be­rech­ti­gung der Kinds­mut­ter aus § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG. Zwar liegt der nach die­ser Vor­schrift er­for­der­li­che In­lands­wohn­sitz tatsäch­lich nicht vor. Es fin­den je­doch die Vor­schrif­ten der VO Nr. 883/2004 und der VO Nr. 987/2009 An­wen­dung. Da­durch wird gem. Art. 67 der VO Nr. 883/2004 i.V.m. Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009 ein In­lands­wohn­sitz der Kinds­mut­ter fin­giert.

Zu den "be­tei­lig­ten Per­so­nen" i.S.d. Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009 gehören die "Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen" i.S.d. Art. 1 Buchst. i Nr. 1 Buchst. i der VO Nr. 883/2004. Da das Kin­der­geld­recht nach dem EStG den Be­griff des Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen we­der ver­wen­det noch de­fi­niert, sind hier­un­ter ne­ben den El­tern­tei­len und dem Kind auch alle Per­so­nen zu ver­ste­hen, die nach na­tio­na­lem Recht be­rech­tigt sind, An­spruch auf diese Leis­tun­gen zu er­he­ben. Da­her wer­den von die­sem Be­griff nach § 62 Abs. 1 i.V.m. § 63 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 EStG auch El­tern­teile er­fasst, die nicht mit­ein­an­der ver­hei­ra­tet sind. Der Be­griff der "be­tei­lig­ten Per­so­nen" i.S.d. Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009 ist auch nicht un­ter Rück­griff auf Art. 1 Buchst. i Nr. 2 der VO Nr. 883/2004 zu be­stim­men.

Da­nach wer­den als "Fa­mi­li­en­an­gehörige" nur der Ehe­gatte, die min­derjähri­gen Kin­der und die un­ter­halts­be­rech­tig­ten volljähri­gen Kin­der an­ge­se­hen, wenn die an­zu­wen­den­den Rechts­vor­schrif­ten ei­nes Mit­glied­staats die Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen nicht von an­de­ren Per­so­nen un­ter­schei­den, auf die diese Rechts­vor­schrif­ten an­wend­bar sind. Die Nicht­an­wend­bar­keit die­ser Be­stim­mung er­gibt sich zum einen dar­aus, dass im deut­schen Kin­der­geld­recht die An­spruchs­be­rech­ti­gung von ei­ner fa­mi­li­en­recht­li­chen Be­zie­hung abhängig ge­macht wird (vgl. § 62 Abs. 1 i.V.m. § 63 Abs. 1 EStG). Zum an­de­ren hat auch der EuGH in sei­nem Ur­teil in DStRE 2015, 1501, Rz 38 zur Be­stim­mung der "be­tei­lig­ten Per­so­nen" auf die nach dem na­tio­na­len Recht An­spruchs­be­rech­tig­ten ab­ge­stellt und da­mit auch die ehe­ma­lige (ge­schie­dene) Ehe­frau des An­spruch­stel­lers als "be­tei­ligte Per­son" qua­li­fi­ziert. Schließlich erfüllt die Kinds­mut­ter auch die übri­gen Vor­aus­set­zun­gen für eine vor­ran­gige An­spruchs­be­rech­ti­gung.

Link­hin­weis:

  • Der Voll­text der Ent­schei­dung ist auf der Home­page des BFH veröff­ent­licht.
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